Sahara-Geiseln: „Freiheit Schritt für Schritt neu lernen“

Sahara-Geiseln: „Freiheit Schritt für Schritt neu lernen“

Die Presse, 02.11.2008 | 18:26 | CHRISTIAN ULTSCH

Die beiden Salzburger Touristen, die sich acht Monate lang in der Gewalt von al-Qaida-Terroristen befanden, sind wieder zurück in Österreich. Protokoll einer Befreiungsaktion durch beharrliche Diplomatie.

Wien.Hätte das Martyrium für Wolfgang Ebner (51) und Andrea Kloiber (43) schon vor Monaten beendet sein können? Wie die „Presse“ erfuhr, boten sowohl die amerikanische als auch die französische Armee schon in den ersten Wochen nach der Entführung der beiden Touristen Befreiungsaktionen an. Die österreichische Regierung lehnte jedoch ab, da Amerikaner und Franzosen für eine erfolgreiche Aktion im unwegsamen Terrain im Norden Malis nicht garantieren konnten.

Über Aufenthaltsorte der Entführer und ihrer Gefangenen war man aber in Wien ziemlich bald per Satellit informiert, da die französischen und amerikanischen Nachrichtendienste Bilder lieferten. Diese Aufnahmen bekamen auch Mitarbeiter des Heeresnachrichtenamts zu sehen, die seit März in Mali im Einsatz waren.

Die Terroristen der „al-Qaida im Islamischen Maghreb“, die die beiden Touristen aus Salzburg am 22.Februar im tunesisch-algerischen Grenzgebiet entführt und dann nach Mali verschleppt hatten, mussten damit rechnen, dass man ihnen auf der Spur war.

Aus Angst vor Kommandoaktionen blieben sie mit ihren Geiseln ständig in Bewegung. Spuren hinterließen sie jedoch auch durch Telefonate, die sie Ebner und Kloiber gestatteten. Immer wieder wollten die österreichischen Unterhändler Lebenszeichen.

Den Geiseln wurden Fragen zugespielt, die nur sie beantworten konnten. Formuliert worden waren die Fragen von Ebners und Kloibers Verwandten. Übermittelt haben sie mehrere Verbindungsleute, und zwar mit USB-Sticks. Die Umstände der Freilassung liegen im Dunkel. Es heißt, der Durchbruch sei erzielt worden, als Malis Präsident Amadou Toumani Touré sich aktiv einschaltete. Der Staatschef sei anfangs erheblich von benachbarten Regierungen, vor allem seitens Algeriens, unter Druck gestanden, nicht mit Terroristen zu verhandeln.

Die Gespräche dürften äußerst kompliziert verlaufen sein. Angeblich waren Tuareg-Führer im aufständischen Norden Malis involviert. Die Geiselnehmer hätten schon im Sommer signalisiert, dass sie ihre Gefangenen nun loswerden wollten. Es kam jedoch immer wieder zu Rückschlägen. Vor allem die Frage der Übergabemodalitäten gestaltete sich bis zuletzt schwierig.

Entwicklungshilfe für Mali?

Unklar ist, welche Gegenleistung die Entführer für die Freilassung Kloibers und Ebners erhalten haben. Außenamt und Verteidigungsministerium erklären, dass kein Lösegeld gezahlt worden sei. Es werde auch keine erhöhte Entwicklungshilfe nach Mali fließen, heißt es. Über diesen Weg war laut deutschen Quellen vor fünf Jahren eine ähnliche Geiselkrise in Mali beendet worden.

Die beiden Entführungsopfer Ebner und Kloiber wurden bei ihrer Rückkehr am Freitag vom Flughafen Wien mit einem Hubschrauber zum Militärkrankenhaus gebracht. Dort wurden sie nach 252 Tagen Gefangenschaft in der Sahara von ihren Familien empfangen. Bei der Ankunft seien die Salzburger guter Dinge gewesen, sagte Außenministerin Ursula Plassnik. Sie bräuchten nun aber Zeit, um sich zurechtzufinden. „Sie müssen die Freiheit neu lernen – Schritt für Schritt“, erklärte Plassnik. Über die genauen Umstände ihrer Entführung sollen die beiden noch befragt werden.

Den letzten telefonischen Kontakt mit ihren Verwandten vor der Geiselnahme hatten sie am 18.Februar in Tatouine in Südtunesien. Es wird vermutet, dass sie danach in ein Sperrgebiet nahe der algerischen Grenze weiterfuhren. Nach ihrer Gefangennahme am 22.Februar wurden sie 1800 Kilometer quer durch die Sahara bis nach Mali verschleppt. Die zwei Schäferhunde, mit denen der Salzburger und die Halleiner Krankenschwester unterwegs waren, wurden, wie jetzt bekannt wurde, getötet.

Immer neue Forderungen

Am 10. März stellten die Entführer, Mitglieder der Terrororganisation al-Qaida im Maghreb, erste Forderungen. Sie verlangten in einer Internetbotschaft die Freilassung aller ihrer Gesinnungsgenossen aus algerischen und tunesischen Gefängnissen und, wie die „Presse“ erfuhr, auch Lösegeld. Andernfalls sei Österreich „verantwortlich für das Leben der Geiseln“.

Mehrere Ultimaten verstrichen. Bald schoben die Geiselnehmer andere politische Forderungen vor: ein Ende des Einsatzes österreichischer Offiziere in Afghanistan oder die Freilassung des Pärchens, das in Wien wegen der Verbreitung von Internetterrorbotschaften im Gefängnis saß.

Außenministerin Plassnik flog am Freitag mit einer Bedarfsmaschine in die malische Hauptstadt Bamako, um Ebner und Kloiber in Empfang zu nehmen. An Bord waren Ärzte und Psychologen. Samstagfrüh traten der Salzburger und die Halleinerin nach einer Zeremonie mit Präsident Touré den siebenstündigen Heimflug an.

Die beiden waren begierig auf Informationen: Ebner, ein Steuerberater, interessierte sich besonders für die Finanzkrise, die während seiner Gefangenschaft ausgebrochen war. Die Rückkehr ins Leben in Österreich hat begonnen.