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Chronologie des Grauens

algeria-watch, Januar 2000

Entgegen den offiziellen Bekundungen hat sich die Situation in Algerien keineswegs verbessert. Die Morde und Anschläge reißen nicht ab, sie werden nur zu bestimmten Zeitpunkten mediatisiert. In den letzten Wochen berichten die algerischen Zeitungen über die täglich stattfindenden Greueltaten, nicht um darüber zu informieren, sondern weil das vom Präsidenten Bouteflika ausgerufene "Projekt Versöhnung" als gescheitert präsentiert werden soll. Auffällig sind dennoch die Meldungen über Anschläge auf Militärs, die in den vergangenen Jahren nur selten an die Öffentlichkeit dringen durften. Allerdings ist angesichts der massiven Durchkämmungsoperationen von seiten der Sicherheitskräfte fraglich, ob nicht mehr sogenannte "Terroristen" ums Leben gekommen sind. Unter "Terroristen" werden offiziell alle von Sicherheitskräften, Kommunalgarden und Milizen getöteten Personen subsumiert. Und es ist bekannt, daß sie die Terrorismusbekämpfung nicht mit Behutsamkeit durchführen.

Trotz der täglichen Schreckensmeldungen, die das gesamte Land erfassen, haben die europäischen Behörden beschlossen, daß algerische Bürger nicht mehr in Gefahr sind und algerische Flüchtlinge abgeschoben werden können. Der Kompromiß, den die Innenministerkonferenz am 2. Februar 1998 mit der "Einzelfallprüfung" gefunden hatte, um einen Abschiebestopp zu umgehen, wurde am 19. November 1999 aufgehoben. Die Schweizer Ausländerbehörde hat ihrerseits beschlossen, daß abgelehnte algerische Asylbewerber nach Algerien zurückgeschickt werden können.

An dieser Stelle wollen wir exemplarisch eine unvollständige Liste der Morde und Anschläge aufführen. Es sind Meldungen u.a. aus algerischen Zeitungen, d.h. von der Kommunikationszelle der algerischen Regierung herausgegeben. Es handelt sich hauptsächlich um Taten, die sogenannten "Terroristen" zugeschrieben wurden, die Straftaten der Sicherheitskräfte, Kommunalgarden und Milizen sind weitestgehend unbekannt. Deswegen stellt sich die Frage, ob die 3 000 Opfer (Zivilisten, Militärs, Polizisten...), die seit dem 13. Juli bis Anfang Dezember gezählt werden, in der Tat ausschließlich Opfer der bewaffneten Gruppen sind (Meldung von El Watan vom 5. Dezember 1999). Ungeachtet der Frage der Verantwortung muß festgestellt werden, daß der Staat unfähig ist, die Sicherheit seiner BürgerInnen zu garantieren. Selbst seine Sicherheitskräfte sind unzureichend geschützt.

November

3. November: Zwei bewaffnete Aufseher einer elektrischen Anlage und Mitglieder der Kommunalgarde wurden in Cap Djinet ermordet. (Le Matin, 4. Nov.)

3. November: Bei einer falschen Straßensperre in Fernane, im Norden von Berrouaghia wurden vier Menschen getötet und eine Frau entführt. (Le Matin, 4. Nov.)

4. November: Zwei Kommunalgarden wurden in Sidi Daoud (Dellys) ermordet (Pour).

5.-6. November: Ein kleines Dorf bei Ain Tarik (Provinz Relizane) wurde von bewaffneten Männern eingenommen, und zwei Menschen wurden dabei getötet. (Liberté 7. Nov.)

5. November: Bei einem Angriff auf ein Restaurant bei Boumerdes wurden mehrere Militäroffiziere getötet und sechs weitere verletzt. (Le Matin, 7. Nov.)

6. November: Ein junger Mann wurde in Taher (Provinz Jijel) ermordet. (Le Matin, 8. Nov.)

7. November: Die Explosion einer Bombe in der Station der Gendarmerie in Dellys tötete 2 Gendarmen und verletzte zwei weitere. (El Watan, 8. Nov.) Die Zeitung berichtet in dem Zusammenhang, daß dies der 10. Anschlag in der Region seit dem 13. Juli sei und dabei etwa 20 Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet und zahlreiche Personen verletzt wurden.

13. November: Bei einer falschen Straßensperre in Maa Far (Setif) ist ein Polizist getötet worden.

14. November: Sechs Bauern wurden von einer bewaffneten Gruppe bei Medea getötet. (AFP, 21. Nov.)

15. November: Zwei Personen wurden in Reghaia getötet und drei Personen bei einer falschen Straßensperre in Ain Defla. (El Watan, 20 Nov.)

15. November: 19 Dorfbewohner darunter 13 Kinder wurden in Oued Djilali, Benyahia (Provinz Chlef) mit Beilen und Äxten getötet. (AFP, 21. Nov.)

16. November: Ein Militärkonvoi fuhr über eine Bombe in Baghlia (Kabylei), dabei wurden drei Militärangehörige schwer verletzt. (AFP, 21. Nov.)

16. November: Ein Polizist wurde in der Nähe von Chlef ermordet. Eine Bombe wurde in einem Hörsaal der Universität Algier entschärft.

17. November: Bombe in Delly: drei Militärs wurden verletzt.

17. November: Ein Polizist wird an der großen Post in Algier ermordet. (El Watan, 29. Nov.)

18. November: Zwei Personen werden im Wald Sidi Akacha bei Chlef mit durchgeschnittener Kehle gefunden. (El Watan, 20. Nov., AFP, 21. Nov.)

20. November: 15 bis 20 Personen wurden getötet und 8 verletzt an einer falschen Straßensperre auf der Straße von Chiffa (Blida). (AP, 20. Nov., AFP, 21. Nov.)

20. November: Ein Schulbus fährt über eine Bombe, ein Mädchen wird getötet, 3 bis 5 andere verletzt in Tamerdjit (Bejaia). (AFP und AP, 21. Nov.)

21.-22. November: Einem Mann und seinen drei Kindern werden die Kehlen durchgeschnitten, die Frau wird entführt. Diese Nomadenfamilie lebte in Sougueur (Tiraret). (AP, 23. Nov.)

22. November: Ermordung von Abdelkader Hachani, Nummer drei der FIS, im Warteraum seiner Zahnärztin.

23.-24. November: Zwei Mitglieder einer Selbstverteidigungsgruppe werden bei Keddara getötet. (AP, 27. Nov.)

26. November: Ein Mitglied der Miliz wird in Sidi Akacha getötet und in dem Wald Haroul eine Bombe gefunden. (Le Matin, 27. Nov.)

28. November: In Nessima in der Nähe von Oued Djer, wird ein Linienbus, der die Strecke Chlef-Algier fährt, von einer bewaffneten Gruppe angegriffen. 19 Personen werden massakriert. (AP. 30. Nov.)

29. November: An einer falschen Straßensperre zwischen Boufarik und Chebli werden Autos angegriffen, dabei kommen 10 Personen ums Leben (darunter 2 Frauen, 4 Kinder, 1 Militär). (El Watan, 29. Nov.)

In zwei Wochen wurden über 60 Personnen an vier falschen Straßensperren in Chlef, Chebli, Blida, Boumedfaa) getötet. (Liberté 29. Nov., AP und AFP 30. Nov.)

28. November: Ein Milizionär wird in Oued Sly (Chlef) ermordet. (Le Matin, 29. Nov.)

28. November: Drei Mitglieder der Kommunalgarde bei der Explosion einer Bombe in ihrer Station getötet. (AFP, 29. Nov.)

Ende November: Zwei Personen werden getötet, zwei weitere verletzt durch eine Bombenexplosion in Beni Merzoug (Chlef). (Le Matin, 1. Dez.)

Dezember

1. Dezember: Drei Militärs werden getötet und drei verletzt in Sahel Boubarak (Dellys). (Le Matin, 2. Dez.)

2. Dezember: 16 Islamisten, von der Katiba el Ahoual, darunter drei Emire in Chorafa bei Chlef während einer großangelegten Operation getötet. (NZZ, AP, Reuters, 3. Dez.)

2. Dezember: Elf Mitglieder einer Nomadenfamilie (Frauen und Kinder) werden in einem Zeltlager in Sidi Makhlef (Laghouat) massakriert. (AP, 3.Dez., El Watan, 4. Dez.)

3. Dezember: Junger Mann in Constantine getötet. (El Watan, 6. Dez.)

3. Dezember: Eine Bombe auf ein Polizeifahrzeug verursacht den Tod von einem Polizisten und mehrere andere werden verletzt. Die Polizei und Gendarmerie schließt das Viertel und nimmt über hundert Personen fest, die auf der Stelle oder in Kasernen gefoltert werden. Mindestens ein Mann starb unter der Folter. (El Watan, 8. Dez., Libération, 10. Dez.)

4. Dezember: Zwei Militärs und zwei Milizionäre wurden in Boumehni in der Nähe von Draa el Mizan verletzt, zwei Islamisten wurden bei dieser Operation getötet. (El Watan, 6.Dez.)

4. Dezember: Vier "Terroristen" wurden in Tissemsilt getötet. Ein "Terrorist" wurde im Wald von Istambul (Mascara) getötet. (El Watan, 6. Dez.)

4.-5. Dezember: Zwei "Terroristen" wurden in Djebahia (Bouira) getötet. (Le Matin, 6. Dez.)

El Watan berichtet am 5. Dezember, daß etwa 3 000 Personen (Zivilisten, Militärs, Sicherheitskräfte, ohne allerdings die mutmaßlichen von Sicherheitskräften getöteten Islamisten zu zählen) seit dem 13. Juli, dem Tag an dem das Gesetz zur "zivilen Eintracht" verabschiedet wurde, getötet wurden.

5. Dezember: Ein Polizist und ein Militär werden in einem Bus an einer falschen Straßensperre zwischen Boukhadra und Aouinet (Tebessa) getötet. (El Watan, 6. Dez.)

6. Dezember: Zwei Zivilisten und ein Militär werden von einer bewaffneten Gruppe in Ouled Abbes (Chlef) verletzt. (Le Matin, 8. Dez.)

10. Dezember: 5 Soldaten und 2 Islamisten wurden in Hamma Righa (Ain Defla) während einer Durchkämmungsoperation getötet. (AFP, La Tribune, 11. Dez.)

11.Dezember: An einer falschen Straßensperre zwischen Blida und Medea eröffnet eine bewaffnete Gruppe das Feuer auf einen Bus und setzt diesen in Brand. Dabei sterben 15 Personen. (AFP, 12.Dez.)

13. Dezember: Ein Bürgermeister, der Chef der Gendarmerie und zwei Zivilisten wurden in der Nähe von Relizane getötet.

14. Dezember: 11 Personen wurden getötet, 4 verletzt in Taghit, in der Nähe von Bechar (950 Km südlich von Algier) (AFP, 14. Dez.)

14. Dezember: 11 Militärs getötet und 22 verletzt in der Nähe von Chlef. (AFP, 15. Dez.)

15. Dezember: Der Chef der Kommunalgarden von Beghlia (Dellys) wurde bei dem Angriff einer bewaffneten Gruppe getötet. (Le Matin, 16. Dez.)

In dieser Zeit wird eine großangelegte Operation in der Region von Relizane bis Oran über Saida und Mascara von kombinierten Sicherheitskräften durchgeführt. (La Tribune 16. Dez.)

16. Dezember: Nach dem Gebet nach dem Fastenbrechen wurden in Bou Ismail Menschen, die aus einer Moschee hinausgingen, von einer bewaffneten Gruppe mit Äxten und Schußwaffen attackiert. Dabei wurden 15 Männer getötet. (AP, 17.Dez.)

18. Dezember: 11 Militärdienstanwärter wurden im Osten des Landes getötet. (Le Matin, 19. Dez.)

21. Dezember: Eine Bombe konnte in einem Saal in Boumerdes entschärft werden. Ein großes Konzert sollte stattfinden, und der Saal war überfüllt mit Menschen. In letzter Minute wurde die Bombe in den Toiletten gefunden. In der Panik sind mehrere Personen leicht verletzt worden. (Liberté, 22.Dez.)

22. Dezember: Zwei Polizisten wurden in Boghni getötet (40 Km von Tizi-Ouzou). (El Watan, 23. Dez.)

24. Dezember: Bei einer falschen Straßensperre am Ausgang von Khemis Miliana (Ain Defla) auf der Straße in Richtung El Affroun wenige Hundert Meter von einer Straßensperre des Militärs wurden 28 Menschen, die in einem Bus reisten, getötet. (El Watan, 25. Dez.)

24 Dezember: Fünf Personen wurde die Kehle durchgeschnitten in Laghouat. (Le Matin, 25. Dez.)

24. Dezember: Bombe auf dem Markt von Ain Taggourait (Tipaza) verletzte eine Person; falsche Straßensperre in Aït Ouacif (Tizi-Ouzou), wo 45 Minuten lang eine Gruppe von ca. 50 Autos anhielt und sich alle Wertsachen aushändigen ließ; verfehlter Anschlag auf einen Ex-Gendarm in Tipaza; während einer Durchkämmungsoperation in der Region Ahmer Al Aïn (Tipaza) wurde ein Gendarm verletzt. (Le Matin, 25. Dez.)

25. Dezember: 27 bewaffnete Männer richteten ein falsche Straßensperre zwischen Tizi Ouzou et Draa El Mizan ein. Es wurden 3 Personen entführt und die Autoinsassen ihres Geldes beraubt (Liberté, 27. Dez.)

26. Dezember: Bombe in Jijel: ein Verletzter. (Le Matin, 27. Dez.)

26. Dezember: Hinterhalt von "Terroristen" in Erraguene (Jijel), bei dem 5 Menschen ums Leben kamen, darunter ein Vize-Präsident in der Kommunalverwaltung, ein Verantwortlicher der Kommunalgarde und ein Militär. (El Watan, 28. Dez.)

26. Dezember: An einer falschen Straßensperre wurden zwei Militärs von bewaffneten Männern angegriffen. Dem einen wurde die Kehle durchgeschnitten, der andere konnte fliehen. .(Le Matin 28. Dez.)

26. Dezember: Eine Bombe in Marhania (Kadiria) tötete zwei junge Menschen. (Pour, 28. Dez.)

28. Dezember: Eine Nomadenfamilie bestehend aus sechs Personen (eine Frau und fünf Kinder) ist in Tadjemount in der Nähe von Aïn Mahdi von einer bewaffneten Gruppe massakriert worden. (Liberté 30.Dez.)

28 Dezember: Ein Mann wurde in einem Hinterhalt zwischen Benaka et Aïn Baâbed, in der Region von Djelfa, getötet. (Liberté 30. Dez.)

28. oder 29. Dezember: Vier mutmaßliche "Terroristen" wurden in einem Hinterhalt der Sicherheitskräfte zwischen Koléa und Bou Ismaïl, in der Region von Tipaza, getötet. (AP 30. Dez.)

30. Dezember: In Timizart Laghbar, drei km von Tizi-Ouzou entfernt, griff eine bewaffnete Gruppe zwei Cafés an. Sie haben die Insassen beraubt. (Le Matin 02. Januar 2000)

31. Dezember: Eine Bombe tötete mindestens vier und verletzte sechs Menschen im Zentrum von Tlemcen. (APS, 31. Dez.)

31. Dezember: Bei einer falschen Straßensperre bei Corso kam ein Mitglied der Selbstverteidigungsgruppe ums Leben, ein anderer wurde entführt. (Le Matin 02. Januar 2000)

31. Dezember: Ein Polizeioffizier wurde während eines Angriffs auf ein Café in Aomar bei Bouira von einer bewaffneten Gruppe ermordet, sein Schwiegersohn verletzt. (Le Matin, 4. Jan.)

 

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