Warum der Terror der Islamisten in Algerien ungesühnt bleibt

Unterdrückte Wahrheiten

Warum der Terror der Islamisten in Algerien ungesühnt bleibt

Von Daikha Dridi, Frankfurter Rundschau, 28 Februar 2001

Index on Censorship befasst sich unter dem Titel « Erinnern und Vergessen » mit Ländern, in denen Mord und Massenmord politisch instrumentalisiert werden. Ruanda ist ein Beispiel – wie Italien, Israel, Frankreich und Tschetschenien. Wir dokumentieren zwei der Texte, aus Algerien und den USA. Die Serie « Unterdrückte Wahrheiten ist ein Kooperationsprojekt der FR, der Heinrich-Böll-Stiftung und der britischen Zeitschrift Index on Censorship. Ausgewählt und übersetzt werden die Beiträge von Uta Ruge. Weitere Informationen sind im Internet unter der Adresse http://www.indexoncensorship.org/ erhältlich.

Manchmal klopft Ali Merabet noch an die Türen der Pressebüros in Algier. Dabei lächelt er grimmig und hält seine Aktenmappe fest im Griff; sie ist vollgestopft mit Papieren, die von unermüdlichen Bittgänge zu Gerichten und zur Polizei zeugen.

Als ich ihn im vorigen Jahr das erste Mal sah, war er gerade bei Rais im Mitidja-Tal, zwanzig Autominuten von Algier entfernt, in der Nähe der Killingfields von Bentalha. Merabet war damals im Hungerstreik und recherchierte in der Nähe eines Feldes, von dem er glaubte, es berge das Massengrab, in dem auch seine zwei Brüder liegen. Nach dreizehn Tagen ordnete die Justiz damals die Ausgrabung an. Ein Jahr danach läuft Merabet jedoch immer noch von einem zum anderen. Gerade bereitet er eine landesweite Kampagne vor, um endlich die Öffnung der Massengräber durchzusetzen. Aber die Presse zeigt wenig Interesse an einer Geschichte, die hier inzwischen allzu alltäglich geworden ist.

Nachdem seine beiden Brüder von Mitgliedern einer islamistischen Gruppe entführt, gefoltert und ermordet wurden, hat Ali Merabet eine Vereinigung für die Familien terroristischer Entführungsopfer gegründet. Fast fünftausend Familien sind in seiner Lage und wollen nicht akzeptieren, dass die Justiz jene Orte nicht untersucht, an denen ihre Angehörigen möglicherweise begraben sind. Zwar sind seit 1996 viele Massengräber geöffnet worden, und über die Funde wurde auch ausführlich berichtet. Jedoch hat die Presse, obwohl die Exhumierungen im vollen Lichte der Öffentlichkeit stattfanden, selten je nachgefragt, was eigentlich das Prozedere für die Identifizierung der Leichen ist. Nicht eine der Familien von Entführten ist bei der Identifizierung ihrer Angehörigen um Hilfe gebeten worden, und was mit den sterblichen Überresten anschließend passierte, ist ebenso unklar. Jeden Mittwoch schauen die Autofahrer, die eine der schicksten Hauptsstraßen Algiers entlangfahren, peinlich berührt weg, um die Frauen nicht sehen zu müssen, die immer noch vor dem Büro der Menschenrechtsorganisation demonstrieren. Auf ihren Plakaten steht: « Gebt uns unsere Kinder wieder. » Im Juni 1998 wurde die erste öffentliche Demonstration erlaubt. Seither sind sie weniger geworden, aber immer noch lassen sie keinen Mittwoch aus. Denn immer noch wissen sie nicht, ob ihre Kinder in einem jener Massengräber verscharrt liegen oder ob sie noch leben. Das Einzige, was sie wissen, ist, dass sie eines Nachts entführt wurden und seither spurlos verschwunden sind. An die Presse wenden sich die Mütter inzwischen kaum noch, denn keiner will ihre Geschichten mehr hören, die sich ohnehin alle ähnlich sind.

Die landesweite Vereinigung der Familien von Entführungsopfern hat insgesamt etwa 7000 Menschen auf ihrer Liste. Die kleine Meriem war noch ein Kleinkind, als ihr Vater, ein Journalist, verschwand. Aber Kinder wachsen schnell – inzwischen hat Meriem schon starke Verhaltensstörungen entwickelt. Ihre Mutter Safia wird nicht mehr fertig mit Fragen wie: « Erzähl mir von Papa » oder « Warum haben die anderen in der Schule alle einen Vater? » Fünf Jahre nach dem Verschwinden ihres Mannes weiß Safia immer noch nicht, ob sie ihrer Tochter sagen soll: « Vergiss deinen Vater, er ist tot. » Sie zögert und wartet.

Nachdem das Gesetz zur Wiederherstellung des gesellschaftlichen Friedens wenige Monate nach der Amtseinführung von Präsident Abdelaziz Bouteflika am 13.Juli 1999 verabschiedet wurde, forderten die Organisationen der Opferfamilien auf ihren Demonstrationen « Wahrheit und Gerechtigkeit ». Die algerische Regierung hatte nach einer Serie besonders Schrecken erregender Massaker zwischen 1997 und 1998 ein Programm entwickelt, das jede Rechtsgrundlage für Sanktionen gegen die Mitglieder bewaffneter Gruppen abschaffte bzw. reduzierte; dies galt für jeden, der sich innerhalb von sechs Monaten den Behörden stellte. Das Gesetz richtete sich unterschiedslos an alle, die in den sieben Jahren des Aufstands Verbrechen begangen hatten. Der Bevölkerung wurde in einem Referendum die Frage vorgelegt: « Sind Sie für Präsident Bouteflekas Vorschlag, den Frieden wiederherzustellen? » Da man meinte, es ginge der Regierung vor allem darum, die Bombenanschläge und Morde stoppen, war die Mehrheit zur Zustimmung bereit, wenn nur der Terror aufhörte.

Seit am 13. Januar die Begnadigungsfrist aufgehoben wurde, erzählen sich die Leute in ärmeren Vierteln der Städte und abseits gelegenen Dörfern Geschichten über « die Rückkehr der Mörder ». Viele erkennen die Männer, die ihre Angehörigen umgebracht haben. Die Menschen werden unsicher. War gemeint, dass stadtbekanntete Mörder frei herumlaufen dürfen? Wie kommt es, dass ein Staat, der – solange es um die Unterwerfung der islamistischen Gruppen ging – sogar zu ungesetzlichen Maßnahmen bereit war, jetzt so bereitwillig tut, als wäre nichts geschehen?

Viele Menschen verbergen ihre Hassgefühle hinter einer Maske eisernen Schweigens. Einige wenige haben sich zur Rache hinreißen lassen, wie jener Siebzehnjährige, der in der Stadt Jijel jetzt im Gefängnis sitzt, weil er in einem Mitglied des bewaffneten Flügels der Islamistischen Erlösungsfront FIS den Mörder seines Vaters erkannte und ihn aus nächster Nähe erschoss.

Vor einem Jahr besuchte ich dort, im östlichen Teil des Landes, ein reformiertes Mitglied der GIA, einer der bewaffneten islamistischen Gruppierungen. Zweierlei wollte ich von ihm wissen: warum sie Krieg nicht nur gegen den Staat sondern gegen Menschen geführt hatten, und was sie zur Kapitulation bewogen hatte. Wie alle ehemaligen Terroristen, mit denen ich sprach, gab auch er mir nur sehr vorsichtige Antworten. Dann aber war er einer der wenigen, der spontan auf meine Frage, ob er selbst einen Menschen umgebracht habe, sagte: « Das weiß nur Gott. »

Tatsächlich gibt es in Algerien einen Spruch, der lautet: « Das weiß nur Gott – und das Militär. » Und es ist schwerlich zu übersehen, dass hinter der spektakulären Wende in der Beziehung des Staates zu den bewaffneten Gruppen ein heimlicher Kuhhandel zum Zweck der Reinwaschung beider Seiten liegt. Wenn keiner die Islamisten für ihre Verbrechen behelligt, die sie in den sieben Jahren des Terrors begangen haben, wird sich auch keiner mit der Folter, den Massenexekutionen und Entführungen beschäftigen, die vom Staat begangen wurden. Aber sobald den Mördern der islamistischen GIA oder AIS der Prozess gemacht würde, müssten die Folterer der algerischen Republik ebenfalls damit rechnen, auf der Anklagebank zu landen.

Heute, anderthalb Jahre nachdem das Gesetz zur Wiederherstellung des gesellschaftlichen Friedens offiziell alle Opfer der Gewalt zum Schweigen gebracht hat, gibt es keine Demonstrationen mehr. Immer weniger Menschen fordern noch die Rücknahme der impliziten Amnestie für Terroristen und staatlich angestellte Täter. Dabei geht in einiger Entfernung von Algier und anderen größeren Städten des Landes der Krieg weiter. Die Großstädter werden allerdings sorgfältig geschützt vor jeglichen negativen Folgen, die solche Gewaltakte haben könnten. Denn der Regierung Bouteflikas liegt viel am neuen Image Algeriens, weshalb man über die « kleinen Massaker », die weiterhin täglich geschehen, nicht spricht. Vieh, Bauern, junge Soldaten und ganze Familien in isolierten Häusern auf dem Lande werden bis heute blutig ermordet. Nur die private Presse berichtet darüber, alle anderen ignorieren es.

Um das Schweigen zu brechen, wenigstens für sich selbst und auf persönlicher Ebene, verbringt jemand wie Noureddine viele Stunden in Diskussionsforen und Chatrooms. Algerische Nutzer des Internets kommunizieren hier viel über « den Krieg » und « die armen Leute, die immer noch sterben ». Zwar wird Noureddine für sein Engagement viel beschimpft, aber seine Beiträge bleiben dennoch immer menschlich, warm und voller Humor. So will er, wie er sagt, seine Solidarität zeigen mit allen, von denen sonst keiner mehr etwas wissen will.

Denn schließlich könnten die Toten ablenken von der frenetischen Geschäftigkeit, die seit der Neuöffnung der Märkte über das Land gekommen ist. Jeder will sein Geschäft machen, « bevor das algerische Schiff endgültig sinkt », und es wirkt, als hätten die Algerier, nachdem sie die Schrecken des Krieges überlebt haben, nur mehr ein Ziel: die Schrecken des rasanten Transformationsprozesses zu überstehen, in dem sich das Land durch die allgegenwärtigen Strukturanpassungsmaßnahmen befindet.

Ausgebrannt und wie unter Schock blättern die Algerier in den Zeitungen mit ihren täglichen Selbstmordnachrichten: Polizisten, die ihre Familien auslöschen und sich dann selbst richten, Jugendliche, die sich erhängen, alte Menschen, die sich mit Säure vergiften. Jeder flüchtet in seine eigene kleine Welt und schottet sich möglichst ab gegen die Außenwelt, die doch nichts anderes zu bieten scheint als immer nur mehr Gewalt.

Das Gesetz hat sein Versprechen nicht eingelöst: Algerier haben über das, was geschehen ist, nicht miteinander gesprochen, sondern sich voneinander zurückgezogen. Für ihre stumme Qual ist das von den Herrschenden strikt kontrollierte Erinnern höchstens ein weiteres Versteck.

Denn die Realität von Ali Merabet, Safia Fahassi und ihrer kleinen Meriem, von Müttern tausender Soldaten, die unter entsetzlichen Umständen ums Leben gekommen sind, oder von Tausenden von Zivilisten, die brutal gefoltert und kalt exekutiert wurden – die will keiner zur Kenntnis nehmen. Selbst auf den blutigen Aufstand in Palästina – einst eine heilige Sache für alle Algerier und tatsächlich ein Schock für die restliche arabische Welt – haben sie kaum noch reagiert. Aber auch ein zur Stummheit verdammtes kollektives Gedächtnis kann noch brutal sein. Gerade jetzt wird es durch eine Debatte in Frankreich über die weitverbreitete Folterpraxis der französischen Kolonialarmee während des algerischen Befreiungskrieges aufgestört. Zwar ist das wohl eher etwas, das die Franzosen unter sich ausmachen müssen. Aber interessant ist dennoch, mit welch sturer Gleichgültigkeit man der französischen Debatte in Algerien begegnet. Warum? Weil es um Amnestien geht, um Kriegsverbrechen und um ein Wort, das für das algerische Bewusstsein einen furchtbaren Klang hat: Folter.

Die damit assoziierten Gefühle waren traditionell verbunden mit der Beziehung aller Algerier zu den Anfängen ihrer Nation und ihrer Leiden in der Vergangenheit. Jetzt aber sind sie wieder Teil der Gegenwart. Deshalb auch finden die Algerier von heute die Gewissensbisse der Franzosen nicht so interessant. Denn dadurch werden sie erinnert an ihre eigene Verantwortung für die entsetzlichen Bilder von Verbrechen, die in ihrem eigenen Land geschehen und straflos geblieben sind.

 

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Dokument erstellt am 27.02.2001 um 21:09:23 Uhr
Erscheinungsdatum 28.02.2001