Interview mit Karim Yousfi

INTERVIEW MIT KARIM YOUSFI

Vorstandsmitglied der algerischen Jugendorganisation RAJ (Rassemblement – Actions – Jeunessse)

Hildesheim, 29. Mai 1999

Karim, Du und ein weiterer RAJ-Kollege, Ihr reist auf Einladung von Connection, pro asyl und weiteren Menschenrechtsorganisationen für etwa drei Wochen durch Deutschland, um vor Jugendlichen und lokalen Menschenrechtsinitiativen die Arbeit von RAJ vorzustellen. Ihr fordert von den europäischen Staaten Unterstützung für Eure Forderung nach einem « Nationalen Dialog » in Algerien. Alle politischen Kräfte – auch die Repräsentanten der Islamisten sollen daran teilnehmen. Welchen Beitrag für den Demokratisierungsprozeß erwartet Ihr denn von den Islamisten?

Die Islamisten gehören für uns ganz selbstverständlich mit an den Runden Tisch. Ihre noch immer verbotene Partei, die FIS, ist – anders als das offenbar viele Leute hier in Europa wahrnehmen – durchaus keine homogene Bewegung, die unisono den militanten Islamismus unterstützt. Die Islamisten repräsentieren nun einmal einen Großteil der Bevölkerung, die sich an isalmische Werte gebunden fühlen, Das müssen wir als Demokraten akzeptieren, auch wenn die FIS kein Träger eines wirklich demokratischen Projektes ist. Denn sie tritt für ein islamisch orientiertes Staatswesen ein. Meiner Meinung nach müßte deshalb in einer neuen Verfassung für Algerien die Trennung von Staat und Religion festgeschrieben werden. Dann wäre die Macht der Islamisten auch im Falle deren Regierungsübernahme geschmälert.

Die Forderung nach einer Trennung von Staat und Religion wird aber nicht von RAJ insgesamt unterstützt?

RAJ als Institution hat sich hierzu noch keine eindeutige Meinung gebildet – wir diskutieren noch. Dazu muß man wissen, daß RAJ schließlich keine einzelne politische Richtung repräsentieren will. Als RAJ 1993 von etwa zwanzig jugendlichen Aktivisten gegründet wurde, stand im Mittelpunkt das Interesse an einen landesweiten Jugendverband, der regierungsunabhängig agiert. So etwas gab es bis dahin nicht – außer der FLN-nahen « Union National de la Jeunesse Algerienne » (UNJA). In RAJ sind tatsächlich alle Richtungen vertreten – Rechte wie Linke, Religiöse wie Laizisten und Leute wie ich selbst, die von den Ideologien ohnehin die Nase voll haben.

RAJ hat sich, wie Du eben sagtest, 1993 gegründet, also gut ein Jahr nachdem die Miltärs die Wahlen zur Nationalversammlung abgebrochen hatten und sich selbst an die Macht setzten, weil sich ein klarer Sieg der Islamisten abzeichnete. Hat sich RAJ als Antwort auf die daraufhin losbrechende Gewalt gegründet?

Nein, die Auseinandersetzung zwischen Militär und Islamisten stand damals nicht unmittelbar im Vordergrund. Wohl waren wir Jugendliche ohnehin frustriert – weil eben das Versprechen der Demokratisierung von 1988 nicht eingelöst wurde. Aber das war eher eine Frustration über Jahrzehnte der verpassten Entwicklung unseres Landes. Wir haben eine Selbstorganisation der Jugendlichen im Blick. Die Jugend – das heißt alle unter 30 Jahren – macht 70 Prozent der algerischen Bevölkerung aus. Sie ist die Zukunft des Landes. Deshalb wollen wir sie – uns – sensibilisieren für soziale wie auch kulturelle und politische Themen. Anfangs haben wir vor allem zu Themen der Drogen- und AIDS-Problematik Veranstaltungen organisiert. Diskussionen, Theaterstücke, Ausstellungen, Konzerte – mit solchen Dingen haben wir angefangen.

Später seid Ihr dann mit Erklärungen an die Öffentlichkeit gegangen, in denen Ihr Euch gegen die von beiden Seiten ausgeübte Gewalt aussprecht. Damit habt Ihr erstmals explizit politisch Stellung bezogen, wie kam es zu diesem Entschluß?

Die RAJ-Aktiven haben sich 1995 zu diesem Schritt entschlossen, als die Gewalt eskalierte. Vorher haben sich die Mörder auf unbequeme Intellektuelle konzentriert. Plötzlich aber war die ganze Bevölkerung betroffen von offenbar willkürlichen Massakern. Lokale Politiker machten ihr Geschäft mit dem losbrechenden Krieg. Angesichts des schieren Krieges sahen wir für uns als überparteiliche Jugendorganisation keine Möglichkeit mehr, weiter zu schweigen. Wir gaben Presseerklärungen heraus, in denen wir den islamistischen Terror verurteilten aber auch auf die zweifelhafte Rolle des Militärs bei der Gewalteskalation hinwiesen. Wir sammelten unter dem Motto « Paix aujourd’hui, Droits pour toujours » 20 000 Unterschriften. Daraufhin konnten wir unsere Versammlungen nicht mehr in öffentlichen Räumen abhalten, sondern organisierten in privaten Räumen unsere Zusammenkünfte mit Schülern und Studenten und mit anderen demokratisch orientierten Verbänden.

Und nimmt man Euch wahr – als ein Zusammenschluß von Jugendlichen ?

Wir sind bekannt. Die Öffentlichkeit nennt uns die « Enragés » – die Wütenden. Das ist abgeleitet von unserem Namen RAJ, das sich wie « Rage » – (zu deutsch Wut) spricht. Deshalb ist unsere Arbeit auch gefährlich. Viele von uns waren schon verhaftet, Tote aber gab es zum Glück bisher keine. Wenn wir nicht unter solch repressiven Bedingungen arbeiten müßten, würden bestimmt noch viel mehr Jugendliche bei uns mitmachen. Jetzt zählen wir 4 000 Mitglieder. Unsere Vereinskultur ist attraktiv, RAJ hat keine Funktionäre, die mit RAJ immer älter werden. Viele arbeiten nur periodenweise mit, und RAJ lebt von dieser Fluktuation. Auf das Alter guckt bei uns niemand. Unsere Präsidentin ist erst 20 Jahre alt. Was mich betrifft, so bin ich jetzt 29 Jahre alt und werde mich bald zurückziehen. Wie gesagt, mit dreißig zählt man ja nicht mehr zur Jugend.

Ist Eure Arbeit inzwischen wieder leichter geworden? Die AIS (der bewaffnete Arm der FIS) hat einen Waffenstillstand ausgerufen, Wahlen haben stattgefunden. Befindet sich Algerien nicht schon wieder auf dem Weg in die Demokratie?

Das hoffen wir alle, aber noch ist das Bild trügerisch. Die April-Wahlen waren keine. Am Wahltag gab es nur noch einen Präsidentschaftskandidaten – Bouteflika, den von der Miltärjunta bevorzugten Kandidaten. Die anderen sechs Kandidaten haben ihre Kandidatur aus Protest gegen Manipulationen noch am Tag vor den Wahlen zurückgezogen. Auch die Gewalt hat noch lange kein Ende gefunden. Jeden Tag geht wieder irgendwo eine Bombe hoch. Die GIA weiß von keinem Waffenstillstand, und die zahlreichen Milizen, die teilweise durch das Militär zur « Selbstverteidigung » bewaffnet wurden, sind auch noch aktiv. Einige Teile des Landes werden inzwischen quasi von diesen Gruppierungen « regiert ». Diesen bewaffneten Gruppen steht der Großteil der Bevölkerung gegenüber. Die Leute wollen ein Ende der Gewalt und Demokratisierung. Das ist das hoffnungsvolle Element an der Entwicklung heute. Denn nun hat die Bevölkerung auch wieder politische Repräsentanten, die sich für den Frieden einsetzen: Die sechs Kandidaten, die ganz unterschiedlichen Parteienbündnissen angehören, haben am 15. Mai ein gemeinsames Manifest verfaßt, in dem sie ebenfalls einen Runden Tisch für die Demokratisierung Algeriens fordern.

Wo seht Ihr heute das größte Hindernis für eine demokratische Entwicklung: beim Militär oder bei den bewaffneten Islamisten der GIA?

Ich sehe die Hauptverantwortung bei den Miltärs liegen. Es muß davon überzeugt werden, daß es sich aus seiner vorherrschenden Rolle in Politik und Gesellschaft zurückziehen muß. Eine vom Militär unabhängige Regierung könnte die Gewalt der terroristischen und mafiosen Gruppen effektiver bekämpfen. Denn leider gibt es unter den Militärs zuviele, die an dem Krieg verdienen. Unser neuer Präsident Bouteflika hat nun angekündigt, mit diesen bewaffneten Gruppen, die doch gar nicht über ein politisches Komando verfügen, verhandeln zu wollen. Unserer Ansicht nach ist das der falsche Schritt. Was wir brauchen, sind Verhandlungen mit allen politischen Gruppierungen und eine Untersuchungskommission, die die Hintergründe der Massaker aufklärt. Die westlichen Staaten sollten uns in diesen Forderungen unterstützen – und nicht etwa wie Deutschland ein Rückübernahmeabkommen mit dem jetzigen Regime abschließen. Nach Algerien dürfte nicht abgeschoben werden – und wenn, dann nicht in Begleitung von algerischen Sicherheitskräften sondern in Begleitung eines Anwaltes, der die Person durch die Flughafenpolizei lotsen kann!

Die Fragen stellte Bettina Stang.