NATO-Wirtschaftskomitee schlägt Alarm über sich anbahnende Kooperation zwischen Rußland, Iran und Algerien

Aufregung um Gas-OPEC

NATO-Wirtschaftskomitee schlägt Alarm über sich anbahnende Kooperation zwischen Rußland, Iran und Algerien

Von Rainer Rupp, Junge Welt, 5. Februar 2007

Die Veränderungen in der weltweiten Energiebilanz standen auf der Tagesordnung des jüngsten Weltwirtschaftsforums im Schweizer Davos ganz oben. Die Diskussion über die Entwicklungen bei der Öl- und Gasversorgung war von Alarmstimmung geprägt, nachdem ein Bericht des Wirtschaftskomitees der NATO vom November 2006 behauptet hatte, Rußland könne auf dem Gassektor zusammen mit Algerien, Katar, Libyen und den Staaten Zentralasiens ein OPEC-ähnliches Kartell schaffen. Zusätzliche nahrung erhielten solche Befürchtungen am 20.Januar, als der russische Industrie- und Energieminister Viktor Christenko auf Einladung seines algerischen Amtskollegen Schakib Chelil dem für Europa wichtigen nordafrikanischen Gasproduzenten einen Besuch abstattete, bei dem eine Reihe von Abkommen zur zukünftigen Zusammenarbeit geschlossen wurden. Da Algerien etwas mehr als zehn Prozent des europäischen Gasbedarfs deckt und die russische Gasprom weitere 30 Prozent, wurde dieses Treffen insbesondere in der Europäischen Union mit großer Besorgnis verfolgt.

Mehr Koordination
Die Algerier beliefern vor allem europäische Mittelmeerländer, während Rußland sein Gas hauptsächlich nach Nord- und Zentraleuropa pumpt. Beide Länder machen kein Hehl aus ihrem Interesse an Zusammenarbeit und Abstimmung auf dem europäischen Energiemarkt. Gasprom will mit Hilfe der Algerier auch auf südeuropäischen Märkten Fuß fassen und bietet dem algerischen Staatsunternehmen Sonatrach im Gegenzug Hilfe auf den Märkten Nordeuropas an. Dabei geht es um sogenannte Swap-Geschäfte: Gasprom könnte entsprechend einem Sonatrach-Vertrag Gas in den Norden Europas liefern und von Algerien eine ähnliche Gasmenge für Kunden im Süden des Kontinents erhalten. Dabei wäre eine Koordination bei Marketing und Preisbildung unvermeidlich, was nicht nur den Europäern Sorgen macht, sondern auch den Amerikanern. Denn die Position der US-Energiekonzerne in Algerien ist stark erschüttert: Der US-Energieriese ConocoPhillips will den algerischen Markt ganz verlassen, und das amerikanisch-algerische Unternehmen Brown Roots & Condor soll kurz vor der Auflösung stehen. Nach der Entscheidung der Regierung in Algier, die staatliche Kontrolle (51 Prozent der Aktien) über die Öl- und Gasgesellschaft Sonatrach zu erhalten, hat auch die US-Unternehmensgruppe Anadarko den algerischen Markt verlassen.

Die USA und die EU sind über den derzeit globalen Trend zur Schwächung der Positionen der eigenen Öl- und Gasfirmen in den Fördergebieten sehr besorgt. Während früher die meisten Abnehmerländer die Förderung von Energieträgern im Ausland über ihre Konzerne kontrollierten, werden diese Unternehmen jetzt immer aktiver von heimischen Monopolisten wie auch von Konkurrenten in China, Indien, Venezuela, Indonesien und Rußland verdrängt. Es ist klar, daß der Durchbruch von Konzernen aus Entwicklungsländern auf dem Energiemarkt den strategischen Plänen des westlichen Kapitals zuwiderläuft. Am stärksten jedoch ist der Westen über die vom NATO-Wirtschaftskomitee geschürten Gerüchte über die angeblich von Rußland avisierte »Gas-OPEC« beunruhigt.

Bei dem Treffen im Januar erklärten Rußland und Algerien jedoch, das Gerede über ein Gas-Kartell sei »übereilt«. Algeriens Energieminister Chelil verwies darauf, daß eine »Gas-OPEC« erst dann möglich werde, wenn es »Märkte für Swap-Geschäfte und verflüssigtes Gas« gäbe, »bei denen die gleichen Merkmale wie auf dem Ölmarkt gegeben sind«. Aber bis man technisch in der Lage sei, Gas wie Öl rund um die Welt verkaufen zu können, werde es noch 20 bis 30 Jahre dauern.

Gemeinsame Strategien
Laut Igor Tomberg vom Zentrum für Energieforschung des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau unternimmt ironischerweise ausgerechnet die EU gegenwärtig alles, daß der Gasmarkt schneller die Merkmale des Ölmarktes annimmt. Um den Wettbewerb der Lieferanten zu fördern, setze die EU u. a. auf Swap-Geschäfte und das Verbot langfristiger Lieferverträge. Dabei spreche die EU offen von der Notwendigkeit einer einheitlichen Energiestrategie der Gasabnehmer und dränge damit die Gaslieferanten dazu, sich ebenfalls zusammenzuschließen.

Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits getan: Pläne zum Austausch von Vermögenswerten im Gassektor wurden Ende Januar auch in Teheran zwischen Rußland und dem Iran auf höchster politischer Ebene erörtert. Aktiva mit Algerien werden bereits ausgetauscht. Der russische Staatspräsident Wladimir Putin kündigte auf seiner Jahrespressekonferenz am 1. Februar an, eine Gas-Pipeline nach Osten zur Belieferung asiatischer Märkte zu bauen. Er signalisierte damit der EU, daß Westeuropa keineswegs der einzige Abnehmer für das russische Gas ist. Zugleich erklärte der Kreml-Chef, er werde sich den von der iranischen Staatsführung gemachten Vorschlag, eine »Gas-OPEC« zu gründen, überlegen. Auf jeden Fall – so Putin weiter – wäre es sinnvoll, wenn »die größten Erdgasproduzenten der Welt ihre Schritte koordinieren«. Moskau, Algier und Teheran liefern zusammen fast die Hälfte der Welterdgasproduktion. Die nächste Gelegenheit, ihre Positionen aufeinander abzustimmen, bietet sich beim Forum der gasexportierenden Länder, das im April in Katar stattfinden wird.