Strafexpeditionen

Von Strafexpeditionen und alltäglicher Angst

Libération, 24. September 1997

« Die Armee hat es geschafft die Menschen einzubeziehen, die seit 1992 nie in diesem Krieg Partei ergreifen wollten ».

Samir zeigt das Photo seines französischen Personalausweises. Heute ist er nicht mehr derselbe. Seine Augen haben den Tod gesehen und sein Mund ist immer verspannt. Im Osten Frankreichs geboren, war sein Vater Minenarbeiter. Er ist eines von acht Kindern einer kabylischen Immigrantenfamilie, die es bevorzugt hat, 1969 nach Algerien zurückzukehren und in einem Vorort von Algier zu leben.

Die Gendarmerie verhält sich passiv

Kurz vor dem Staatsstreich von Januar 1992 war die Familie von Samir politisch geteilt zwischen der FIS (Front Islamique du Salut, Islamische Rettungsfront), der Regierung, der FLN (Front de Libération nationale) und dem RCD (Rassemblement pour la Culture et la Démocratie, Versammlung für Kultur und Demokratie). « In unserem Unglück macht keiner mehr Politik. Eine Zeit lang Sympathisant der FIS, habe ich einem Bruder, der Polizist war geholfen, nach Frankreich zu fliehen und einen anderen verloren, der von Gendarmen getötet wurde », erzählt Samir. Vor wenigen Tagen habe ihm ein Freund, der ein kürzlich stattgefundenes Massaker in Baraki, im Osten Algiers, überlebt hat, das Gemetzel geschildert. Samir gibt seine Worte wieder: « Sie sind mit Kapuzen verhüllt, um 22 Uhr zu meinem Freund gekommen. Sie haben gesagt, sie suchten den Sohn des Nachbarn, sie würden ihn verdächtigen, den Terroristen Nahrung gegeben zu haben. Der Vater des letzteren war anwesend und bedrohte sie mit einer Axt. Sie haben ihn getötet. Seine Mutter hat die Kapuze eines der Angreifer heruntergerissen, der ihr eine Kugel ins Auge schoß, nachdem er schrie ‘arfetni’ (sie hat mich wiedererkannt). Dann haben sie allen die Kehlen durchgeschnitten, außer einem Kind und dem Sohn meines Freundes, der sich tot gestellt hat. Am nächsten Tag wollte die Gendarmerie seine Zeugenaussage nicht aufnehmen. Er versichert, ein Mitglied der Kommunalgarde von Baraki wiedererkannt zu haben. »

Samir betont, daß erst nach dem Massaker in Rais, Ende August, gefolgt von dem in Beni-Messous, die Bevölkerung verstanden hat, daß der Staat sie nicht mehr beschützt und schlimmer noch, « daß Einheiten der Sicherheitskräfte manche Übergriffe begehen ». « In Beni-Messous hat man ihnen gesagt, raus zu gehen, dann haben sie alle abgeschlachtet. Die Leute wissen jetzt, daß, wenn in einem Viertel der Strom abgestellt wird, sie fliehen müssen. Letztens, in Baraki, hat meine Frau spät in der Nacht die Leute eines anderen Viertels kommen sehen, sie baten um eine Unterkunft. Manche hatten sogar ihren Fernseher dabei. In El-Harrach organisieren sich die Nachbarn in Gruppen und grenzen Gebiete mit Kodenamen ab und jedes hat eine starke Sirene ». Samir schwört, daß alle als Terroristen verkleidet töten, Islamisten wie Polizisten und Gendarmen, ehemalige Strafgefangene, die als Milizionäre freigelassen wurden. Aber er macht einen Unterschied zwischen den Ereignissen in den Vororten von Algier und im Hinterland: « In den ländlichen Regionen ist es ein Krieg der Stämme geworden. Manche sind mit dem Regime verbunden, weil ein Angehöriger ein kleiner Funktionär ist, Polizist, Gendarm, oder sogar Armee-Beauftragte. Die Spirale des Grauen beginnt dann, wenn die Islamisten ein Mitglied dieses Clans tötet. Dieser beschließt dann, von den Sicherheitskräften die Waffen anzunehmen und plant einen Rachefeldzug gegen diejenigen, die Kinder im Maquis haben. Am Ende kommen die Islamisten, um ihrerseits den Stamm, der Rache geübt hat, zu massakrieren. Und das hört nicht auf, weil die Armee es geschafft hat, Leute einzubeziehen, die seit 1992 in diesem Krieg nie Partei ergreifen wollten ».

Ablehnung der Machenschaften

Für Samir beginnt das Zweifeln 1992, nach der Ermordung des Präsidenten Boudiaf. Eines Abends kommt der Bruder, ein Polizist mit bleichem Gesicht nach Hause. Mit vier Kollegen ging er auf Patrouille, in einer exklusiven Wohngegend von Algier, als Insassen eines weißen Golfs auf sie geschossen haben. Es fand eine Verfolgung statt, bis der Golf in eine Kaserne der Armee fuhr. « Wir gehören zu einer Mittelstandsfamilie, die der Verwaltung seriöse Angestellte geschenkt hat, die es aber immer abgelehnt hat, ihr Viertel zu verlassen. Nach dem Tod von Boudiaf hatte ich Angst um meinen Bruder, den Polizisten. Aber ich hätte nie gedacht, daß ein anderer Bruder, der verantwortlich für eine Elektrizitätszentrale im Westen Algiers war, getötet werden würde ». Im Sommer 1993 lehnt der jüngere Bruder Samirs ab, Elektrizitätsarbeiten in Wohnungen von Gendarmen auszuführen. Er wird für seine Ablehnung von Machenschaften bezahlen. In einer Nacht wird sein Haus von fünf Personen umzingelt. Er wird am Rücken verbrannt und mit einer Kugel mitten in der Stirn erledigt. « Die Mörder meines Bruders wußten nicht, daß er ein professionelles Telefon besaß, um mit seinen Kollegen zu kommunizieren. Während der vierstündigen Umzingelung seines Hauses, hat er seinen Stellvertreter angerufen und dieser versuchte die Armee, die Polizei, die Präfektur zu alarmieren… Niemand ist gekommen, niemand hat sich gerührt… » Einige Tage nach der Beerdigung kehrt Samir mit einem kleinen Lastwagen zurück, um die Sachen aus dem verbrannten Haus zu holen. « Und da habe ich das Unglaubliche gesehen: eine falsche Sperre der Gendarmerie, dann eine echte, ein Kilometer weiter. Der Stellvertreter meines Bruders hat mir zitternd gestanden, daß die Gendarmen ihn getötet hätten. »

 

Infomappe 2