Eine Untersuchung der Massaker in Algerien – Vorwort von N. Chomsky

Eine Untersuchung der Massaker in Algerien

An Inquiry into the Algerian Massacres, herausgegeben von Youcef Bedjaoui, Abbas Aroua und Meziane Ait-Larbi, mit Vorworten von Professor Noam Chomsky und Lord Eric Avebury, Verlag Hoggar, Genf 1999. ISBN 940130-08-6, 1504 Seiten, farbige Abbildungen.

An Inquiry into the Algerian Massacres
Vorwort von Noam Chomsky

Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Für diesen Reader treten zumindest zwei Feststellungen mit beklemmender Klarheit hervor, die sich aus der Untersuchung der schrecklichen Greueltaten in Algerien in den letzten Jahren ergeben.

Die erste Feststellung entspringt der Beobachtung, dass Geschichte « von den Siegern geschrieben wird » – allgemeiner ausgedrückt von denjenigen, die über die Macht verfügen, ihre Entscheidungen und Interpretationen durchzusetzen. Wir erkennen kaum je die Wahrheiten der Geschichte, wie sie sich aus der Sicht jener darstellen, die ihre bittere Wirklichkeit erlitten haben. Diese Wahrheiten erscheinen, wenn überhaupt, nur mit grosser Verzögerung und werden an die Ränder der herrschenden intellektuellen Kulturen gedrängt. Wie in dem geschichtlichen Rückblick in dieser Studie ausführlich und schmerzhaft genau dargelegt wird, bildet auch die Folter Algeriens durch die Träger der europäischen Zivilisation keine Ausnahme von dieser schändlichen Regel.

Die zweite Feststellung unterstreicht diese Tatsache für die aktuelle Geschichte. Nach dem « entscheidenden militärischen Sieg des herrschenden Regimes 1995 » gab es keinen Schutz mehr für « die soziale Basis » derjenigen, gegen die sich diese ungeheuerliche Gewalt richtete; « und das Schweigen der einflussreichsten Mitglieder der internationalen Gemeinschaft über Jahre hinweg liess die als Opfer dieser Gewalt auserkorenen Bevölkerungsgruppen in einer äußerst gefährdeten Lage » – eine ziemlich zurückhaltende Formulierung, wie die detaillierte Untersuchung der Tatbestände zeigt. Die Lektionen für die « internationale Gemeinschaft » bedürfen keiner weiteren Kommentierung oder Erläuterung, zumindest für diejenigen ihrer Mitglieder, die sich nicht mit einer zynischen Haltung bescheiden und die edlen Worte ernst nehmen, die im Überfluss verströmt werden – in Selbsthuldigung.

Das Hauptthema, das in dieser sorgfältigen und kenntnisreichen Untersuchung behandelt wird, ist die Frage, die in den vorstehenden Worten offengelassen wurde: Wer sind die Täter dieser « ungeheuerlichen Gewalt », die im Gefolge der Konsolidierung des militärischen Sieges des herrschenden Regimes ausbrach?

Die von den Siegern vorgebrachte Antwort lautet, dass islamisch-fundamentalistische Terroristen eine grässliche und blindwütige Rache an einer Gesellschaft üben, die sie nicht für ihre Sache gewinnen konnten. Mit dieser Version warten auch die westlichen Mächte auf, einschliesslich der Profiteure eines merkwürdigen Phänomens, das von ausländischen Beobachtern und in dieser Studie konstatiert wurde: nämlich dass die ressourcenreichen Regionen Algeriens, die von herausragendem Interesse für die ausländischen Staaten und Konzerne sind, in einem bemerkenswerten Masse von der Gewalt verschont blieben.

Den grossen internationalen Menschenrechtsorganisationen und hervorragenden Journalisten erschien diese Antwort nicht sehr überzeugend; so stellen sie weiterhin « die gleiche unheilvolle Frage, die sich die Algerier selbst seit Jahren stellen: wer steht hinter diesen Greueltaten? » (David Hirst) Die Beweise, die sie aufgespürt und angesammelt haben, stützen eine andere Version der jüngsten Geschichte: « Das andere Szenario, für das es breites Belegmaterial insbesondere von Menschenrechtsorganisationen gibt, besagt, dass die algerische Armee die unsichtbare Hand hinter vielen, möglicherweise sogar der Mehrzahl der Massaker ist » (Robert Moore). Schlagende Beweise kamen von Überläufern und von den Opfern. Gestützt wird dies durch die immer wieder berichtete Tatsache, dass Massaker gemeinhin in grosser Nähe von militärischen und polizeilichen Einrichtungen stattfinden, obwohl sie für lange Zeitspannen mit unbeschreiblicher Brutalität und ohne jedes Eingreifen wüten. Dies erscheint noch glaubwürdiger vor dem Hintergrund der furchtbaren Berichte über die Folter von Beobachtern der Menschenrechtslage und Journalisten, insbesondere Robert Fisk. Übergelaufene Geheimagenten und andere Quellen haben Beweise und Zeugenaussagen dafür geliefert, dass nicht nur Massaker in Algerien von algerischen Militär- und Geheimdiensten organisiert und durchgeführt wurden, die sodann islamischen Fanatikern zugeschrieben wurden, sondern auch die Bombenanschläge in Paris 1995. Letztere werden als Versuch beschrieben, die westliche Unterstützung für den Feldzug der Militärherrscher gegen die innere islamische Opposition zu mobilisieren, die eine Wahl gewonnen hatte, die von ihnen abgebrochen wurde, womit die Herrschaft von Terror und Schrecken einsetzte.

Der erste Bericht von Überläufern im Londoner Observer, der viele voneinander unabhängige Beweise bestätigte, « erzeugte grosse Unruhe in den Kreisen hochrangiger Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter in ganz Europa; britische, französische, italienische und algerische Beamte arbeiteten hinter der Bühne hart daran, die Beweise unschädlich zu machen », die ein ehemaliger algerischer Geheimpolizist geliefert hatte und die ein paar Tage darauf von Zeugen bestätigt wurden, die in Paris auftauchten (John Sweeney, John Hooper, Observer; auch aus Le Monde zitierend). Wo liegen die Gründe für diese Reaktion? Ein « westlicher Experte » sagte, dass « die westlichen Regierungen über alles Bescheid wissen, was in Algerien geschieht, aber den Mantel des Schweigens darüber breiten. Man könnte vermuten, dass dies an Algeriens Ölmilliarden liegt. »

Die Spekulation muss hier nicht haltmachen. Obgleich die Geschichte weithin von den Siegern geschrieben wird, haben wir hinreichend über die Prozesse der Entkolonisierung und des informellen Reiches (informal empire) gelernt, um zu wissen, dass fortwährend neue Ketten geschmiedet werden, um die einmal zerbrochenen zu ersetzen. Die Herrschaftsweise der USA in ihren angestammten Regionen sah durchaus vor, demokratische Formen zu tolerieren, ja sogar zu fördern, aber sie « erlaubte zwangsläufig nur begrenzte, von oben nach unten durchgeführte Formen des demokratischen Wechsels, die nicht Gefahr liefen, die traditionellen Machtstrukturen aufzulösen, mit denen die Vereinigten Staaten lange Zeit verbunden waren », bemerkt ein führender Wissenschaftler/Teilnehmer in einer Studie über Reagans Programme zur « Förderung der Demokratie », an denen er im State Department teilgenommen hatte (Thomas Carothers). Grossbritannien und Frankreich trachteten danach, Strukturen intakt zu erhalten, die ihre fortgesetzte politische und ökonomische Kontrolle ihrer ehemaligen Kolonien garantierten, und auch andernorts wurde der Übergang zu weniger direkten und demütigenden Formen der Unterdrückung von Massnahmen begleitet, die sicherstellten, dass die « traditionellen Machtstrukturen » tatsächlich intakt blieben. Angesichts Frankreichs Geschichte in Algerien wäre es wirklich überraschend, wenn das « herrschende Regime » sehr weit von diesem klassischen Muster abweichen würde.

Diese beklemmende Studie ergeht sich kaum in Spekulation. Sie hält sich an die sorgfältige Dokumentation der « ökonomischen Geografie der Massentötungen », der Auswahl der Opfer, der Tatorte in der Nähe von militärischen und polizeilichen Einrichtungen, des zeitlichen Ablaufs relativ zu « Flügelkämpfen innerhalb des Militärs » und zu politisch relevanten Ereignissen (Wahlen, « Stellungnahmen und Positionierungen seitens Frankreich und der USA ») und dergleichen Faktoren mehr, woraus sich ein umfassender und detaillierter Bericht ergibt, den andere zu bewerten haben, um daraus ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Zumindest lässt sich sagen, dass diese eindrucksvolle und dem analytischen Verstand verpflichtete Studie die Wichtigkeit der Forderung nach einer hochrangigen unabhängigen Untersuchung unterstreicht, die wiederholt von den führenden Menschenrechtsorganisationen erhoben und immer wieder abgelehnt wurde.

Wie auch immer die Prioritäten der Mächtigen aussehen mögen, für die anderen gibt es jedenfalls keinen Grund hinzunehmen, dass die vergangene und gegenwärtige Geschichte von den Siegern geschrieben wird, und das Schweigen – schlimmer noch die Mitwirkung – zu dulden, welche die Opfer ihrem finsteren und schrecklichen Schicksal überlassen.

Noam Chomsky

MIT, Juni 1999

(Noam Chomsky ist Professor der Linguistik am Massachusetts Institute of Technology.)

 

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