Ein Spezialist beschuldigt das algerische Militär der Counter-Guerilla

Ein Spezialist beschuldigt das algerische Militär der Counter-Guerilla

Gespräch mit Lahouari Addi, geführt von Eric Beaugy, Afrik.com, 19. Dezember 2000 , Übersetzung algeria-watch

Afrik.com: Welche Lehren können aus den letzten Massakern gezogen werden?

L. A.: Sie weisen Ähnlichkeiten mit anderen Massakern auf: keine festnahmen, keine Untersuchung, ein lakonisches Bekennerschreiben der GIA.

Afrik: Dieses Mal hat sich der Innenminister an den Tatort begeben.

L. A.: Das hat keine Bedeutung. In Algerien haben nicht die Minister die Macht, sondern die Militärs und die Sécurité Militaire. Diese Massaker unterscheiden sich nicht von vielen anderen. Die Frage « Wer tötet in Algerien? » kann eigentlich nur von Richtern beantwortet werden. Aber diese Fälle werden nicht vor Gericht verhandelt.

Afrik: Sie kennen auch nicht die Antwort auf diese Frage, aber sie formulieren Hypothesen?

L. A.: Unter der Voraussetzung, daß die Wahrheit nur durch das Eingreifen der Justiz ans Licht treten kann, sind es hauptsächlich zwei Antworten. Entweder die Terroristen verfügen über eine wichtige Unterstützung und Komplizen an höchster Stelle, oder die Generäle haben diese Massaker angeordnet. Diese beiden Hypothesen können sich übrigens ergänzen. Im Falle des Massakers in der Schule von Medea (1) stelle ich fest, daß dort letzte Woche [Anfang Dezember] Militärs getötet wurden und daß die Opfer in einer Stadt leben, die im großen Maße den Islamisten wohlgesinnt ist.

Afrik: Sie stimmen der These zu, daß es sich um eine Counter-Guerilla handelt, die von einem Teil des Militärs geführt wird – wie in Lateinamerika?

L. A.: Vor einigen Jahren, 1997, hatte die Armee die Islamisten auf dem Terrain besiegt. Aber seitdem hat der bewaffnete Aufstand laut Zeitungsberichten wieder begonnen. Sie töten weiter: Beamte, Militärs. Ich behaupte, daß eine Counter-Guerilla die Verfolgungen ausführt führt. Dies ist im Übrigen die Meinung der meisten Beobachter aber auch der Mehrheit der Algerier.

Afrik: Wenn man ihnen folgt, ist die Versöhnung, die der Präsident Bouteflika preist, nur eine Maskerade?

L. A.: Zum Teil ja. Meiner Ansicht nach ist Bouteflika kein Demokrat, aber er will Frieden im Land herstellen. Er befindet sich in einem Machtkampf mit den Generälen. Es kann sehr gut sein, daß er an die Macht gekommen ist, weil er akzeptierte, was Liamine Zeroual (sein Vorgänger) abgelehnt hatte, nämlich eine Form der Amnestie für die « falschen » Islamisten. Seitdem schaden ihm die Massaker und entziehen seiner Politik jegliche Glaubwürdigkeit. Bouteflika spielt auf Zeit. Er hofft, solange standzuhalten, bis die Generäle, die ihm feindlich gesonnen sind, in den Ruhestand gehen. Aber ich meine, daß er gezwungen sein wird, in drei oder vier Monaten zurückzutreten.

Afrik: Man sagt dies, seitdem er vor zwei Jahren an der Macht kam.

L. A.: Die Dinge haben sich seit letzten Sommer geändert. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Präsidenten und einem Teil der Armee stammen aus dieser Zeit und haben sich zugespitzt, als Bouteflika der Einreise einer Delegation von Amnesty International zugestimmt hat.

Afrik: Kann man nicht sagen, daß Bouteflika eine Chance hat zu gewinnen, wenn er sich auf seine moralische Autorität und die Beziehungen stützt, die er mit dem Rest der Welt wieder knüpft?

L. A.: Das kann sein. Aber heute morgen haben schon « Organisationen, die die Zivilgesellschaft repräsentieren », aber im Grunde Satellitenorganisationen der Generäle sind, seinen Rücktritt gefordert.

(1) In Medea drang am 16. Dezember eine bewaffnete Gruppe in den Schlafsaal eines technischen Gymnasiums und eröffnete das Feuer auf Jugendliche: 18 Jugendliche wurden getötet. (Anm. d. Übers.)

 

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