Algeriens Hardliner begrüßen die Koalition gegen den Terror

Ironie der Geschichte

Algeriens Hardliner begrüßen die Koalition gegen den Terror

Die Bomben sind auf Afghanistan gefallen, die Folgen spürt man auch in Algerien. Die Risse, die sich durch die Gesellschaft ziehen, sind noch tiefer geworden.

Von Axel Veiel, Madrid, Stuttgarter Zeitung, 13. Oktober 2001

Die unversöhnlichen Kräfte, die dem seit zehn Jahren im Lande wütenden Terrorismus mit Militärgewalt beikommen wollen, sehen sich durch die Bombardements bestätigt und triumphieren. Diejenigen, die das Morden im Maghrebstaat auch als Ausdruck politischer Missstände begreifen und den Dialog mit den Islamisten vorantreiben wollen, ziehen den Kopf ein und warten auf bessere Zeiten.

Präsident Abdelaziz Bouteflika, der mit einer Teilamnestie für reumütige Terroristen den Frieden suchte, ist nicht minder in die Defensive geraten. Islamisten warnen davor, die gesamte radikalreligiöse Bewegung Algeriens zerschlagen zu wollen. Und das Volk wendet sich mit Grausen.

Nach den Anschlägen in den USA hatten viele Algerier schließlich bei allem Mitgefühl für Amerika auch eine gewisse Genugtuung verspürt. Ihnen schien nur recht und billig, dass die Israel verbundene Supermacht, die für das Leid der Palästinenser mitverantwortlich ist, ihrerseits Opfer der Gewalt geworden war. Dass nun in Afghanistan « ein weiteres muslimisches Brudervolk militärisch in die Knie gezwungen wird », wie ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung glaubt, löst Empörung, ja Verbitterung aus.

Offensichtlich in dem Bemühen, Auseinanderstrebendes und Widersprüchliches zusammenzuführen, gibt Präsident Bouteflika selbst Widersprüchliches von sich. « Es ist klar, wir sind absolut solidarisch mit dem amerikanischen Volk », versichert der Staatschef und fährt dann fort: « Wir sind eine arabische und eine muslimische Nation. Deshalb können wir nicht als Stützpunkt herhalten, wenn es gegen eine andere arabische oder muslimische Nation geht. Wir wollen keine Kinder sterben sehen, keine irakischen, keine afghanischen, keine amerikanischen und keine anderen. »

Die so genannten Eradicateurs, die Algerien allein mit Militärgewalt befrieden und den Terrorismus am liebsten mitsamt seinem islamistischen Umfeld zerschlagen wollen, treten derweil so selbstbewusst auf wie schon lange nicht mehr. Mehrfach waren sie in die Defensive geraten. Immer wieder waren Hinweise aufgetaucht, wonach die Sicherheitskräfte selbst zu terroristischen Methoden gegriffen haben sollen. Aber in der internationalen Empörung über die Anschläge in den USA werden die Fronten jetzt begradigt. « Nun weiß alle Welt, wer in Algerien wen tötet », versichert Ali Tounsi, der Generaldirektor der Nationalen Sicherheitspolizei.

Dass die unversöhnlichen Kräfte lautstark die Koalition gegen den Terror begrüßen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Dieselben Hardliner hatten sich jede Einmischung des Auslands verbeten, als es um die eigenen Gräueltaten ging.

Die Islamisten versuchen derweil zu retten, was zu retten ist. Mahfoudh Nahnah, der Vorsitzende der Gesellschaftlichen Bewegung für den Frieden (MSP), weist Vorwürfe zurück, er selbst habe in den achtziger Jahren junge Algerier in den « heiligen Krieg » nach Afghanistan geschickt. Die verbotene Islamische Heilsfront (FIS) warnt den politischen Gegner davor, aus den Terroranschlägen in den USA Profit schlagen und Algeriens islamistische Bewegung vernichten zu wollen. Die algerischen Korangelehrten haben derweil eine Art Fatwa erlassen. Demnach darf sich ein muslimischer Staat nicht an einer Allianz gegen Afghanistan beteiligen.