Bericht eines geflohenen Polizisten

Bericht eines geflohenen Polizisten

Wenn die Kollegen (Fouads) die Tür zu einer Wohnung geöffnet haben wollten, fragten sie den Vater der Familie, die sie aus dem Schlaf gerissen hatten: ‘Heißt du wirklich Mourad?’ – ‘Ja, ich heiße Mourad’. Eine Detonation, und der Mensch brach auf dem Treppenabsatz zusammen. Die Kinder stürzten herbei. Fouad zog mit seinen Kollegen ab, das Gesicht vermummt, in den Händen die Kalaschnikov, in der Tasche die Pillen. Man mußte regelmäßig Pillen nehmen, um sich nachts in Algier wachzuhalten. […] Einmal war ein geplanter Angriff im 2. Stock eines Gebäudes in ein Gemetzel ausgeartet. Die Kollegen, die Kumpels, hatten auf alle Menschen, schon ab dem Erdgeschoß geschossen. Fouad hatte ihnen gesagt: ‘Wartet, man muß sie evakuieren anstatt blindlings zu töten.’ Seine Kollegen hatten darauf geantwortet: ‘Bist du jetzt einer von ihnen?’ […] Er erinnert sich auch an den Kommentar eines wütenden Vorgesetzten, der einem schwer verletzten Kollegen, als dieser eine Entschädigung forderte, erwiderte: ‘Hier werdet ihr für’s Sterben bezahlt’. […] Anfangs hatte Fouad Zweifel gehabt. Es gab Gerüchte, dann die ersten Bestätigungen. Familien, die bei der Beerdigung ihrer Söhne, die Polizisten waren, den ehemaligen Kollegen untersagten, den Sarg zu berühren. Sie sagten: ‘Nicht die Islamisten haben ihn getötet, sondern Ihr!’ Die bekanntesten, ‘die korrektesten und beliebtesten im Viertel wurden umgebracht – um die Leute zu schockieren und aufzuwiegeln.’ […] Ein Offizier, der Zielscheibe eines Attentats war, bei dem mehrere seiner Leute starben, wurde dabei erwischt, wie er sich selbst Drohbriefe schrieb, um den Verdacht zu zerstreuen, weil er diese Operation organisiert hatte. Eines Tages war die Suppe der 1600 Schüler der Polizeischule von einem ‘Friedenshüter’ vergiftet worden. Ninjas wurden abgeknallt, während sie von einer Gruppe von Militärs verfolgt wurden. Ein Inspektor, ‘ein bekannter ehemaliger Gangster’, hat sich zu den Morden an vierzehn seiner Kollegen bekannt. Fouad bestätigt, ein Auto verfolgt zu haben, das soeben ein Attentat verübt hatte. ‘Wir konnten es gut verfolgen. Wir waren zufrieden. Plötzlich sehen wir es in eine Kaserne des militärischen Geheimdienstes abbiegen. Ich gebe es per Funk weiter und man antwortet mir: ‘Auftrag beendet, zurück zum Kommissariat’. […] ‘Die Jahre vergingen und alles vermischte sich. Wir waren der Überzeugung, daß auch innerhalb des Staates getötet wurde, daß ein zweiter Terrorismus existierte, dieser aber legal, der alles verschlimmerte. Man konnte niemandem trauen. Die SM, die Gendarmen, die Polizei, alle töteten sich gegenseitig, spielten ein Doppelspiel’. […] ‘Wir bekämpften die GIA und verstanden – wir sagten es unter uns -, daß spektakuläre Anschläge von staatlichen Diensten organisiert waren. Der Mord an Boudiaf, verübt von einem Einzeltäter, der Angriff auf das französische Konsulat, ein Gebäudekomplex, der von Militäreinrichtungen umgeben ist, – wäre das alles ohne Komplizen, ohne Manipulationen möglich gewesen? An der Spitze des Staates gibt es Leute, die darauf aus sind, den Krieg fortzuführen und den Zeitpunkt, um Rechenschaft abzulegen, aufzuschieben, z.B. über das veruntreute Geld’. […] Ende Sommer 1994 wußte Fouad nicht mehr, wie es weiter gehen sollte. 17 Monate lang war er nicht mehr zu Hause gewesen und schlief in einem Büro des Kommissariats… Einer seiner Freunde, Kamel, hatte es gewagt, in einem Flur über ‘Provokationen und Manipulationen des Staates’ zu sprechen, und sofort hatten Männer der SM an seinem Wohnort Wache gehalten. Die Polizisten, die kündigten, wurden ermordet. Die, die weiterhin ihren Dienst leisteten, wurden auch ermordet: ‘Man erhielt über die Post Miniaturmesser, die in ein Stück Stoff eingewickelt waren.’ […] Polizisten waren von ihren Kollegen gefoltert worden. Man verdächtigte sie, Doppelagenten zu sein. Man brachte sie zum Reden, mit Strom, während ein nasser Lappen im Mund steckte, oder indem sie an eine Leiter gefesselt waren, die dann umgestoßen wurde. ‘Einer von ihnen drehte durch und war bereit, den Mord an Boudiaf zuzugeben.’ […] Zu Anfang des Krieges hat er (Fouad) gesehen, wie in seinem Viertel ‘junge Männer, die nichts getan hatten’, festgenommen und in Lager der Wüste deportiert wurden. Er wußte, daß die Gendarmen inhaftierten, folterten, freiließen, ‘bis der Typ zusammenbrach und in den Maquis ging’. ‘Insgeheim, wußte ich, daß es Unrecht war, aber ich schwieg’. Fouad hat auch geschwiegen, als er Kollegen beerdigte ‘ohne Kopf, Kinder von neunzehn Jahren’. Auch schwieg er, als Vorgesetzte ihm befahlen, ohne Vorwarnung nachts auf Silhouetten zu schießen. ‘Dennoch wußte ich, daß in den Siedlungen die jungen Männer sich abwechselten und ihren kleinen Brüdern das Bett freimachten, damit sie drei Stunden schlafen konnten. Währenddessen rauchten sie einen Joint am Treppenende. […] ‘Wir waren zu Vampiren geworden, durch das Nachtleben. Und durch die Befehle auf alles zu schießen, was sich bewegt…’.( Dominique Le Guilledoux, Un policier algérien témoigne sur la sale guerre, in: Le Monde, 7. März 1995).

 

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