« Schmutziger Krieg » gegen die Islamisten

« Schmutziger Krieg » gegen die Islamisten

Algerischer Offizier beschuldigt Armee – Soldaten an Massakern beteiligt

Markus Bernath, Der Standard, Samstag/Sonntag, 10./11. Februar 2001

Algier/Wien – « Ich habe gesehen, wie Kollegen ein Kind von 15 Jahren lebendig verbrannt haben. Ich habe Soldaten gesehen, die sich als Terroristen verkleideten und Zivilisten massakrierten. Ich habe zu viel gesehen. » Ein Exoffizier der algerischen Armee schweigt nicht länger: Habib Souaïdia hat am Donnerstag in Frankreich ein Buch veröffentlicht, das Algeriens wirkliche Machthaber – das Militär – schwer belastet.

Der heute 31-jährige Souaïdia beschreibt in seinem Buch La sale guerre, Der schmutzige Krieg (Paris, La Découverte) seine Erlebnisse als Unteroffizier in einer Sondereinheit der Armee von 1992 bis 1995. In Algerien begann zu jener Zeit der Terror islamischer Untergrundtruppen, nachdem die herrschenden Militärs die Parlamentswahlen abgebrochen und so einen legalen Sieg der Islamischen Heilsfront FIS verhindert hatten. Während sich die Anschläge der Islamisten häuften, nahm die Armee den « Antiterror-Kampf » auf.

Blutiger Dolch

Eines Nachts, im Frühjahr 1993, sammelt der Unteroffizier Souaïdia eine Gruppe von Soldaten seiner Einheit ein, die er zuvor in der Nähe eines Dorfes bei Algier abzusetzen hatte, das angeblich die Islamisten unterstützt. Die Männer tragen zum Teil Zivil, einer zeigt Souaïdia seinen blutverschmierten Dolch. Zwei Tage später melden die Zeitungen in Algier einen Angriff von Terroristen auf ein Dorf mit Dutzend Toten . . .

Souaïdias Buch sei « absolut seriös », sagte Salima Mellah von « Algeria-Watch », einer Gruppe algerischer Oppositioneller in Berlin, die den Bürgerkrieg dokumentiert, gegenüber dem STANDARD. « Wir haben die Angaben überprüft und verglichen mit Aussagen anderer Soldaten. Es gibt kleinere Fehler, einen Monat, der vertauscht ist, oder die Beschreibung einer Verletzung an einem Körperteil, die in Wirklichkeit an einem anderen war – aber der Bericht insgesamt ist vertrauenswürdig. »

Souaïdia verbrachte nach seiner Militärzeit vier Jahre im Gefängnis und lebt seither als Asylbewerber in Frankreich. Geständnisse ehemaliger Soldaten, die den Verdacht erhärteten, auch das algerische Militär stehe hinter den Massakern, gab es schon früher. Doch niemand hat bislang in Buchform ausführlich seine Erlebnisse zusammengetragen. In bislang neun Jahren Krieg in dem nordafrikanischen Land sind schätzungsweise 120.000 Menschen umgebracht worden – Untergrundkämpfer, Soldaten, vor allem aber Zivilisten. Noch vergangenes Jahr sind einem angeblichen Geheimbericht der Armee zufolge 9000 Menschen umgekommen.

Das Buch des Unteroffiziers Souaïdia kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika erscheint heute zunehmend isoliert von den Generälen, die seine Kandidatur 1999 durchgesetzt hatten. Bouteflikas « Pakt der nationalen Eintracht », ein Amnestieangebot an die Islamisten, hat die Gewalt im Land nicht eindämmen können. Vor dem Besuch des französischen Außenministers Hubert Védrine in Algier nächste Woche haben französische Intellektuelle nun in einem Aufruf Frankreichs Regierung kritisiert: Sie habe zu lange die Antiterrorstrategie der algerischen Armee unterstützt.

Dokumentation des Kriegs
www.algeria-watch.org