In Algerien streiken sieben unabhängige Zeitungen

In Algerien streiken sieben unabhängige Zeitungen

Sie protestieren gegen die Suspendierung von vier Blättern durch die algerische Regierung. Ihre Verleger sehen den Konflikt um Schulden bei staatlichen Druckereien als Mittel der Zensur

TAZ vom 19.10.1998

Madrid (taz) – Seit gestern sind die Zeitungsständer an Algeriens Kiosken fast leer. Sieben unabhängige überregionale Tageszeitungen traten in einen unbefristeten Streik. Die Herausgeber der fünf französischsprachigen Blätter El Watan, La Tribune, Le Matin, Le Soir und Libertee sowie der beiden arabophonen Zeitungen El Khabar und Al Alam Essiyassi protestieren damit gegen die Weigerung der staatlichen Monopoldruckereien, am vergangenen Samstag die vier erstgenannten Zeitungen zu drucken. Zur Begründung dienten die Schulden der Blätter bei den Druckereien. Am Donnerstag war den Verlegern eine 48-Stunden-Zahlungsfrist gesetzt worden. Ein Angebot auf Ratenzahlung lehnten die Druckereien ab, so daß die Frist verstrich. Für die Verleger ist dies ein Vorwand für « einen Vergeltungsakt seitens der Regierung aus politischen Gründen ».

Die Blätter hatten in letzter Zeit Skandale um den persönlichen Berater des Präsidenten Liamine Zeroual, Mohammed Betchine, aufgedeckt. Der Geheimdienstgeneral sei korrupt, lautete der Vorwurf, den die Inhaftierung eines Geschäftspartners bestätigte. Mit Justizminister Mohammed Adami habe Betchine außerdem dafür gesorgt, daß sein im deutschen Exil lebender Kritiker Ali Bensaad zum Tode verurteilt wurde. Die Artikel bewirkten eine Annullierung des Verfahrens. « Wir erscheinen so lange nicht, bis unser Verhältnis mit der Verwaltung eindeutig geklärt ist », erklärte El Watan- Herausgeber Omar Belhouchet im Namen der sieben Verleger. Die unabhängige Journalistengewerkschaft SNJ schließt sich den Protesten an. « Bisher hat man uns mitgeteilt, daß sich die Herausgeber auf einen Streik von mindestens einer Woche geeinigt haben », so eine Redakteurin bei El Watan.

Reiner Wandler

Justizminister nach Skandal zurückgetreten

Algier (dpa) – Algeriens Justizminister Mohammed Adami ist gestern zurückgetreten, meldete der staatliche algerische Rundfunk. Präsident Liamine Zeroual habe das Rücktrittsgesuch am Morgen angenommen und Ahmed Nouri zum Interimsjustizminister ernannt. Adami war in der vergangenen Woche in einem von der unabhängigen Tageszeitung El Watan veröffentlichten Schreiben algerischer Staatsanwälte schwerer Vergehen beschuldigt worden. Darunter seien Vergewaltigung, sexuelle Beziehungen zu weiblichen Strafgefangenen und die Schuld an dem Tod von 32 Gefangenen, die in einem von ihm befohlenen Transport erstickt waren. Adami will gegen die anonymen Verfasser des Artikels klagen.