Schmutziger Krieg gegen das eigene Volk

Schmutziger Krieg gegen das eigene Volk

Der Bericht eines geflohenen algerischen Offiziers über Gräuel der Armee hat in Frankreich eine Debatte über die Beziehungen zu Algier ausgelöst

Hans-Hagen Bremer (Paris) , Frankfurter Rundschau, 21.02.2001

Die Villa Copawi in Lakhadaria, ungefähr 70 Kilometer östlich von Algier, war schon zur Kolonialzeit ein gefürchteter Ort. Dort wurden während des Algerienkriegs als Terroristen verdächtige Personen von Spezialeinheiten der französischen Streitkräfte eingeliefert und, wie man heute weiß, gefoltert. 30 Jahre nach der Befreiung von der Kolonialmacht haben die neuen Machthaber die praktische Verwendbarkeit des großen Gebäudes im algerischen Bürgerkrieg wiederentdeckt. 1993 installierten sie dort das Hauptquartier einer Spezialeinheit der Armee zum Kampf gegen den Terror der bewaffneten islamistischen Gruppen. In den ersten Stock zogen die Offiziere ein.

Die Mannschaftsgrade wurden in Wohnwagen untergebracht. Die Räume im Untergeschoss, dunkle, feuchte Höhlen, dienten wieder als Zellen. « Bis zu fünfzehn Gefangene wurden dort jeweils auf engstem Raum zusammengepfercht », berichtet Habib Souaidia. « Wer da reinkam, kam nicht lebend wieder heraus. » Souaidia, ein ehemaliger Fallschirmjägerleutnant der algerischen Armee, ist einer der Offiziere, die in die Villa abkommandiert wurden. Nach seiner Ausbildung hatte er sich 1992 beim Ausbruch der Gewalttätigkeiten, die das Land seither 150 000 Tote und 30 000 Vermisste gekostet haben, zu der neu gebildeten Spezialeinheit gemeldet. « Ich war damals 24 Jahre alt und wollte meine Pflicht tun: die Islamisten bekämpfen. Wir glaubten, die algerische Nation zu retten », bekennt er. Im April 2000 floh er nach Frankreich. In einem Buch, das jetzt unter dem Titel Der schmutzige Krieg im Pariser Verlag La Découverte erschien, macht der 31-Jährige seiner Enttäuschung und seinem Zorn über die Wirklichkeit dieses unerklärten Krieges Luft. « Ich habe Kollegen gesehen, die ein Kind von 15 Jahren lebend verbrannten », schreibt er. « Ich habe Obristen gesehen, die simple Verdächtige kaltblütig ermordeten. Ich habe Offiziere gesehen, die Islamisten zu Tode folterten. Ich habe so viele Dinge gesehen, so viele Verbrechen gegen die menschliche Würde, dass ich nicht schweigen kann. »

Es ist nicht das erste Mal, dass die französische Öffentlichkeit etwas über Gräuel der Streitkräfte im Kampf gegen die islamistischen Terrorgruppen erfährt. Einzelne Berichte über Übergriffe haben schon vor Jahren immer wieder Misstrauen ausgelöst. Doch die Frage « Wer tötet wen? » in diesem blutigen Konflikt, fand nie eine Antwort, da sich das algerische Regime gegen jedes Ansinnen einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission sperrt. Im Oktober vergangenen Jahres nährte ein Buch über das Massaker von Benthala 1997 erneut den Verdacht einer Verwicklung der Armee in das Morden. Damals waren 400 Dorfbewohner in unmittelbarer Nähe einer Kaserne liquidiert worden, ohne dass, wie der dem Massenmord entkommene Autor Nesroulas Yous bezeugt, das Militär auch nur den geringsten Versuch gemacht hätte einzugreifen. Mit Souaidias Buch liegt nun erstmals der Bericht eines Beteiligten aus den Reihen der Streitkräfte vor. Unter genauer Angabe von Ort, Zeit und Namen schildert er die bisher weitgehend unbekannte Seite des unerklärten algerischen Bürgerkriegs – die Verbrechen der Armee, des Geheimdienstes und der Polizei am eigenen Volk.

Welcher Methoden sich das Militär bedient, um Islamisten und die, die sie dafür hält, zu bekämpfen, erlebte Souaidia unmittelbar, nachdem er im Frühjahr 1993 die Offiziersschule absolviert hatte. « Ich hatte den Befehl, eine Einheit zu begleiten, die in einem Dorf bei Bouffarik, etwa 40 Kilometer von Algier, einen Auftrag auszuführen hatte. Worum es sich handelte, wusste ich nicht. Ich bestieg einen Lastwagen mit 15 Männern. Sie waren alle in Zivil und trugen Bärte wie die Islamisten. Meine Aufgabe bestand darin, sie durch die Absperrung der Gendarmerie zu bringen. Das Kommando überfiel das Dorf und ermordete ein Dutzend Bewohner. Erst am Morgen erfuhr ich, dass ich indirekt an einem Massaker teilgenommen hatte. »

Anfangs dachte Souaidia, der Krieg werde in kurzer Zeit beendet sein. Doch je länger er dauerte, umso grausamer wurde er geführt. « Ich war ausgebildet, um gegen eine feindliche Armee zu kämpfen, nicht um auf Algerier zu schießen », schreibt er. Er nimmt die bewaffneten islamistischen Gruppen nicht in Schutz. Ihre Verbrechen entschuldigt er nicht. « Sie waren für uns der Feind und wir für sie. Es war ein gegenseitiger Hass: sie oder wir. » Doch ein ums andere Mal ist er schockiert von der Brutalität, mit der die Armee diesen Kampf führt. Im Einzelnen schildert er, wie Spezialeinheiten ausrückten, um nach einem Überfall der Islamisten Dörfer zu durchsuchen. Da man die Täter nicht fand, wurden Häuser verwüstet, Kinder und Frauen getötet und die Männer mitgenommen, wenn man sie nicht sofort erschoss.

« Ich will keine Gefangenen, ich will Tote », zitiert Souaidia den Kommandeur der Spezialtruppen, Generalmajor Mohammed Lamari, der später stellvertretender Verteidigungsminister wurde. Um die Befolgung des Befehls zu beweisen, brachten die Soldaten von ihren Streifzügen die Köpfe der Ermordeten mit. « Wenn es zu viele waren, genügte es, ihnen die Ohren abzuschneiden. » Verdächtigen, die in die Villa Copawi eingeliefert wurden, nahm man die Papiere ab und verbrannte sie. Ihre Existenz war damit praktisch beendet. Doch erst wurden sie noch gefoltert. Er habe einen Horror davor gehabt, ins Untergeschoss zu gehen, schreibt Souaidia.

Nur einmal sei er dabei gewesen. « Rechts neben dem Eingang waren die Folterwerkzeuge: Ketten, Becken mit Brackwasser, chemische Putzmittel, elektrische Drähte und so weiter . . . ». Man habe aus den Gefangenen gar nichts herauspressen wollen. Denn was hätten sie schon sagen können, meint er. Es sei nur darum gegangen, der Bevölkerung Angst zu machen. Die Leichen der Ermordeten wurden dann heimlich am Ortseingang ausgelegt – als angebliche Opfer der Islamisten.

Die Methoden der Folterer haben sich nicht geändert, nur ihre Sprache. « Fellaghas » nannten die Franzosen einst die algerischen « Terroristen », das algerische Militär nennt sie heute « Tangos ». Unter dem Vorwand, gegen die bewaffneten Islamisten könne man nicht mit der Erklärung der Menschenrechte in der Hand kämpfen, habe die Armee mit Gendarmerie und Polizei als Komplizen die Gesetzlosigkeit zur Waffe gemacht. Verhaftungen, Entführungen, Folter, Raub, Vergewaltigungen und Mord an angeblichen Sympathisanten des Untergrunds seien an der Tagesordnung. Souaidia berichtet von Polizisten, die – in Zivil – harmlose Händler erpressten und sie am nächsten Tag – in Uniform – unter dem Vorwand festnahmen, sie finanzierten bewaffnete Gruppen.

In den Kasernen hätten sich Disziplinlosigkeit und Anarchie ausgebreitet. Es gebe Ausnahmen, doch viele füllten ihre Taschen durch Handel mit gestohlenen Autos, Devisen, Falschgeld oder Drogen. Bei den Offizieren habe der Alkoholkonsum Besorgnis erregende Ausmaße angenommen. Von den Unteroffizieren und Mannschaften nähmen 80 Prozent regelmäßig Drogen – Haschisch, Ecstasy und Heroin. Besonders beliebt sei das Medikament Artane, ein Angstkiller, dem die Soldaten den Namen « Madame Courage » gaben.

In Wahrheit seien es zwei Kriege, die die Armee führt, schreibt Souaidia, einen gegen die Gruppen der bewaffneten Islamisten, den anderen gegen das eigene Volk. Den zweiten betrieben sie, um den ersten weiter zu erhalten. Mit der Willkür gegen die Zivilbevölkerung würden junge Leute, denen kein Ausweg bleibe, den Islamisten in die Arme getrieben. Den Krieg gegen die Islamisten brauche die « politisch-militärische Mafia » aber, um sich selbst an der Macht zu halten. « Die Generäle wollen gar nicht die Republik verteidigen », schreibt er, « sondern nur ihre Pfründen, das Geld aus den Erdöleinnahmen, das sie dem algerischen Volk stehlen. » Durch seine diskrete Hilfe habe sich Frankreich zum Komplizen des Regimes gemacht. Mehrere französische Intellektuelle forderten die Pariser Regierung auf, die Beziehungen zu Algier zu überprüfen.

Souaidia war früh klar geworden, dass er eines Tages mit dieser Armee brechen müsste. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als er 1995 verhaftet und unter dem Vorwurf des Diebstahls zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er überlebte den « Abstieg in die Hölle » und schaffte es nach seiner Freilassung, nach Frankreich zu entkommen, das ihn als politischen Flüchtling aufgenommen hat. Seinem Bericht bescheinigt Ferdinando Imposimato, der durch mehrere Anti-Mafia-Prozesse bekannte italienische Richter, hohe Glaubwürdigkeit. Im Vorwort erklärt er: « Als ich es las, habe ich festgestellt, wie groß doch der Unterschied ist zwischen der algerischen Realität und dem, was uns die Medien darüber berichten. »

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Dokument erstellt am 20.02.2001 um 21:06:04 Uhr
Erscheinungsdatum 21.02.