Frankreichs Traum von Grösse und Geschäften

Frankreichs Traum von Grösse und Geschäften

In Paris hat die geplante Mittelmeerunion viel Vorstellungskraft mobilisiert.

Von Jacqueline Hénard, Tagesanzeiger.ch, 20. Mai 2008

Die Idee lag schon länger in der Pariser Luft. Nicolas Sarkozys Mittelmeerunion stammt nicht von Nicolas Sarkozy – und nicht einmal von seinem umstrittenen Berater Henri Guaino, den viele Beobachter für den Ideologen des Projekts halten. Urheber des Konzepts ist ein Mann, der über einen engen Kreis hinaus kaum bekannt ist: Jean-Louis Guigou, ein studierter Agronom und Ökonom, der dem sozialistischen Ex-Premierminister Michel Rocard nahe steht.

Guigou ist bis 2002 viele Jahre lang Direktor der französischen Raumplanungsbehörde Datar gewesen und gründete dann ein kleines Institut zu Zukunftsfragen des Mittelmeers, das IPEMed. Dort keimte die Idee, die fünf Jahre später so viel Spaltkraft in der EU entwickeln sollte. Das Mittelmeer liegt für Guigou, wie übrigens auch für viele andere Schlüsselfiguren des Projekts, sozusagen in der Familie: Jean-Louis Guigou ist in Apt im südfranzösischen Vaucluse geboren, seine Frau Elisabeth (die ehemalige Europa-, Justiz- und Sozialministerin) stammt aus Marrakech in Marokko. Henri Guaino ist in Arles geboren als Sohn einer Portugiesin. Nicolas Sarkozy schliesslich ist im Hause seines Grossvaters mütterlicherseits aufgewachsen, der aus Saloniki stammte.

Widerstand anderer EU-Staaten

Seitdem der Präsidentschaftskandidat Sarkozy bei einer Wahlkampfreise nach Toulon im Februar 2007 erstmals über die Mittelmeerunion sprach, hat die Idee eine unüberschaubare Zahl von Zeitschriftenartikeln, Kolloquien und Büchern hervorgebracht. Das einzige Risiko, das zu spät erkannt wurde, war der Widerstand, den andere EU-Staaten dieser vermeintlichen Umorientierung Frankreichs in Richtung Süden entgegensetzen würden. Einen guten Überblick zu den anfänglichen Überlegungen findet man in einem Sonderheft von «Géoéconomie» aus dem Sommer 2007. Darin kommt auch Guigou zu Wort mit einem sachlichen Plädoyer für eine Globalisierung, die sich auf regionale Nord-Süd-Kooperation stützt.

Mit grossem Pathos appellierte Nicolas Sarkozy am Wahlabend an «alle Völker des Mittelmeers», gemeinsam einen «Traum von Frieden und Zivilisation» zu verwirklichen. Als Ziel in weiter Ferne sah der neue Präsident eine politische Union – und als Nahziel die Erneuerung der «politique arabe de la France». Eine seiner ersten Reisen Anfang Juli führte Sarkozy nach Tunesien und Algerien, wo vor allem die Aussicht auf Zugang zu französischer Nukleartechnologie aufmerksam registriert wurde. Mehr Geschäfte für französische Unternehmen und eine straffe Kooperation bei der Kontrolle von illegaler Auswanderung sind die zwei Themen, die bei allen Reisen in die Staaten am Südufer des Mittelmeers zur Sprache kamen.