Massaker als Teil der Counterinsurgency-Strategie

Massaker als Teil der Counterinsurgency-Strategie

Ein weiterer algerischer Zeuge sprach mit dem Observer

von John Sweeney, The Observer, 18. Januar 1998
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

[…] Die Frage ist: Sind alle 80 000 Opfer von einer einzigen Seite getötet worden? Die Beweise dafür, daß die Generäle sich der Folter als politischem Instrument bedienen, sind überwältigend. Die Beweise dafür, daß sie Massaker zur Unterdrückung des Volkes einsetzen, sind weniger klar. Die Opfer von Massakern erzählen keine Geschichten.

Vergangene Woche sagte der britische Außenminister Robin Cook vor dem Europäischen Parlament: « Die letzten Massaker und ihr Ausmaß an Brutalität waren schrecklich… Wir haben keine Beweise gesehen, die die Vorwürfe einer Verstrickung der algerischen Sicherheitskräfte bestätigen. » Doch eine beweiskräftige Anklage gegen die Generäle bezüglich der Massaker liegt bereits vor und wird weiter aufgebaut. Bevor Cook sprach, hatte der Observer vom 11. Januar 1998 zwei ehemalige Ninjas – die gefürchtete paramilitärische Polizei – präsentiert, die bezeugten, daß sie routinemäßig auf Befehl an Massakern teilnahmen. Die Mörder waren die geheimen Todesschwadronen des Regimes, verkleidet als « muslimische Fundamentalisten ». Ein ehemaliger algerischer Premierminister, Abdelhamid Brahimi, ein Schiffsoffizier, ein ehemaliger Geheimdienstoffizier, « Josef », und ein ehemaliger Diplomat, Mohammed Larbi Zitout, die sich jetzt alle in London aufhalten, kamen vergangenes Jahr unabhängig voneinander zum Observer und berichteten, daß das Regime die extremsten muslimischen Terroristen, die GIA, « umgedreht » hat und in Wirklichkeit hinter den Massakern steckt.

Gestern sagte Hauptmann « Josef » Haroun, der ehemalige algerische Spion: « Wenn die Leute in den Straßen von Algier wissen, daß der militärische Geheimdienst zumindest in einige der Massaker verstrickt ist, dann sollte Mr. Cook das allemal wissen. »

Cooks Agnostizismus in bezug auf die Verstrickung des Regimes in die Massaker ist ein bemerkenswerter Schritt weg von der Position des Quai d’Orsay . Im Einklang mit Frankreichs warmer Beziehung zur Regierung ihrer früheren Kolonie bestreitet das französische Außenministerium die Möglichkeit, daß zumindest einige der Morde das Werk der Regierung sind. Die Linie des Außenministeriums besagt, daß es eine Reihe von Verschwörungstheorien über die Massaker gibt und Tatsachenbeweise nicht verfügbar sind. Diese Unklarheiten, so argumentieren die Schönredner in der King Charles Street, bedeuten, daß wir die Generäle nicht verurteilen sollten. Die selben Mandarine legten ihre Hände in den Schoß, als die Serben in Srebrenica und anderenorts einen Genozid begingen.

Auf den ersten Blick scheint es eine logische Verteidigung des algerischen Regimes zu geben. Es ist schwer geschädigt worden von den großen Massakern im Spätsommer und den 1100 oder mehr Getöteten seit dem Beginn des Ramadan. Ein kleines Maß an Gewalt nützt dem Regime, aber nicht regelrechtes Abschlachten. Doch diese Sicht wurde gestern durch eine siebte algerische Quelle – « James » – erschüttert. (Eine der Schwierigkeiten beim Schreiben über Algerien ist, daß eigentlich jeder Zuhause Familie hat. Wenn der Observer ihre Namen drucken würde, müßten sie befürchten, daß ihre Verwandten gefoltert und ermordet werden.)

James erklärte, daß die Generäle ihre eigene Version einer Operation durchführten, die die Briten in Malaysia und die Amerikaner in Vietnam als « Programm der strategischen Dörfer » bezeichneten. Er sagte: « Mein Onkel lebte in der Region von Djijel, die stark bewaldet ist und den Terroristen in der Vergangenheit Schutz geboten hat. Die Armee, unter dem Befehl des lokalen Kommandeurs General Boughaba, kam in sein Dorf und sagte, daß alle zu den Waffen greifen und sich selbst gegen die Terroristen verteidigen sollten. Das Problem besteht darin, daß, wenn sie dies tun, sie sich auf die Seite des Regimes stellen, was sie nicht wollen, und damit möglicherweise zu einem Ziel für Terroristen werden. »

« Mein Onkel sagte, daß er darüber nachdenken würde, aber schließlich lehnte er das Angebot ab. Zwei Wochen lang wurde das Dorf von der Armee von der Umgebung abgeschnitten. Keine Nahrungsmittel oder Fahrzeuge wurden hineingelassen, und ihre Papiere wurden eingezogen. Der Druck ging weiter. Die Armee forderte die Leute auf, sich zu entscheiden. Mein Onkel und andere versuchten, sich dem Druck zu widersetzen. »

« Dann wurden eines Nachts 14 Menschen massakriert. Am nächsten Morgen traf ein jeder eine Entscheidung. Entweder griffen sie zu den Waffen oder flohen in die Stadt. Mein Onkel floh in die Stadt. » Wer ermordete also die 14 Menschen? « Die Armee. Sie taten es, um den Leuten Angst einzujagen und dadurch auf ihre Seite zu ziehen. Jetzt ist General Boughaba nach Algier versetzt worden, um die gleiche Arbeit zu verrichten. »

Dieses « Programm der strategischen Dörfer » und seine blutigen und geheimen Maßnahmen machen in furchtbarer Weise Sinn. Diese Politik mag den Segen des Präsidenten Liamine Zeroual und seines Kabinetts nicht haben. Aber sie sind nur der Zuckerguß auf dem Kuchen. Die Sécurité Militaire – das einzige effektive Machtzentrum im Land – wird von zwei « grauen » Generälen geleitet, Mohammed Mediene Tewfik und Smain Lamari. Sie wissen, daß das Volk in dem Moment, in dem es keine Angst mehr vor ihnen hat, ihnen die Haut abziehen wird. Also werden die Folter und die Massaker weitergehen. Das Regime kann das Volk nur in Schach halten, wenn die Herrschaft der Angst fortbesteht. Das ist ein Spiegelbild der Herrschaft Saddams im Irak.

Robin Cook hat es in sich, ein großer Außenminister zu sein. Er könnte heute mit der Frage beginnen, warum wir uns gegen eine Tyrannei wenden und eine andere hätscheln. Und er könnte auch auf die Frage kommen, warum die Europäische Union – das heißt wir – Algerien 80 Millionen Pfund Hilfe zur Restrukturierung und « Demokratisierung » gibt. Es ist eine Sache, nichts zu tun, während Generäle ihr eigenes Volk foltern und morden. Es ist eine andere, sie für ihre Schlächterei zu bezahlen.

 

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