Journalist: Algerische Attentäter beziehen ihre Anweisungen nicht von Bin Laden

Journalist: Algerische Attentäter beziehen ihre Anweisungen nicht von Bin Laden

Moderation: Doris Simon, 12. April 2007
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/614330/

Aus Sicht des Journalisten und Algerien-Kenners Rudolph Chimelli ist die Anbindung der Attentäter von Algier an El Kaida nur gering. Die Terroristen operierten örtlich und bezögen keine Anweisungen von Osama bin Laden. « Da besteht keine funktionierende Kommandostruktur », sagte Chimelli.

Rudolph Chimelli: Das greift aus einigen Gründen nicht. Es hat sich an den Gründen der Unzufriedenzeit und in dem breiten Milieu, in dem die Terroristen ihre Reserven finden, nichts geändert. Algerien ist immer noch ein Land, das von der alten Schicht der Funktionäre der ehemaligen Einheitspartei und vom Militär regiert wird. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass diese Leute inzwischen durch die Erdöleinnahmen auch noch sehr reich geworden sind. Ein bisschen partizipiert auch das Volk an diesem Reichtum, aber die Unzufriedenheit ist groß, die Arbeitslosigkeit ist groß, und deshalb finden die Terroristen immer wieder Zulauf. Sehr viele sind es nicht mehr, aber sie haben gestern gezeigt, dass sie noch existieren.

Doris Simon: Sehen Sie die Anschläge als einen Startschuss für eine breite Terroraktivität der El Kaida im Maghreb?

Chimelli: Ob man von El Kaida in diesem Sinn sprechen kann, ist ungewiss. Diese Gruppen haben sich dazu bekannt, aber da besteht keine funktionierende Kommandostruktur. Die operieren schon örtlich, beziehen ihre Anweisungen nicht von Osama Bin Laden. Zu befürchten ist es, denn sie haben sich an mehreren Stellen aktiv gezeigt. Es war in Algerien nicht der erste Anschlag. Erst letzte Woche sind 150 Kilometer westlich von Algier neun Soldaten getötet worden. Insgesamt sind es seit Beginn des Jahres bereits 50 Opfer. Die neue Terrorwelle hat wieder eingesetzt im Herbst letzten Jahres, und seither gibt es monatlich drei bis vier Attentate. Es hat sich gezeigt, dass es Zweige gibt, die auch nach Marokko reichen. Wir hatten ja vorgestern in Casablanca drei Selbstmordattentäter, die erledigt wurden, bevor sie ihre Pläne ausführen konnten, und es hat Anfang des Jahres auch schon mal einen Zweig der algerischen Organisation gegeben, der nach Tunesien hinüber reichte.

Simon: Sie sagten, die Hauptakteure sitzen in Algerien selber. Sitzen da auch die Financiers dieser Extremisten?

Chimelli: Ja, diese algerische Untergrundgruppe verdient am Schmuggel mit Autos, Medikamenten und anderen Waren, auch Rauschgift.

Simon: Das heißt, die brauchen im Prinzip gar nicht die Unterstützung von einer El Kaida aus dem arabischen Raum?

Chimelli: Nein, die sind mit ihren örtlichen Quellen autonom.

Simon: Was bleiben der Regierung in Algier jetzt für Möglichkeiten?

Chimelli: Verschärfte Repression, die ist auch bereits im Gange. Seit Wochen unternimmt das Militär eine Offensive in der Kabylei und im Berbergebiet und westlich von Algier. Nicht ohne Erfolg, man hat viele Waffenverstecke gefunden, man hat auch einige Leute verhaftet. Aber ganz ausrotten lassen wird sich die Sache nicht. Es eine kleine Formation, die den Terror im Augenblick ausübt, man schätzt, etwa 500 Mann. Die Gruppe selber sagt, sie seien 5000, aber das ist sicher übertrieben.

Simon: Die Bevölkerung hat ja 2005 mit sehr gemischten Reaktionen reagiert auf diesen Versöhnungsplan, vor allem auf die Amnestie für die Mörder. Wie, gehen Sie davon aus, werden die sich jetzt verhalten in der sich abzeichnenden schärferen Auseinandersetzung?

Chimelli: An ihrem Verhalten wird sich nichts ändern. Der Großteil der ehemaligen Untergrundkämpfer und Terroristen ist schon seit Ende der Neunzigerjahre, als die erste Amnestie verkündet wurde, aus den Bergen zurückgekehrt in die Dörfer und Städte, und ist dort wieder weitgehend integriert, zum Teil sogar mit staatlicher Hilfe, was die Opfer des Terrorismus natürlich erbittert. Aber an dieser Situation wird sich grundsätzlich nichts ändern, denn niemand in Algerien wünscht sich eine Neuauflage dessen, was in den Neunzigerjahren passiert ist.

Simon: Das bedeutet dann, dass die Regierung, auch wenn sie schärfer vorgeht, sich weitgehend der Zusicherung und Zustimmung der Bürger sicher sein kann?

Chimelli: Eines großen Teils, ja. Aller nicht, denn, wie ich Ihnen andeutete, es gibt eine Masse von unzufriedenen jungen Leuten, bei denen sich immer wieder neue Terroristen rekrutieren lassen.

Simon: Es ist aber nicht abzusehen, dass die algerische Regierung dieses Problem anfassen wird?

Chimelli: Es gibt Versuche, aber bis die in einem großen und armen Land greifen, da vergeht natürlich viel Zeit, und das setzt auch voraus, dass man sich mit dem Phänomen der Korruption ernsthaft auseinandersetzen möchte.