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Bentalha: Autopsie eines Massakers

Jean-Baptiste Rivoire und Jean-Paul Billault
Temps Present, TSR 1, 8.4.1999
Transkription und Übersetzung aus dem Französischen: algeria-watch

Am 8. April 1999 wurde vom schweizer Fernsehsender TSR 1 eine Reportage mit dem Titel "Bentalha: Autopsie eines Massakers" von Jean-Baptiste Rivoire und Jean-Paul Billault ausgestrahlt. Dieser Film fragt nach den tatsächlichen Tätern eines Massakers, das am 22. September 1997 in Bentalha, einem Vorort von Algier, stattfand und bei dem offiziell 85 Menschen, doch nach Augenzeugenberichten über 200 Menschen umgebracht wurden. Eine Horde Männer drang in ein Viertel Bentalha's ein, schlachtete fünf Stunden lang Frauen, Männer, Kinder und Greisen ab und verließ den Ort, ohne verfolgt zu werden. Nach dem Blutbad wurde eine Nachrichtensperre verhängt und nur amtlich autorisierte Quellen dürfen seitdem darüber sprechen. Die Überlebenden werden strengstens kontrolliert, und ausländische Journalisten können sich nur in Begleitung von Sicherheitskräften an den Ort des Massakers begeben. Offiziell heißt es, Islamisten hätten dieses Verbrechen begangen, doch bestehen berechtigte Zweifel an dieser Version. Bis Heute sind Motive, Verantwortliche und Umstände des Massakers nicht untersucht worden.

Dennoch ist es einigen mutigen Journalisten und vor allem Zeugen gelungen, neue Hinweise über die wirklichen Ereignisse zu geben. Der Film stützt sich auf die Recherchen der beiden Journalisten Rivoire und Billault (und anderer, vor allem Saira Shahs, die Anfang 1998 einen außergewöhnlichen Film über die Hintergründe des Massakers in Bentalha filmte) und erinnert daran, daß dieses Verbrechen weiterhin ungeklärt geblieben ist.

Wir geben hier aus dem Französischen übersetzte Ausschnitte aus dem Film wieder, die sich vor allem auf die Aussagen eines Überlebenden stützen, der in Paris Zuflucht gefunden hat.

Nes: Ich heiße Youss Nesrullah (Nes). Ich bin Algerier. Ich bin in Marseilles geboren, aber mit meiner gesamten Familie 1966 nach Algerien zurückgekehrt. Ich habe in Bentalha gewohnt. 1988 habe ich dort gebaut. Ich hatte ein kleines Baustoffunternehmen. Ich arbeitete mit Schulen und mit Kasernen.

1991, als ich verstand, daß die islamischen Parteien an Bedeutung gewinnen, und alle Leute sie unterstützten, war ich erschrocken, ich hatte Angst. Ich hatte für die FFS gewählt (Front des Forces Socialistes) ,aber es stimmt, daß die Leute die FIS gewählt haben, weil sie dachten, mehr Gerechtigkeit zu ernten. Sie wollten eine Partei bestrafen, die das Land in den Ruin getrieben hatte. Sie haben eher gegen die FLN als für die FIS gewählt.

Kommentar: Am 11 Januar 1992 weigert sich die algerische Armee, das Wahlergebnis anzuerkennen. Ein Putsch findet statt.

Nes: Die ganze Bevölkerung hat revoltiert: in Algier, in der Casbah, in Baraki, alle haben um 23 Uhr Lärm gemacht, um gegen den Abbruch der Wahlen durch das Militär zu protestieren.

Ab 1992 hat Europa die Militärs unterstützt und sie haben sich wieder stark gefühlt, sie haben Ausrüstung kaufen können, um gegen die Bevölkerung vorzugehen. Sie haben alle in den selben Sack gesteckt. Da alle für die FIS gewählt hatten, haben sie alles vermischt: alle, die in Baraki wohnten; für die Militärs war da keiner mehr sauber, alle waren sie Schufte, Fanatiker, dabei war es eine gemischte Bevölkerung, wie anderswo auch, ob in Algier, Hydra oder Bentalha.

Ein anderer Zeuge, der im Oktober 1997 von Saira Shah interviewt worden war, wird an dieser Stelle eingeblendet. Seine Aussagen beziehen sich auf die Zeitspanne unmittelbar nach dem Abbruch der Wahlen.

Zeuge: Für sie [die Militärs, die Machthaber] waren wir Terroristen. Es gab sehr viele Straßensperren. Jedes Mal mußten wir die Arme über den Kopf heben und sie durchsuchten uns. Manchmal waren da bis zu sechs Straßensperren zwischen Bentalha und Hussein Dey (Algier). Sie schlugen die Leute manchmal. Bei einer Gelegenheit hatte ein Offizier eine Liste von gesuchten Personen. Mit einer gewissen Aggressivität hat er gesagt: "Wenn ich einen finde, werde ich ihn auf der Stelle liquidieren."

Kommentar: Zu dieser Zeit kündigt das Regime offiziell seine Absicht an, die islamistische Opposition auszumerzen. In Bentalha greifen viele junge Männer zu den Waffen, um gegen den Staat vorzugehen. Am Anfang unterstützt sie die Bevölkerung. Hier das Zeugnis einer Bewohnerin von Bentalha.

Zeugin: Am Anfang hat ganz Algerien sie unterstützt, als wir dann aber ihre Entgleisungen und ihre Greueltaten gesehen haben, haben wir uns abgewandt. Beim ersten Wahlgang hatten die Islamisten gewonnen, aber man hat ihnen diese Wahl genommen. Deswegen haben sie gegen die Angehörigen der Armee und der Regierung gekämpft. (...) Jetzt versteht man nicht mehr, was passiert. Früher war es die FIS, die getötet hat, heute spricht man uns von diesen GIA...

Kommentar: Die GIA, eine Organisation, die 1994 in Erscheinung tritt, wird alsbald verdächtigt, vom algerischen Geheimdienst infiltriert zu sein. Mohamed Larbi Zitout (Nr. 2 der algerischen Botschaft in Libyen) kennt genau den Apparat der algerischen Armee. Als Dissident hat er in London Zuflucht gefunden und schreibt eine Doktorarbeit über die Geschichte der GIA.

Zitout: Ab 1995 sind es nicht mehr bloß infiltrierte Gruppen, sondern sie sind völlig umgedreht. Wir begegnen hier dem Phänomen der Counter-Guerilla, der Konterrevolution. Die GIA wird zu einem weiteren bewaffneten Arm, theoretisch islamistisch, aber in Wirklichkeit macht sie die Arbeit der Sécurité Militaire (Geheimdienst), des algerischen Regimes...

Kommentar: Tatsächlich scheinen in der Region Bentalha manche terroristische Gruppen von den staatlichen Behörden toleriert zu sein...

Nes: Die Terros [Terroristen] in Bentalha konnten frei herumlaufen ohne belangt zu werden. Es stimmt, daß von Zeit zu Zeit Durchkämmungsoperationen vorgenommen wurden, aber das war eine Farce: Sie wußten am Vorabend, daß eine solche Operation vorgesehen war. Die Terros, hatten überall Komplizen.

Kommentar: Einen Monat nach dem Massaker bestätigt eine Frau gegenüber der BBC, daß die Armee manche terroristische Gruppen tolerierte...

Zeugin: Sie lebten unter uns, keiner kann Ihnen das Gegenteil sagen. Sobald es dunkel wurde, verschwand die Armee, und sie kamen mit ihrer afghanischen Kleidung und spazierten im Dorf umher. Die Armee hat ihnen nichts getan. Das, was wir tun konnten, war der Armee Bescheid zu geben, aber sie hat nichts getan.

Im Film wird die Frage gestellt, ob die Armee die Bewegungsfreiheit dieser terroristischen Gruppen nicht hätte verhindern können. Nes, der für die Armee gearbeitet hat, zeigt auf einen mit der Hand gezeichneten Plan, wo in der unmittelbaren Umgebung des Ortes des Massakers Kasernen stationiert sind.

Nes: Die Wichtigste war die von Baraki. Seit dem Abbruch der Wahlen waren dort sehr viele Militärs, echte Militärs, die den Auftrag hatten, den Terrorismus zu bekämpfen. Und weiter gab es die Militärs der ENEMA, vor Haouch Boukadoum und die am Eingang von Bentalha und noch welche in Kaid Gassem. Die Kommunalgarde war auch da. Es sind bewaffnete Männer mit blauen Kampfanzügen. Ein bißchen wie die "Ninjas".

Der Kommentator erklärt genauer, wo diese Kasernen sich befinden: die Kaserne von Baraki liegt 1,5 km von Bentalha entfernt, der Militärposten der ENEMA und die Kaserne von Kaid Gassem, wo auch Militärs stationiert waren, sind ebenfalls 1,5 km weit entfernt. In Bentalha selbst befindet sich ein Militärposten und ein Posten der Kommunalgarde, beide weniger als 1 km entfernt von Hai Djilali, das Viertel, das am meisten vom Massaker getroffen wurde.

Kommentar: Also, das ist der Sektor, der von Sicherheitskräften umzingelt wird und in dem mysteriöse, nach offiziellen Angaben "islamistische bewaffnete Gruppen" die Bevölkerung lange terrorisiert haben. Hat man sie agieren lassen?

In jedem Fall hat ihre Gewalt von 1994 bis 1996 den Interessen des Regimes genutzt, indem sie die Bewohner dazu gedrängt haben, sich gegen die Islamisten zu wenden...

Nes: Ab 1996 konnten sie (die Terroristen) nicht mehr in Hai Djilali eindringen, die Leute hatten die Nase voll, sie wollten nichts mehr von Töten und Massakern hören. Es waren zu viele Ungerechtigkeiten, man verstand nicht, warum die Menschen getötet wurden, warum Frauen entführt wurden. Man fand Leute ohne Kopf... Das war eine Abschlachterei... Das waren Kranke...

Nesrullah und andere Nachbarn beschließen, sich den Selbstverteidigungskomitees anzuschließen. Viele ehemalige Islamisten sind jetzt Milizionäre des Regimes geworden. Nes und seine Freunde beantragen Waffen von den Behörden, ohne daß sie ihnen ausgehändigt werden. Selbst nach dem Massaker von Rais am 29. August, bei dem etwa 400 Menschen von einer mysteriösen bewaffneten Gruppe eine Nacht lang getötet wurden, müssen sie sich vage Zusicherungen anhören. Nes begriff, daß die Versprechungen, ihnen Waffen auszuhändigen, nicht ernst gemeint waren. Erst am Tag selbst des Massakers in Bentalha wurde ihnen mitgeteilt, daß sie am 25. September Waffen bekommen würden. Das Massaker in Bentalha fand am 22. September statt!

Larbi Zitout, der Ex-Diplomat, sagt dazu: Wenn man ihrem Zeugen folgt (Nes), der berichtet, daß ihnen die Waffen verweigert wurden und daß sie zwei oder drei Tage nach dem Massaker verteilt wurden, dann bedeutet dies, daß nicht jedem Waffen gegeben werden. Die Waffen werden erst dann verteilt, wenn ein Teil des Dorfes massakriert wurde, nachdem die Bewohner von der Richtigkeit des "Kampfes gegen den Terrorismus" fest überzeugt sind.

Kommentar: Mehrere Tage nach dem Massaker in Rais waren die Militärs in den Kasernen von Baraki und Kaid Gassem verstärkt worden. Erstaunlich ist, daß die Militärs den Bewohnern sagten, sie sollten keine Wache auf den Dächern mehr halten.

Nesrullah erzählt über das, was er, zwei Stunden vor dem Massaker gesehen hat:

Nes: Ich habe eine Gruppe von mindestens 40 Militärs gesehen. Es war merkwürdig, weil es das erste Mal war, daß wir diese Art von Militärs sahen. Ich habe gedacht, sie seien von Kaid Gassem... Sie hatten die gleichen Kampfanzüge, Helme, gut gekleidet, neue Uniformen, Kugelsichere Westen...

Sie nahmen den Weg zu den Orangenhainen, in Richtung Kaid Gassem. Sie haben diesen Boulevard genommen, sie sind vor meinem Haus vorbei gelaufen, sie haben uns genau angeschaut... seltsam war, was mir mein Freund Abdelkader erzählt hat. Die Militärs haben gesagt: "Sie sind dabei Domino zu spielen, die Schufte." Ich frage mich immer noch, warum sie das gesagt haben. Und sie sind in die Richtung gegangen, aus der die Angreifer später gekommen sind. Das war zwischen 21 Uhr und 21.30 Uhr.

Das Militär verschwindet also in den Orangenhainen, eine landwirtschaftlich genutzte Fläche, über die man zu Fuß die Kaserne von Kaid Gassem erreichen kann. Nesrullah wird allerdings weiter überrascht, denn eine halbe Stunde nachdem die Militärs patrouillierten, verläßt die Kommunalgarde ihr Quartier am Boulevard von Bentalha und untersucht Nes' Viertel - Hai Djilali - um es ihrerseits auch zu verlassen. Dann, um 23 Uhr, erscheinen die bewaffneten Angreifer, die aus den Orangenhainen kommen. Nes erzählt weiter:

Nes: Ich war dabei, mir etwas zu essen zu machen, als ich gegen 23 Uhr oder 23.15 Uhr die ersten Bomben hörte... Dann Schreie, Panik... die Kinder schrien... die Frauen schrien... es war fürchterlich. Ich versuchte zu verstehen... ich habe meinen Freund Fouad gerufen...

Fouads Haus ist von etwa 50 Angreifern umzingelt. Er berichtete gegenüber Saira Shah im Oktober 1997:

Fouad: Sie waren mit Kachabias gekleidet, kennen sie das? Darunter trugen sie Jeans, weiße Turnschuhe und schwarze Turbane und Bärte. Sie hatten Jagdgewehre und Kalaschnikows.

Wir sind über die Mauer gestiegen, als wir die Militärs gesehen haben, die im Kommen waren. Ja, die Militärs. Sie wollten uns helfen. Aber sie sind nicht weiter gegangen, und die Terros haben unser ganzes Viertel umzingelt. Das war gegen Mitternacht, sie haben den Jungs, den Frauen und den Alten die Kehle durchgeschnitten... Und wir... da war jeder für sich, wir haben versucht zu fliehen.

Das Militär stand 300 Meter von Fouads Haus entfernt auf dem Boulevard von Bentalha. Viele haben gesehen, wie bereits vor Beginn des Massakers auf dem Boulevard Panzer abgestellt wurden. Auch Rettungswagen wurden zu diesem Zeitpunkt vorgefahren, als seien viele Verletzte zu erwarten. Die fliehenden Menschen wurden daran gehindert, ihr Viertel zu verlassen. Diejenigen, die doch fliehen konnten, berichteten später, daß sie bei den Soldaten um Hilfe baten. Diese erwiderten, sie hätten keinen Schießbefehl erhalten.

Nes erzählt: Ich habe zwei Panzerwagen gesehen, später erfuhr ich, daß es sechs waren. Wir dachten wirklich, daß die Militärs gekommen waren, um uns zu retten. Wir haben geschrien: "Die Militärs kommen!", aber die Angreifer haben sich nicht darum geschert, als wenn sie gewußt hätten, daß das Militär nicht eingreifen würde.

Da hat Abdelkader das Wort ergriffen und den Angreifern gesagt: "Geht doch zu den Militärs, wir haben euch nichts getan!" Das war, wie wenn er auf einen Knopf gedrückt hätte, ein Schwall von Beschimpfungen und Blasphemie ... Ich glaubte meinen Ohren nicht. Sie sagten uns: "Wir werden euch zu eurem Gott schicken." Das ist schlimm. Alle Muslime wissen, daß es nur einen Gott gibt und dieser Gott aller ist. Diejenigen, die solche Blasphemien aussprechen, sind meistens Militärs... Keine einzige Minute habe ich geglaubt, daß es Islamisten sind...

Viele Überlebende des Massakers teilen die Zweifel von Nesrullah. Ahmed Aitar gehört zu denjenigen, die sich trauen, vor den ausländischen Kameras Fragen zu stellen; er sagte gegenüber France 3:

Ahmed Aitar: Ich habe mich drei Stunden lang mit Ziegeln verteidigt. Das war alles, was ich hatte. Man hat mir meine Frau und meine drei Kinder getötet. 33 Menschen sind in meinem Haus umgekommen. Sie haben vor der Straßensperre angefangen und sind bis hierher gekommen. Sie haben mindestens 300 Personen massakriert.(...) Ein Hubschrauber ist über dem Viertel geflogen, als das Massaker begann und die ersten Bomben geworfen wurden.

Dem Journalisten von France 3 wird ein Milizionär vorgesetzt, der erklärt, es sei unmöglich gewesen, gegen die Killer vorzugehen. Die Armee sei nicht eingeschritten, weil das Dorf von den Angreifern vermint worden sei. Nes sagt dazu:

Nes: Sie können alle Pläne nehmen und Sie werden sehen, daß es viele Zugänge gibt! Ganz zu schweigen von den Militärs und den Kommunalgarden, die patrouilliert haben, und mein Nachbar, der es geschafft hat, mit dem Auto zu fliehen, nichts ist explodiert, also warum wollen sie uns einreden, daß das Terrain vermint war?

Ich weiß, zu was die algerische Armee fähig ist. Man will uns glauben machen, daß es keine Berufsarmee ist. Man will uns glauben machen, daß sie schlecht trainiert ist. Ich habe meinen Militärdienst gemacht, ich weiß, zu was die Armee fähig ist. 1994 hat eine Durchkämmungsoperation hier stattgefunden, und die Fallschirmjäger sind aus ihren Hubschraubern auf die Häuser von Bentalha abgestiegen. Ihre Basis in Boufarik ist 10 Minuten entfernt! Warum sind die Fallschirmjäger diesmal nicht gekommen, um uns zu retten?

Selbst Hubschrauberpiloten stellen sich diese Frage. Die Agentur CAPA hat einen von ihnen, der mit seiner Maschine im Frühjahr 1998 nach Spanien floh, danach gefragt. Dieser antwortet:

Hubschrauberpilot: Der Ort, wo die Massaker geschahen, ist nicht weiter als 10 Minuten von meiner Basis entfernt. Wenn sie uns gerufen hätten, wären wir in zehn Minuten dort gewesen, für mich ist es eine Komplizität.

Kommentar: Die Angreifer haben also genug Zeit, um Frauen zu verschleppen und auch Häuser zu plündern. Sie können um so ungestörter handeln, als die meisten Milizionäre seltsamerweise an diesem Abend von einem Militär der Region zum Essen eingeladen worden sind.

Auf der Terrasse, auf der Nesrullah sich befindet, wird ein Nachbar nach dem anderen von Schüssen getroffen. Er springt vom zweiten Stock herunter und bricht sich ein Bein. Er versucht, bis zum Haus von Ahmed Aitar zu kommen und findet dort Zuflucht. Er steigt mit den anderen auf die Terrasse. Dort werden sie plötzlich mit Scheinwerfern bestrahlt, und zwar von dem Ort aus, wo die Panzer stationiert sind.

Nes sagt: Alle haben gerufen: "Die Militärs kommen!" 5 Minuten lang wollten die Terroristen nicht mehr angreifen. Die Emire (Führer) haben sie beschimpft: "Macht weiter, die Armee wird nicht kommen"... Sie wußten, daß die Armee nicht eingreifen würde. Das hatten wir verstanden und das machte uns noch mehr Angst. Wir waren umzingelt, das Militär war da, aber würde nicht eingreifen. Noch schlimmer, sie [die Armee] hat sogar die Patrioten (Milizionäre) daran gehindert einzugreifen. Sie sind geschlagen worden. Sehr viele Polizisten waren von El-Harrach und Baraki gekommen. Man hat sie daran gehindert, uns zu helfen.

Mohamed Larbi Zitout schaut sich die Bilder an und kommentiert:

Zitout: Nur die Spezialeinheiten können die anderen Sicherheitskräfte so behandeln. Warum sie nicht eingegriffen haben? Weil ihre Rolle darin besteht, die Angreifer zu schützen, ob es ihre Kollegen sind oder "umgedrehte Islamisten", die man GIA nennt. Schauen sie sich die Zonen an, in denen Massaker stattgefunden haben, es sind oft Bastionen des Islamismus. In diesen islamistischen Bastionen will man terrorisieren, die Bevölkerung terrorisieren, um sie umzudrehen, um sie zu zwingen, ihre Überzeugungen aufzugeben...

Kommentar: Ein anderer Überlebender berichtet, selbst gehört zu haben, wie ein Angreifer sagte: Talha, massakrier weiter, arbeite langsam, die Armee deckt uns, wir haben das geregelt...

Am 23. September um 5 Uhr morgens verlassen die Angreifer in aller Ruhe Bentalha über den Süden, ohne verfolgt zu werden. Doch fast zur gleichen Zeit tauchen Sicherheitskräfte massiv auf, um den Ort vor Journalisten abzuschirmen. Die Leichen sollen so schnell wie möglich und ohne Kameras begraben werden.

Ein Zeuge berichtet: Am darauffolgenden Tag ist unser Gesundheitsminister Guidoum gekommen. Ein Überlebender, dessen gesamte Familie getötet wurde, sagte ihm, daß die Sicherheitskräfte nicht eingegriffen hätten... Er (Guidoum) hat ihm geantwortet: "Aber ihr seid doch diejenigen, die den Terroristen zu essen und zu trinken gegeben haben."

Eine Frau sagt: Er (Guidoum) hat uns gesagt: "Ihr seid die Wurzeln des Terrorismus, ihr ernährt ihn, also müßt ihr damit fertig werden..."

Offiziell wird die Zahl von 85 Toten angegeben. Ein Journalist, der am Friedhof war und das Massenbegräbnis beobachtet hat, berichtet, er hätte 147 Gräber gezählt. Die Internationale Presse wird eingeladen, aber strengstens in ihren Bewegungen kontrolliert, und schließlich kommt im Februar 1998 eine parlamentarische Delegation nach Algier. Die algerische Regierung vermeidet das Thema der Massaker, und die Delegation hält sich daran. Eine Parlamentarierin, Anne-André Léonard, erzählt, daß vor der Reise ein Teil der Delegation nach Bentalha wollte. "Algier sagt nein, es ist klar und deutlich. Es kommt nicht in Frage, daß wir unsere Nase in algerische Angelegenheiten stecken..." Es war unschwer zu verstehen, daß, wenn die Delegation darauf bestanden hätte, Bentalha zu besuchen, sie nicht nach Algier eingeladen worden wäre.

Eineinhalb Jahre nach dem Massaker will kein Regierungsvertreter dazu Stellung beziehen. Keine unabhängige Untersuchung ist gemacht worden. Nesrullah ist nach Frankreich geflohen, wo er mit seiner Schwester dafür kämpft, daß das Schicksal der 3500 "Verschwundenen", die von Sicherheitsdiensten entführt wurden, geklärt wird.

 

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