Nachruf: Mahmoud Khellili, Menschenrechts-Anwalt

Mahmoud Khellili, Menschenrechts-Anwalt

Süddeutsche Zeitung, 22 mars 2003

Geboren 1935 in El Harrach bei Algier / Gestorben am 6. März 2003 auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle

Als junger Mann war er Partisan im algerischen Befreiungskrieg. Mit der Unabhängigkeit seines Landes wurde er 1962 Polizeikommissar. Doch Mahmoud Khellili nahm weiter Anstoß an Ungerechtigkeit und Korruption, legte sich mit der neuen Nomenklatura an und wurde 1973 kurzzeitig verhaftet. Im Jahr darauf quittierte er enttäuscht den Polizeidienst.

Khellili studierte Jura und ließ sich als Anwalt nieder. Schnell machte sich der eloquente Jurist einen Namen. In den achtziger Jahren war er bei allen politischen Prozessen Algeriens präsent, verteidigte Berber, „Benbellisten“, Kommunisten und Islamisten. 1989, in Zeiten politischen Tauwetters, gründete er den Anwaltsverein Syndicat national des avocats algériens. Als er öffentlich Korruption in der Justiz anprangerte, wurde er für zwei Jahre beruflich kaltgestellt.

1990 organisierte er eine Kampagne gegen die Todesstrafe. In den kriegerischen Jahren nach dem Putsch 1992 kämpfte Khellili gegen Folter, Sondergesetze und –gerichte und warf sich für die Opfer der Sicherheitskräfte, die Verhafteten, Verschwundenen und Massakrierten in die Bresche. So wuchs Khellili zur wichtigsten Stimme der Menschenrechte in Algerien. Dabei war der Anwalt, von verängstigten Kunden verlassen, zu einem sehr bescheidenen Lebensstil gezwungen. Sein kleines Büro, prall mit Akten gefüllt, war bald Pflichtadresse für Journalisten und Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt. Er wurde selbst zum Objekt von Einschüchterung, Schikanen und Morddrohungen. 1994 verhafteten Staatsorgane seinen Sohn Farid wegen „terroristischer Aktivitäten“. 1998 fielen Polizisten und Militärs über seine Wohnung her, misshandelten seine Familie und verhafteten zwei Söhne.

Khellili starb, aus Algier kommend, auf dem Pariser Flughafen an Herzversagen. Seine Freunde und Mitstreiter verfassten viele bewegende Nachrufe auf den „großartigen und kühnen Löwen“.

Tim Murphy

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A la mémoire de Me Mahmoud Khelili