Die Mönche und ihre Mörder

Die Mönche und ihre Mörder

Die Aussage eines ehemaligen Geheimdienstlers wirft ein neues Licht auf eine Gräueltat in Algerien

Von Thomas Schmid, Frankfurter Rundschau, 3. Januar 2003

Bewohner von Medea, einer Stadt 80 Kilometer südlich von Algier, machten am 30. Mai 1996 einen grausamen Fund. Am Ortseingang entdeckten sie in Plastiksäcken, die an Bäumen hingen oder am Straßenrand deponiert waren, sieben abgeschnittene Köpfe. Eine Woche zuvor hatte die islamistische Terrorgruppe GIA in einem Kommuniqué bekannt gegeben: « Der Präsident Frankreichs und sein Außenminister haben erklärt, dass sie mit der GIA nicht verhandeln. Sie haben den Faden des Dialogs abgeschnitten. Wir unsererseits haben nun den sieben Mönchen die Hälse abgeschnitten. »
Der Mord an den französischen Trappisten, die zwei Monate zuvor aus ihrem Kloster in Tibehirine, unweit von Medea, entführt worden waren, erschütterte ganz Frankreich. Vor nichts schreckten diese Islamisten zurück, so die öffentliche Meinung damals. Die Kritik an den algerischen Sicherheitskräften, die bei der Bekämpfung des Terrors ja auch nicht gerade zimperlich vorgingen, verstummte.

Kurz vor Weihnachten meldete sich nun eine Stimme aus dem fernen Thailand, die ein völlig neues Licht auf das Massaker an den Mönchen in Algerien wirft. Am 23. Dezember publizierte die französische Tageszeitung Liberation die Aussagen von Abdelkader Tigha, der 1996 in Blida, einer Stadt in der Nähe von Medea, Offizier des militärischen Geheimdienstes DRS war. Der heute 34-jährige Tigha war im Dezember 1999 aus Algerien geflüchtet, nachdem er sich mit seinen Vorgesetzten überworfen hatte. Er hatte sich nach Syrien abgesetzt, wo er die französische Botschaft kontaktierte und erklärte, er sei bereit, sein geheimdienstliches Wissen auszupacken, wenn man ihm politisches Asyl gewähre.

Den Franzosen war es zu riskant, Agenten aus Paris zum Verhör nach Damaskus einzuladen, und so verabredete man Gespräche in Thailand. Tigha kam im Januar 2000 in Bangkok an und wurde schon bald von drei französischen Geheimdienstlern kontaktiert. Diese waren an Informationen zwar interessiert, konnten Tigha aber kein Asyl versprechen, zumal nicht klar war, ob er möglicherweise selbst an der Folterung und Tötung von Islamisten beteiligt war, Verbrechen, die er seinen ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen vorwarf.

Als sein Touristenvisum im April 2000 auslief, wurde er von der thailändischen Polizei festgenommen. Seither ist er in Auslieferungshaft, ohne ausgeliefert zu werden, weil ihm in Algerien Gefängnis, Folter und Tod drohen und Frankreich ihn nicht aufnehmen will – wohl aus Rücksicht auf die Beziehungen zum algerischen Regime.

Was Tigha kurz vor Weihnachten nun auspackte, ist höchst brisant. Er behauptet, dass am 24. März 1996 in seiner Kaserne Mouloud Azzout, der als rechte Hand von GIA-Chef Djamel Zitouni gilt, aufgetaucht sei, daselbst übernachtet und am Morgen ein zweistündiges Gespräch mit Smain Lmari, der damaligen Nummer zwei des militärischen Geheimdienstes, geführt habe. In der Nacht vom 26. auf den 27. März seien dann zwei Kleinbusse vorgefahren. « Wir glaubten, es seien festgenommene Terroristen », erinnert sich Taghi, « aber es waren die sieben Mönche, sie wurden von Mouloud Azzout verhört. » Zwei Tage später habe Azzout die Mönche ins geheime Hauptquartier des GIA-Chefs gebracht. Von dort seien sie später an eine Gruppe der GIA ausgeliefert worden, die sich der Kontrolle der GIA-Spitze entzogen habe.

Der DRS forderte von Djamel Zitouni die Rückgabe der Gottesmänner, und als sich der GIA-Chef zu jener Gruppe aufmachte, geriet er in einen Hinterhalt der AIS, einer verfeindeten islamistischen Truppe, die ihn ermordete. Moloud Azzout, sein Vertrauter, kehrte in die Kaserne von Blida zurück, wo er noch zwei Wochen lebte und dann vermutlich umgebracht wurde.

Soweit der sensationelle Bericht von Abdelkader Taghi, publiziert in Paris vor den Festtagen. Doch ist dem Deserteur denn auch zu glauben? Vieles spricht dafür, dass Abdelkader Taghi die Wahrheit sagt. Der Armee waren die Trappisten-Mönche ein Dorn im Auge. Sie lebten im Gebiet, das zwischen Armee und islamistischen Gruppen im Bürgerkrieg, der seit zehn Jahren andauert und bis heute 200 000 Tote gefordert hat, immer wieder am heftigsten umkämpft wurde. Sie waren potenzielle Zeugen, und sie weigerten, sich Partei zu ergreifen. Pater Luc, der als Arzt arbeitete, war für seinen Spruch bekannt: « Ich kenne keine Soldaten und keine Terroristen, ich kenne nur Kranke und Verletzte. » Und die Entführung christlicher Franzosen durch fanatische Islamisten, so konnten sich die Generale in Algier allemal ausrechnen, würde die französische Gesellschaft aufwühlen.

Der Emissär der GIA, der am 30. April 1996 mit der französischen Botschaft in Algier zwecks Verhandlungen Kontakt aufnahm, wurde schon kurz danach ermordet – vermutlich vom algerischen Geheimdienst, der sich von den Franzosen nicht in die Karten sehen lassen wollte.

Taghi ist nicht der Erste, der über die Infiltration und Manipulierung der GIA durch die Armee berichtet. Bereits Habib Souaidia, ein abgesprungener Armeeoffizier, hatte in seinem 2001 erschienenen Buch « La guerre sale » (auf Deutsch « Der schmutzige Krieg », erschienen beim Chronos-Verlag) über die Kooperation zwischen Armee und Islamisten berichtet. Im Juli dieses Jahres fand in Paris ein Prozess gegen Souaidia statt, den der algerische General Khaled Nezzar, in den 90er Jahren der faktische Machthaber in Algerien, angestrengt hatte. Als Zeuge trat damals auch Habib Samraoui, der frühere Adjutant des Vizegeheimdienstchefs Smain Lamari, auf. Er sagte aus: « Von einem gewissen Zeitpunkt an kontrollierten wir die Gruppen, die wir gebildet oder infiltriert hatten, nicht mehr. » Und er ging sogar so weit zu sagen: « Die GIA ist ein Produkt der Geheimdienste. »

Der ehemalige Richter Alain Marsaud, der heute für die Regierungspartei UMP im französischen Parlament sitzt, ist nach eigenen Aussagen schon 1996 vom Bruder eines der ermordeten Mönche darauf hingewiesen worden, dass die Armee in das Verbrechen verstrickt sei. Nach den Enthüllungen des in Thailand inhaftierten algerischen Deserteurs fordert er nun eine Untersuchung des Falls. Zumindest müsse man nun doch den Mann in Bangkok anhören. Doch darauf scheint die französische Diplomatie nicht gerade erpicht zu sein. Frankreich hat 2003 offiziell zum Jahr Algeriens erklärt. Über 40 Jahre nach Ende des Kolonialkriegs ist Versöhnung angesagt. Abdelkader Tigha aber droht mit seiner Geschichte die Harmonie zu stören