Ein algerischer Ex-Militär klagt an

Ein algerischer Ex-Militär klagt an

Ein Ex-Militär bestätigt in einem Buch, was Augenzeugen schon lange berichten: In Algerien morden nicht nur Islamisten.

Oliver Meiler, Der Tages-Anzeiger, 10.2.2001

Habib Souaidia nennt es « la sale guerre », den schmutzigen Krieg. Der junge Algerier ist ein ehemaliger Leutnant des 25. Regiments, ein Fallschirmjäger, ausgebildet in der Kaderschmiede der algerischen Volksarmee in Cherchell. « La sale guerre » lautet der Titel seines Buches*, das am Donnerstag in Frankreich, wo Souaidia im Exil lebt, erschienen ist. 203 Seiten mit peinlich genau festgehaltenen Details aus seiner Offizierszeit. Sie erzählen eine radikal andere Version von der Geschichte des bald zehnjährigen Konflikts zwischen Armee und bewaffneten Islamistengruppen als die offizielle, vom algerischen Regime propagierte.

Gefoltert, verschleppt, ermordet

Souaidias Buch ist eine Selbstanklage. Es handelt von Staatsterror, von der Barbarei der Armee, die mit jener ihrer Gegner, der GIA (Groupes islamiques armés), vergleichbar sei. Souaidia schreibt, wie er zugesehen habe, wie seine Kollegen einen 15-jährigen Jungen bei lebendigem Leibe verbrannt hätten. Sie seien jeweils auf die « Jagd » gegangen, hätten Dörfer überfallen, in denen sie Sympathisanten der Islamisten vermuteten, und hätten Zivilisten gefoltert, verschleppt, ermordet. Dazu hätten sie sich verkleidet, lange Gewänder übergezogen, damit man sie für GIA-Leute hielt. Der Hass auf die Islamisten habe sie alle blind und erbarmungslos gemacht. Alkohol und Drogen hätten die Hemmschwelle gesenkt, schreibt Souaidia. Er will sich für seine Verbrechen vor einem Gericht verantworten.

Die französische Zeitung « Le Monde » erachtet Souaidias Bericht als einzigartig und glaubwürdig. Nie zuvor habe ein Militär, dem keine Verbindung zu islamistischen Kreisen nachgesagt werden könne, derart detailliert aus dem Kriegsalltag der Armee berichtet und dabei die Namen der Generäle genannt und deren Verhalten anhand von Beispielen beschrieben. Das Vorwort des Buches hat ein renommierter italienischer Terrorismusexperte verfasst: Ferdinando Imposimato sagte der « Repubblica », er habe Souaidia getroffen und sei überzeugt, dass der Autor kein « Angeber » sei.

Das Buch bestärkt die internationalen Menschenrechtsorganisationen, die seit Jahren die Rolle der Armee in diesem Krieg kritisch hinterfragen. Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika liess im letzten Sommer vier davon nach einem langen Verbot erstmals wieder ins Land. Einzige Bedingung: Die Delegationen durften keine Recherchen über die Massaker führen. Die Generäle, die seit der Unabhängigkeit 1962 die eigentlichen Machthaber in Algerien sind, fürchten die Enthüllungen von Augenzeugen. Einer von ihnen ist Nesroulah Yous. Er hat das Massaker in Bentalha überlebt, bei dem in einer Septembernacht 1997 über 400 Dorfbewohner umgebracht worden sind.

Jetzt lebt Yous im Exil. Auch er hat ein erschütterndes Buch geschrieben. Darin beschreibt er die « bestialischen, mit Drogen voll gepumpten Mörder ». Sie hätten falsche Bärte getragen. Yous glaubt, dass sie einer « Todesschwadron » der Armee angehört hatten.

*Habib Souaidia: La sale guerre; La Découverte, Paris 2001, 95 fFr.