Gaddafi soll Lösegeld bezahlt haben

Stiftung des Sohns des libyschen Revolutionsführers hat schon mehrmals Zahlungen bei Geiselnahmen übernommen

Gaddafi soll Lösegeld bezahlt haben

Wiener Zeitung, 4. November 2008

Wien. (rs) Für Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner sind am vergangenen Freitag wohl die schwersten acht Monate ihres Lebens zu Ende gegangen. Nach exakt 252 Tagen Geiselhaft, teilweise « nur bei Wasser und Brot », wurden die beiden verschleppten Halleiner Touristen in Mali freigelassen – 1800 Kilometer entfernt von jenem südtunesischen Ort, von dem sie im Februar ein letztes Lebenszeichen von sich gegeben hatten.

Doch spätestens seit am Wochenende Spekulationen darüber aufkamen, dass entgegen aller bisherigen Beteuerungen doch Lösegeld an die der Al-Kaida zurechenbaren Entführergruppe geflossen ist, scheint das persönliche Martyrium der beiden Ex-Geiseln in den Hintergrund gerückt. So sah sich zumindest Außenministerin Ursula Plassnik (ÖVP) bei einer gemeinsam mit Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) und Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) abgehaltenen Pressekonferenz am Montag genötigt, vehement zu betonen, dass im Fall von Ebner und Kloiber keine Lösegeldzahlungen, sondern « Standhaftigkeit, Beharrlichkeit und Diplomatie » zum Erfolg geführt haben. Österreich habe sich nicht erpressen lassen, sagte Plassnik. Ermöglicht worden sei die Freilassung vor allem auch durch das Engagement von Malis Präsident Amadou Toumani Toure, der vor allem zuletzt eine Schlüsselrolle gespielt habe.

Zugleich rief Plassnik die Medien dazu auf, nicht durch Spekulationen über Lösegeldzahlungen « Semirealitäten » zu schaffen, die letztlich den Terroristen in die Hände spielten. Sie zeigte sich verärgert über « selbsternannte Experten », « Besserwisser und Wichtigtuer ».

Bereits aus Spital entlassen

Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Freilassung hatte die französische Nachrichtenagentur afp mit Verweis auf « informierte Kreise in Mali » gemeldet, dass für die Freilassung der beiden Salzburger Lösegeld bezahlt worden sei. In weiterer Folge hatte auch ein anonym bleiben wollender Bundesheeroffizier im « Standard » angedeutet, dass Geld geflossen sei – allerdings über Umwege. Um zu verhindern, dass direkt Steuergeld an Terroristen bezahlt wird, habe man sich aber einer komplizierten Konstruktion aus Stiftungen bedient.

Verdichtet haben sich die diesbezüglichen Spekulationen allerdings durch einen Bericht, der am Montag in der algerischen Tageszeitung « Liberté » erschienen ist. Demnach soll der libysche Revolutionsführer Muammar Gaddafi für die Freilassung der beiden Salzburger zwischen drei und fünf Millionen Euro an die Terroristen bezahlt haben. Der Revolutionsführer habe damit « auf eine Bitte des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider reagiert », schreibt das Blatt. Der wenig später bei einem Autounfall ums Leben gekommene Haider habe Gaddafis Sohn Saif al Islam um Hilfe bei der Befreiung der Geiseln ersucht.

Saif al Islam Gaddafi, den man wohl als guten Freund des verstorbenen Landeshauptmanns bezeichnen konnte, ist unter anderem Vorsitzender der « Gaddafi International Foundation of Charitable Associations », die zu weltweiter Bekanntheit gelangte, als sie im Jahr 2000 das Lösegeld für vier westliche Geiseln bezahlte, die von der moslemischen Rebellen-Gruppe Abu Sayyaf auf den Philippinen entführt worden war. Und auch bei der Freilassung der 14 deutschen Sahara-Geiseln im Jahr 2003 soll die Gaddafi-Stiftung ihre Finger mit im Spiel gehabt haben.

Kloiber und Ebner selbst wurden am Montagnachmittag aus dem Heeresspital in Wien entlassen. Sie waren unmittelbar nach ihrer Ankunft am Flughafen Wien-Schwechat in die Klinik gebracht worden, um sich einem umfassenden Gesundheits-Check zu unterziehen. Die eingeschränkte Ernährung, die brütende Hitze und die körperlichen Strapazen, denen die beiden während der erzwungen 1800-Kilometer-Tour durch die Sahara ausgesetzt waren, haben dem ersten Anschein nach jedoch weniger körperlichen Spuren hinterlassen, als zu befürchten gewesen war.

An geheimen Ort gebracht

Laut den Ärzten hat der Gesundheitszustand der beiden und die Auswertung der ersten Befunde die Rückkehr in ein normales Leben wieder zugelassen. Ebner und Kloiber hätten das Krankenhaus dementsprechend auf eigenen Wunsch verlassen.

Begleitet von einer Zivilstreife haben sich die beiden Ex-Geiseln danach in einem Privat-Pkw auf die Heimreise nach Salzburg gemacht. Das genaue Ziel der Reise wurde allerdings nicht bekanntgegeben. « Aus Sicherheitsgründen bleibt der Ort geheim », sagte Angehörigen-Sprecher Mike Vogl. « Auch ich weiß nicht, wo sie hingebracht werden ». Der Kreis der Eingeweihten werde ganz bewusst sehr klein gehalten, um den beiden die nötige Ruhe zu geben. Ob und wann eine Pressekonferenz mit Kloiber und Ebner stattfindet, müsse noch besprochen werde.

Aufzählung Chronologie des Geiseldramas

18. Februar: Die Salzburger IndividualtouristenEbner und Kloiber, zuletzt im Süden Tunesiens auf Wüstentour unterwegs, werden als vermisst gemeldet.

22. Februar: Laut späterer Audiobotschaft der Entführer ist dies der Tag der Entführung des Touristenpaares aus der Grenzregion zu Algerien. In der Folge werden die beiden offenbar über Algerien nach Mali verschleppt.

10. März 2008: Die Al Kaida im Islamischen Maghreb, Nachfolgeorganisation der algerischen Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf, gibt in einer Audiobotschaft bekannt, dass sich die zwei österreichischen Touristen in ihrer Gewalt befinden.

13. März: Per Internet stellen die Entführer erstmals konkrete Forderungen: Gegen die Freilassung aller in Tunesien und Algerien inhaftierten Mitglieder der Al Kaida im Islamischen Maghreb würden Kloiber und Ebner freikommen. Den österreichischen Behörden wird eine Frist von drei Tagen gesetzt. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer lehnt « Verhandlungen mit Terroristen » ab.

14. März:Gusenbauer telefoniert mit Libyens Staatschef Muammar Gaddafi.

16. März: Die Geiselnehmer halten sich offenbar im Norden Malis auf. Der frühere österreichische Botschafter Anton Prohaska reist als Sondergesandter in die Region. Medien berichten von einer Lösegeldforderung in Höhe von fünf Millionen Euro.

Anfang April: Die Entführer fordern die Freilassungdes wegen islamistischer Drohvideos verurteilten Wiener Ehepaars. Außerdem verlangen die Entführer demnach den Abzug der vier Bundesheer-Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt sind.

Anfang Juni: Außenministerin Plassnik reist in die Region. Mit der zunächst geheim gehaltenen und nur wenige Stunden dauernden Visite in Algerien und Mali wollte sie « durch persönliche Gespräche auf höchster Ebene die Wichtigkeit dieses österreichischen Anliegens neuerlich unterstreichen », so Plassnik.

6. Juni:Satelliten-Telefonat Ebners mit Verwandten auf Englisch.

31. Oktober: Die Nachrichtenagentur Reutersmeldet kurz nach 14 Uhr die Freilassung der beiden Salzburger.