Frankreich wird von den Kriegsverbrechen in Algerien eingeholt

Mörders Memoiren

Frankreich wird von den Kriegsverbrechen in Algerien eingeholt

SZ FEUILLETON Samstag, 5. Mai 2001

Die Stille erwies sich als trügerisch. Als im November vergangenen Jahres zwei französische Generäle, Jacques Massu und Paul Aussaresses, mit dem Eingeständnis an die Öffentlichkeit traten, dass während des Algerienkriegs 1954 bis 1962 französische Truppen systematisch Gefangene gefoltert und summarisch hingerichtet hätten (SZ vom 24. November 2000), löste dies eine
heftige innenpolitische Kontroverse aus. Zwar waren solche Verbrechen während des « schmutzigen Algerienkriegs » längst als gang und gäbe bekannt, aber sie wurden offiziellerseits stets als Einzelfälle verharmlost.
Insofern war das späte Geständnis der beiden Generäle, dass Folter wie Massenhinrichtungen selbstverständliche Mittel der Repression gewesen seien, ein unerhörter Tabubruch, der eine bislang hartnäckig verteidigte Lebenslüge Frankreichs entlarvte. Während die Kommunisten damals die Forderung erhoben, eine parlamentarische Untersuchungskommission müsse jene Verbrechen aufklären, für die sich Präsident und Premierminister im Namen Frankreichs zu entschuldigen hätten, wurden beide Forderungen vom sozialistischen Koalitionspartner wie von den bürgerlichen Oppositionsparteien zurückgewiesen.
Das überraschte niemanden; denn Frankreichs politische Klasse weiß sich stillschweigend in einer großen Koalition vereint: Der Ruf des Landes, der gleichgesetzt wird mit dem fraglosen Ansehen seiner politischen Institutionen, muss auch gegen historisch nur zu berechtigte Einreden geschützt werden. Der sozialistische Premierminister Jospin sprach sich zwar für « die Erforschung der Wahrheit » aus, wollte diesen Auftrag aber nur einer Historikerkommission anvertrauen. Im Übrigen, so Jospin auf dem Parteitag der französischen Sozialisten Ende November 2000 in Grenoble, sei die Folter ein Problem, das nicht allein Frankreich angelastet werden könne. Die Übergriffe, die in Algerien stattgefunden haben mögen, seien seiner Meinung
nach jedenfalls kein Anlass für eine kollektive Buße.
Mit diesem salomonischen Ausweichmanöver – umfassende Aufklärung ja, öffentliche Reue nein – verschwand das Thema wieder aus den Schlagzeilen. Die Nationalversammlung verabschiedete nach gebotener gründlicher Vorbereitung die gesetzlichen Voraussetzungen dafür, dass Historiker Zugang zu den bislang gesperrten Archiven erhielten. Ein entsprechendes Gesetz wurde unlängst in Kraft gesetzt, so dass man jetzt mit den Nachforschungen beginnen könnte. Diese Mühe wird sich jetzt mancher ersparen, denn am Donnerstag erschien in dem auf historische Publikationen spezialisierten Verlagshaus Perrin ein Buch mit dem rätselhaften Titel « Services Spéciaux – Algérie 1955 -1957 ». Als Verfasser firmiert der General Aussaresses, der auf 196 Seiten, ohne Anflug von Reue oder Selbstzweifel, schonungslos gegen sich selbst wie gegen seinen Leser, Auskunft gibt über die Untaten in Algerien, die er oder seine Untergegeben begingen. In einem Interview, das Paul Aussaresses der Pariser Nachmittagszeitung Le Monde gab, brüstet der sich geradezu mit dem Geständnis, dass seine Einheit, die Services spéciaux, eine « Todesschwadron » gewesen sei. « Die Folter ist sehr wirkungsvoll gewesen; die meisten hat sie zum Reden gebracht.
Anschließend hat man sie einfach beseitigt. Sicher, man hätte sie der Justiz übergeben müssen, das geschah aber nur in einigen Ausnahmefällen. (…) In der Regel hatte man dafür aber keine Zeit. Ob mir das irgendwelche Gewissensnöte bereitet? Ich muss das verneinen. Ich habe mich einfach daran gewöhnt. » Das erste Opfer, das er eigenhändig folterte, so schreibt Aussaresses in seinem Erinnerungsbuch, von dem Le Monde auf zwei Zeitungsseiten einen Vorabdruck veröffentlichte, starb an den Folgen der schweren Misshandlungen, ohne jedoch etwas zu verraten. « Ich habe mir nichts dabei gedacht, geschweige, dass ich seines Todes wegen etwas empfunden hätte. Wenn ich irgendetwas bedauert hätte, dann nur, dass er nicht geredet hat, bevor er starb.

Dass solche Taten zu einer Strategie gehörten, die von der Pariser Regierung gebilligt, wenn nicht geradezu befohlen wurde, stellt General Aussaresses in seinem Buch ausdrücklich klar: « Wenn wir Gefangene umbringen mussten, dann hatten wir nicht den geringsten Zweifel, dass wir die Befehle von Max Lejeune, der Regierung von Guy Mollet und der Französischen Republik ausführten. Es kam selten vor, dass die Gefangenen, die wir in der Nacht verhörten, am anderen Morgen noch lebten. Ob sie nun redeten oder nicht, sie wurden in der Regel ,neutralisiert'(…) Die summarischen Hinrichtungen waren ein integraler Bestandteil unserer Aufgabe, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es war deshalb gar nicht notwendig, entsprechende Befehle zu erteilen. Niemand hat je von mir ausdrücklich verlangt, den oder jenen zu töten. Das verstand sich von selbst. Was die Folter angeht, so wurde deren Praxis toleriert, wenn nicht gar empfohlen. François Mitterrand, der (damalige) Justizminister, hatte in der Person des Richters Jean Bérard einen eigenen Emissär bei Massu installiert, der uns deckte und der über alles, was wir nächtens taten, genau Bescheid wusste. Ich unterhielt mit ihm die besten Beziehungen, und ich hatte ihm gegenüber nichts zu verbergen.

Dass man ihm wegen des Geständnisses seiner Taten einen Prozess machen könnte, fürchtet Paul Aussaresses nicht. Sollte er sich täuschen, dann würde er vor Gericht Wort für Wort wiederholen, was in seinem Buch steht, das der bekannte Althistoriker Pierre Nautiker als Dokument eines « erschreckenden Zynismus » charakterisierte.
Zynismus gewiss, aber einer, der seine tiefen Wurzeln in dem in Frankreich allseits respektierten jakobinischen Staatsverständnis hat, einer Idee, die noch jedes Verbrechen rechtfertigte, welches von staatlichen Organen begangen wurde, sobald das Vaterland in Gefahr zu sein schien. La Patrie en danger formuliert seit den Tagen der Revolution eine allen moralischen Einwänden enthobene Staatsraison, die jedes Mittel, einschließlich Mord und Folter, rechtfertigt, wenn es gilt, Schaden vom zum Götzen verklärten Vaterland abzuwenden. Das mag das Rätsel aufklären, das einem eine Nation aufgibt, die sich auch durch den heroischen Widerstand definiert, den sie gegen die brutale Unterdrückung seitens der deutschen Okkupation aufbot, und die, kaum dass sie von ihren Quälern befreit worden war, sich ohne alle Scheu systematisch eben jener grausamen Methoden bediente, um den Freiheitswillen eines anderen Volkes zu brechen. General Paul Aussaresses personifiziert dieses jakobinische Staatsverständnis in geradezu erschreckender Weise, denn er ist keineswegs ein banaler Kommisskopf, ein uniformierter und hochdekorierter Schlagetot wie sein Waffengefährte Marcel Bigeard. 1918 geboren, aus bürgerlichem Hause stammend, besuchte er in Bordeaux das Gymnasium und schloss sein Studium der klassischen Philologie mit dem Staatsexamen ab. Lehrer hätte er werden und irgendwo in Frankreich eine unauffällige Notabeln-Existenz führen können. Stattdessen stieß er zur Résistance. « Man lehrte mich, unauffällig zu töten, zu lügen, meine Leiden und die anderer mit Gleichmut zu erdulden, zu vergessen und auch die Erinnerung an mich auszulöschen. Das alles für Frankreich…

JOHANNES WILLMS