Bentalha: Bericht über 10 Stunden Gemetzel

Bentalha: Bericht über 10 Stunden Gemetzel

Ein Bewohner schildert das Blutbad vom 22. September, weniger als einen Kilometer von den Panzern der Armee entfernt

von Florence Aubenas, Libération, 23. Oktober 1997, Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Eines Tages wußten sie, daß irgend etwas geschehen würde. Es sind Nebensächlichkeiten, Kleinlaster gefüllt mit Männern, die mit großem Tempo das Viertel durchqueren, seltsame nächtliche Geräusche. Die Zeichen können sich über mehrere Tage lang häufen. Aber sie wissen, alle wissen. Man sagt sich: « Es wird losgehen ». In Bentalha, einem Vorort von Algier, ist die Atmosphäre Mitte September eine Woche lang immer drückender geworden, erklärt dieser Bewohner. Nennen wir ihn Yahia. Er ist nach Brüssel geflohen, nach dem Massaker, wo 400 der 2000 oder 3000 Bewohner umgekommen sind. « Ich mache keine Politik und keine Religion. Was ich ihnen sagen werde, hätte ich selbst, bevor es geschah, nicht geglaubt. »

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit

« Es ist losgegangen », am 22. September zwischen 18 und 19 Uhr. « Ich habe etwa 50 Männer auftauchen sehen, aber andere behaupten, es waren hundert. Sie haben damit begonnen, einige Haustüren hier und dort zu sprengen, und setzten sich zu Tisch. Sie haben sich zu essen servieren lassen und nachdem sie gesättigt waren, sagten sie: ‘Heute ist euer Fest’. Dann haben sie alle massakriert. Sie nahmen die Gasflaschen mit, um die nächste Haustür zu sprengen, und töteten jede Familie, eine nach der anderen. » Yahia spricht ohne sichtbare Erregung. Und dann, plötzlich, hält er inne, mitten in einem Satz: « Was habe ich gerade gesagt? Wo war ich stehen geblieben? » Seine Augen waren voller Tränen.

« Gegen 21 Uhr haben die Frauen begonnen zu schreien: ‘Da ist die Armee. Wir sind gerettet.’ Auf der Nationalstraße, die einzige Straße, die nach Bentalha führt, postierten sich die Militärs mit mehreren gepanzerten Wagen. Sie machten die Scheinwerfer an. Wir sahen sie von unseren Häusern aus. Sie waren einen Kilometer entfernt, nicht mehr. Aber nach einer gewissen Zeit wurden die Lichter ausgeschaltet. Polizisten und Kommunalgarden aus dem Nachbarviertel Baraki sind gekommen, um ihre Hilfe anzubieten. Die Armee hat sie blockiert. Die Soldaten sagten, daß keiner intervenieren dürfe, weil der Kapitän nicht da sei und er allein den Befehl erteilen könne. Rettungswagen waren etwas weiter geparkt, abwartend. »

Unter diesem Ausschluß der Öffentlichkeit in Bentalha erreicht die Angst bei den in ihren Häusern verschanzten Bewohnern ihren Höhepunkt. Fast niemand hat Waffen. Manche hatten welche in der Kaserne angefordert, nach mehreren massiven aufeinanderfolgenden Massakern in dem « grünen Gürtel » von Algier, diesem Ring von Siedlungen um die Hauptstadt, die während der Wahlen von 1991 mehrheitlich für die FIS (Islamische Rettungsfront) gestimmt hatten. « Ein Offizier gab ihnen 3 Gewehre mit 5 Kugeln. Er sagte, er könne nicht mehr machen. Im Ministerium hat man ihnen geantwortet: ‘Als ihr den Terroristen zu essen gegeben habt, als ihr sie beherbergt habt, seid ihr nicht gekommen, jetzt seht zu, wir ihr fertig werdet’, » sagt Yahia. « An diesem Abend haben wir noch nicht einmal überlegt zu fliehen. Um wohin zu gehen? Manche versammelten sich in einem Haus. Jeder wartete in der Hoffnung, daß die Angreifer nicht bis zu ihm kommen würden. »

Kapuzen

Von seiner Terrasse sieht Yahia einen jungen Angreifer, der die Selbstbeherrschung verliert, als er das Militär sieht. « Er war der einzige. Alle anderen waren sehr ruhig. Der Chef sagte dem Jungen: ‘Mach Deine Arbeit, nimm Dir Zeit. Sie werden nicht eingreifen.' » Was Yahia sehr überrascht, ist die extreme Organisation der bewaffneten Männer. « Es sind starke Burschen, gewöhnlich gekleidet. Nur wenige tragen schwarze Kapuzen, andere sind als Afghanen verkleidet, mit langem Bart und langen Haaren. Jeder macht seine Arbeit: Eine Gruppe ist für die Aufsicht zuständig, eine andere für das Öffnen der Türen, eine andere für das Massaker. Sie töten in kleinen Stücken, ein Arm, ein Bein, der Kopf. Sie reiben sich die Hände, wenn sie das machen. Manchmal ist es wie ein Spektakel. In einem Haus haben wir eine kniende Frau gesehen, die ihre zwei Kinder an sich klammerte. Alle drei hatten keinen Kopf mehr. » Yahia hält inne. Er betont, daß die Mörder « den Leuten etwas sagen »: « Aber das kann ich nicht wiedergegeben. » Man muß insistieren. Yahia, der ohne mit der Wimper zu zucken vom Tod sprechen kann, wird verwirrt und senkt die Augen. Dann sagt er: « Es sind Schimpfwörter, die man nicht vor Frauen sagt. »

Gegen 4 Uhr morgens beginnen die Mörder mit ihrem Rückzug. Durch den Lärm alarmiert, kommen Familien aus der Nachbarschaft über die Felder angerannt, um zu sehen, ob sie helfen können. « Es gibt noch Mutige. Eine Stunde später sind die bewaffneten Männer gegangen, schreiend: ‘Adieu Bentalha, willkommen in Baraki (Nachbarort)’. Erst dann ist die Armee gekommen. »

Unter den Leichen befinden sich die zweier Mörder. « Einer von ihnen war als Afghane verkleidet, mit Spritzen an seinem Gürtel. Ihre Komplizen hatten ihnen die Köpfe abgeschlagen und mitgenommen, damit man sie nicht wiedererkennt. »

Neue Mörder

In diesem Konflikt, der schon sechs Jahre andauert, ist das Viertel Bentalha leider an Gewalt gewöhnt. « Aber bis 1996 etwa war es etwas anderes », sagt der Flüchtling. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, scherzend, als ob er den früheren Massakern gegenüber den heutigen nachtrauern würde. « Am Anfang gingen viele junge Männer in die Berge, aber sie verheimlichten das nicht. Nachts kamen sie manchmal zu ihren Müttern zum Essen. Man wußte Bescheid, ohne darüber zu srpechen. Jeder Tod war gezielt: Polizist, Journalist… Manchmal traf es eine ganze Familie, alte Partisanen z.B., die das Lager gewechselt hatten. Jetzt sind die ersten Wellen der Rekruten tot. Die neuen Mörder sind anders. »

Yahia sagt, daß er heute in diesem Viertel, wo er und seine Kinder aufgewachsen sind, nichts mehr versteht. Wer hat an diesem 22. September getötet? Yahia antwortet: « Wir sind verloren, wir sind verloren, wir sind verloren. » Auf dem Friedhof von Bentalha hat ein zusammengekauerter Mann acht Tage auf dem Grab seiner Familie verbracht.

 

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