Algerien ist ein riesiges Gefängnis

« Algerien ist ein riesiges Gefängnis »

Ehemaliger Diplomat verurteilt den « schmutzigen Krieg » des algerischen Regimes

von François Sergent, Libération, 20. November 1997
Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Mohamed Larbi Zitout, ehemaliger algerischer Diplomat, ist einer der wenigen Überläufer, die in der Öffentlichkeit mit offenem Gesicht sprechen. Zitout, der seit zwei Jahren in London Zuflucht gefunden hat, beruft sich auf die laizistische und demokratische Opposition und hat beschlossen, die algerische Diplomatie zu verlassen, als die algerische Führung « das Friedensangebot » der Opposition, die sich unter Einschluß der islamischen Rettungsfront FIS im Januar 1995 in Rom versammelte, ablehnte. Heute ist er nicht länger willens, unter dem Vorwand, daß dies den « Islamisten in die Hände spielen » würde, über die Methoden des Regimes zu schweigen.

Frage: Was denken Sie über die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft nach den Zeugnissen, die die Verstrickungen der Sicherheitskräfte in die Massaker und Attentate aufzeigen?

Zitout: Die internationale Gemeinschaft zeugt von Heuchelei, wenn sie angesichts des Massakers an einem Volk schweigt. Es ist besser, Ruander, Chinese oder selbst Palästinenser zu sein als Algerier. Algerien ist ein riesiges Gefängnis geworden, eine riesige Kaserne, und die Algerier fragen sich, warum nichts getan wird, warum diese Komplizität des Westens. Wir sind sehr verbittert. Wir haben den Eindruck, die Algerier seien Menschen zweiter Klasse, verurteilt, geopfert. Ich weiß, daß viele denken, daß das Regime das letzte Bollwerk gegen den Integrismus ist und daß man den Islamisten nicht in die Hände spielen darf. Natürlich gibt es Integristen in Algerien, aber die Mehrheit derjenigen, die für die muslimischen Parteien gewählt haben, wollten vor allem gegen ein korruptes Regime wählen. Es war keine Frage der Religion, es war die einzig mögliche Form des Protestes. Algerien ist nicht der Iran. Aber es gibt immer noch Menschen, die die Wahrheit nicht sehen wollen. Die Moral läßt sich nicht teilen. Die Wahrheit wird nicht den Islamisten zugute kommen.

Frage: Wie werden die algerischen Flüchtlinge in Europa empfangen?

Zitout: Ehrlich gesagt, sehr schlecht, und immer aus dem selben Grund: Die europäischen Länder glauben der Propaganda des algerischen Regimes über die Gefahr einer islamischen Republik, die zwei Stunden von Paris errichtet werden könnte. Dabei wird vergessen, daß die Opposition lange noch nicht ausschließlich islamistisch ist. Es wird zu oft vergessen, daß die FIS während der Wahlen (annullierte Parlamentswahlen von 1991) nur ein Viertel der Wählerschaft und 55% der Wähler angezogen hat. Aber man mißtraut den Algeriern. Ergebnis: 2% der algerischen Asylsuchenden werden in Großbritannien akzeptiert, die Zahlen in Frankreich, Belgien oder Deutschland sind noch geringer. Ich habe 22 Monate gewartet, um einen Aufenthalt zu erhalten, während ein irakischer oder chinesischer Diplomat in der Opposition sofort seine Papiere bekommt.

Frage: Viele Zeugnisse werden im Moment veröffentlicht. Manche sehen darin Manipulationen oder den Wille mancher Clans im Regime, Rechnungen mit anderen mit Hilfe der « Enthüllungen » im Ausland zu begleichen…

Zitout: Ich glaube nicht, daß man von einer Orchestrierung aller Zeugnisse sprechen kann, z.B. von einem Kampf zwischen Zeroual und Smain (Nummer 2 der Sécurité Militaire). Ich glaube auch nicht an unterschiedliche Sichtweisen zwischen « Ausmerzer » (éradicateurs) und « Dialogbefürworter » (Anhänger einer harten Repression und Anhänger einer Verhandlung mit der gesamten Opposition, einschließlich der FIS). Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Militärs betreffen vor allem Fragen der finanziellen Interessen, der Teilung des Kuchens zwischen den Generälen. Es sind keine politischen oder ideologischen Oppositionen, sondern es handelt sich um Rechnungen, die innerhalb der Mafia an der Macht beglichen werden müssen. Der Sinn dieser Enthüllungen ist, daß sie ein Stück der Wahrheit über Algerien erzählen. Wir haben ein Sprichwort in Algier: « Man darf keinen Unterschied zwischen den Welpen machen ». Insbesondere die Aussagen der Polizisten, der « Ninjas » oder der Militärs sind sehr wichtig. So können wir besser erkennen, was tatsächlich geschieht. Diese Leute nehmen große Risiken auf sich, indem sie aussagen. Es gibt viele Flüchtlinge in Europa, Richter, hohe Polizisten, selbst Offiziere. Sie sprechen nicht, aus Angst um sich selbst oder aus Angst vor Übergriffen gegen ihre Verwandten, die in Algerien geblieben sind. Sie schweigen auch, weil sie es geschafft haben, diesem « schmutzigen Krieg » zu entkommen und sie nicht mehr hineingezogen werden wollen.

Frage: Diese Zeugnisse erwähnen die Manipulation der GIA durch die Sécurité Militaire. Gibt es konkrete Elemente, die dies beweisen?

Zitout: Es gibt keinen Zweifel, daß diese Gruppen – ich sage nicht alle, aber eine große Mehrheit – vom Regime infiltriert und manipuliert sind. Seit 1986, zur Zeit des Afghanistan-Krieges, hat die Sécurité Militaire einige ihrer Agenten unter den Freiwilligen plaziert, die geschickt wurden, um den « heiligen Krieg » zu führen. Diese Agenten haben die Grundlage geboten für die Infiltration der bewaffneten Gruppen nach 1992. Als ich in der Botschaft in Tripolis war, sagte mir ein hochrangiger Kollege von der Sécurité Militaire, als wir über die Gewalt sprachen: « Mach Dir nichts draus, die GIA, die kennen wir, das sind wir. » So sprechen sie, sie sagten es wie eine Tatsache: « Das sind wir! » Ihnen ist es gelungen, diese Gruppen bis an ihre Spitze zu infiltrieren. Leute wie Zitouni (einer der toten Chefs der GIA, auf die sich die Bombenleger in Frankreich berufen) sind vom Regime manipulierte Islamisten. Es ist sehr leicht, diese Gruppen zu infiltrieren: es ist immer leicht « Allah Akbar » lauter zu schreien als der andere. Was die Bomben in Frankreich betrifft, sagten mir die Leute des Geheimdienstes immer: « Das Wichtige ist die Unterstützung Frankreichs. Alles muß getan werden, damit diese Unterstützung langfristig bestehen bleibt. » Ich glaube dennoch nicht, daß die in Frankreich festgenommenen Bombenleger Agenten der Sécurité Militaire sind. Es sind vielmehr Islamisten, die vom Regime ferngesteuert und manipuliert wurden, vielleicht sogar ohne es selbst zu wissen.

 

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