Wir sind die Mörder – Wir töteten für den Staat

Wir sind die Mörder Wir töteten für den Staat

Die algerische Regierung beschuldigt islamische Fundamentalisten der Folter und der Massaker. Doch zwei Mitglieder der Sicherheitspolizei enthüllen die Wahrheit über das Abschlachten, das sogar Kinder nicht verschonte.

von John Sweeney, The Observer, 11. Januar 1998
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Der Ninja – diesen Ausdruck benutzen die Algerier für die gefürchtete, vermummte paramilitärische Polizeitruppe der algerischen Junta – sprach regungslos, als er die Einzelheiten des Massakers vom 10. Oktober letzten Jahres schilderte.

« Wir fuhren in einem Konvoi von 16 Fahrzeugen, Nissan Jeeps und Peugeots 505, vier Ninjas pro Wagen. Wir verließen die Polizeistation Chateauneuf [fünf Kilometer westlich der Kasbah im Zentrum Algiers] etwa um 1.30. Die Fahrt nach Rais Hamido, ein Vorort von Algier, dauerte etwa 45 Minuten. Wir waren mit Kalaschnikows und 9mm Berettas bewaffnet. »

« In der Nähe des Zielortes hielten wir an und warteten auf die Sondereinheiten der Sécurité Militaire. Sobald sie angekommen waren, durchtrennte einer von uns die Stromversorgung für das Gebiet, so daß 20 bis 30 Häuser ganz dunkel waren. Das Durchtrennen der Stromversorgung ist eine unserer Aufgaben, » erklärte « Robert », ein Ninja, der im letzten Monat von Algerien nach Britannien geflohen ist und nur unter strikter Wahrung der Anonymität mit dem Observer gesprochen hat.

« Unsere Befehle waren klar. Wir sollten die Umgebung bewachen, und nur dann handeln, wenn wir eigens Befehle erhielten. Die Sécurité Militaire ging hinein und kam nach einer gewissen Zeit wieder heraus, vielleicht zwei Stunden oder etwas weniger. Nachdem sie gegangen waren, gingen wir hinein, um den Ort aufzuräumen. Da lagen 16 Leichen, zwei Familien. Ich sah mit meinen eigenen Augen tote Männer, Frauen und Kinder, sogar ein Baby, allen war die Kehle durchgeschnitten worden. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das war… »

Wer begeht also die Massaker in Algerien?

« Das sind wir, » sagten die beiden Ninjas unisono. Ihre Augenzeugenberichte sind erdrückendes Beweismaterial, das der offiziellen Linie der algerischen Regierung widerspricht – nämlich daß allein muslimische Fundamentalisten für die Gemetzel verantwortlich sind.

« Robert » und sein Ninja-Kollege « Andrew » lieferten detaillierte Beweise für die Verstrickung des Staates in eine ganze Reihe von Menschenrechtsverletzungen: Massaker durch Todesschwadrone der Sécurité Militaire, Folter von Regimegegnern, Schnüffeln und die Ermordung von unliebsamen Journalisten und populären Entertainern, um das Ansehen der Islamisten in einer sorgfältig geplanten psychologischen Kriegführung zu ruinieren.

Andrew, ein hochgewachsener Mann mit einem schmalen, sensiblen Gesicht, sagte: « Seit 1987, als ich zur Polizei kam, bis ich hierher kam, habe ich alles gemacht: Mord, Folter. Wenn jemandem hier vor mir die Kehle durchgeschnitten würde, würde ich sagen, das ist normal, normal. Ich habe Folter gesehen und ich habe sie ausgeführt. Das erste Mal wurde ich 1992 Zeuge von Folter, als wir einen Aktivisten verhafteten, der für die Islamische Heilsfront arbeitete. Die Sécurité Militaire übernahm ihn und sagte zu mir: ‘Du kannst mitkommen und zuschauen, wenn du es erträgst’. »

« Sie entkleideten ihn, verbanden ihm die Augen, klemmten seine Hoden in einer Schublade und steckten einen in Bleichlauge getränkten Schwamm in seinen Mund, bis er sich übergab. Dann brachten sie ihn weg. »

Robert wurde letztes Jahr Zeuge der Folter in der berüchtigten Polizeistation Chateauneuf: « Wir brachten den Gefangenen in die Kaserne, durch eine Falltür hinunter in einen Keller. Es waren etwa 15 Gefangene in der Folterkammer. Allen waren die Augen verbunden. Ein Mann wurde mit einem Lötkolben und einer Drahtzange gefoltert. »

« Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen. Der, den wir brachten, wurde an eine Leiter gefesselt. Wenn er keine Namen nannte, stieß ein Polizist die Leiter um, so daß er auf das Gesicht stürzte. Dann mißhandelten sie ihn mit einer zerbrochenen Flasche. Dann gab es da eine Maschine zum Strecken » – er beschrieb ein 90er-Jahre Modell einer Folterbank – « und Strom, mit Wasser, um die Schmerzen zu steigern. » Das algerische Regime bestreitet den Einsatz der Folter, aber Amnesty International, Human Rights Watch und die Medical Foundation for the Care of Victims of Torture sagen, daß sie systematisch eingesetzt wird, und verfügen in ihren Akten über viele Fälle, die Vorkommnisse von Folter im einzelnen beschreiben.

Doch der Einsatz von Massakern als staatliche Politik ist ein weniger gut bewiesener Vorwurf gegenüber dem Regime. Robert schilderte auch seine Beteiligung an zwei weitaus größeren Mordaktionen. Die erste ereignete sich 1994 in Ain Defla, in den Bergen westlich von Algier: « Uns wurde gesagt, daß in den Bergen eine islamistische Gruppe operieren würde. Die Menschen dort oben führen ein einfaches Leben. Sie sind sehr arm. Ich schoß mit meiner Kalaschnikow auf das Dorf. Aber es wurde nicht zurückgeschossen. Als der Befehl kam, das Schießen einzustellen, gingen wir hinein. Wir fanden nur tote Frauen und Kinder. »

Ein weiteres Massaker, an dem er beteiligt war, ereignete sich Ende 1995 in Larbaa, einem Vorort von Algier. « Wir umstellten das Haus und uns wurde über die Walkie-Talkies gesagt: ‘Geht nicht hinein, bis die Sécurité Militaire kommt.’ Wir warteten, bis sie kamen. Sie waren Ninjas wie wir, trugen aber die Kleidung der Islamisten: falsche Bärte, weite Hosen. Sie sprachen mit unserem Offizier. Sein Name war Chaoui. Die Sécurité Militaire wies ihn an, das Gebiet zu umstellen und zu warten. »

« Wir hörten keinen Ton. Zwei Stunden später kamen sie heraus. Wir sagten: ‘Was ist geschehen?’ Sie antworteten: ‘Nichts’, und wischten ihre Hände ab. »

« Unser Nissan-Jeep fuhr als erster hinein. Wir konnten kaum glauben, was wir sahen. Frauen, Kinder, alle hingemetzelt. Es war fürchterlich. So viele, man konnte sie nicht zählen. Ich sah in jedem Haus aufgeschlitzte Kehlen, abgeschlagene Köpfe. Alle waren hingemetzelt. Es gibt für mich keinen Zweifel, daß die Leute, die das getan haben, von der Sécurité Militaire waren. »

Warum machte er diese Arbeit? « Du mußt den Befehlen gehorchen oder du bist tot. Wenn du mit ihnen brichst, können sie zu deiner Familie kommen. Und sie ziehen den Ausweis ein, wenn du in die Polizei eintrittst. »

Zu Andrews Arbeit gehörte auch, algerische Journalisten auszuschnüffeln und sicherzustellen, daß sie nicht das Regime kritisierten. Laut Andrew werden Journalisten, die nicht auf Linie sind, ermordet – und die Schuld wird den Islamisten angelastet.

Er sagte: « Ich hatte einen Cousin, Mohamed Salah Benachour. Er war Reporter für APS. Bei einem Aufenthalt in Tunesien äußerte er sich kritisch über das Regime. Ich bearbeitete seinen Fall und notierte seine Äußerung, die so in seine RBK-Akte kam. Ich kenne die Bedeutung dieses Kürzels nicht, aber wir schickten diese Akten immer unserem Chef, dem Polizeidivisionskommandant Abboub Djelloul. Von dort wurden sie zum Innenministerium weitergeleitet. »

Laut des in den USA ansässigen Committee to Protect Journalists wurde am 27. Oktober 1994 Benachour « in Boufarik, südlich von Algier, bei der Rückkehr von der Arbeit durch Schüsse getötet. Niemand hat sich zu diesem Mord bekannt, aber es wird angenommen, daß es die Tat von bewaffneten islamischen Kämpfern war. »

Aber Andrew sagte: « Ich weiß, wer ihn tötete. Es waren meine Kollegen. »

 

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