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"Lebend habt Ihr sie uns genommen, gebt sie uns lebend zurück"

algeria-watch, Januar 1999

Die Angehörigen der "Verschwundenen" treten in die Öffentlichkeit -
die algerische Regierung will die "Verschwundenen" für tot erklären

Angesichts der Mobilisierung der Angehörigen der "Verschwundenen" und des zunehmenden Ansehens, das sie auf der nationalen wie internationalen Öffentlichkeit erlangen, ist die Regierung genötigt, zu reagieren. Hat sie vorerst vergebens versucht, die Familien zu beschwichtigen, soll nun das Problem per Dekret erledigt werden: die notwendigen administrativen und gerichtlichen Schritte sollen eingeleitet werden, um den rechtlichen Status der "Verschwunden" und ihrer anspruchsberechtigten Angehörigen festzulegen, kündigte der jetzige Regierungschef Smail Hamdani am 4. Januar an. Den betroffenen Familien soll eine Entschädigung gezahlt werden. Algerische Rechtsanwälte sehen in der Bekanntmachung der Regierung die Absicht, die "Verschwundenen" für tot zu erklären. Die Angehörigen der "Verschwundenen" protestieren gegen den Versuch der Regierung, sie "zu kaufen".

Dieser Beschluß der Regierung erinnert daran, daß in Ländern wie Argentinien die Militärjunta eine ähnliche Maßnahme traf: im April 1983 erklärte der damalige argentinische Präsident die "verhafteten Verschwundenen" für tot... Damals wie heute waren es die Mütter und Ehefrauen, die sich nicht abfinden ließen und weiter dafür kämpften, die "Verschwundenen" lebend zu sehen oder die Wahrheit über die Umstände ihrer Hinrichtung zu kennen (in Argentinien sind es die Madres de Plaza de Mayo, die bis heute ihren Kampf für Wahrheit führen). Damals wie heute sind es vor allem die Mütter und Ehefrauen, die aus dieser Frage eine gesellschaftliche Angelegenheit machen. Die Algerierinnen lehnen es ab, ihr Leid auf eine Frage der Entschädigung reduziert zu sehen und damit mundtot gemacht zu werden, und kündigen weitere Proteste an.

Im September 1997 brechen Mütter von "Verschwundenen" das Schweigen und manifestieren ihre Anwesenheit während eines vom ONDH organisierten Kolloquiums über "die gegenwärtigen Formen der Gewalt und die Kultur des Friedens". Sie werden von der Polizei unsanft behandelt und verjagt und dürfen sich Beschimpfungen wie die folgende anhören: "Es gibt keine Verschwundenen. Es gibt nur Terroristen. Ihre Familien sind selbst Terroristen". (1) Die Mütter lassen sich aber nicht abschrecken und demonstrieren weiter. Im Oktober 97 kurz vor den Kommunalwahlen, als die internationale Presse eingereist ist, um über dieses Ereignis zu berichten, gehen sie auf die Straße und fragen nach dem Verbleib ihrer Angehörigen. Sie werden geschlagen und manche von ihnen festgenommen.

Nichts hält sie mehr ab, ihren Protest gegen die Haltung der Regierung und ihre Forderung nach "Wahrheit" zu äußern. Sie haben sich informell organisiert und nehmen jede Möglichkeit wahr, ihr Anliegen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der eigentliche Durchbruch erfolgt jedoch erst im Sommer 1998, als im Zuge der Zusammenkunft des UN-Menschenrechtskomitees in Genf vom 18. bis 20. Juli die Menschenrechtsverletzungen von seiten des Staates scharf kritisiert werden (2) und der Frage der "Verschwundenen" besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Der Bericht des UN-Komitees ist diesbezüglich eindeutig und fordert von der algerischen Regierung konkrete Maßnahmen zur Registrierung der Fälle von "Verschwundenen" und Beweise für die von der Regierung unternommenen Schritte, um ihren Verbleib ausfindig zu machen, eine Untersuchung der Umstände ihres "Verschwindens und die Hilfestellung der Familien der Opfer in ihrer Suche.

Eine Delegation von Angehörigen der "Verschwundenen" unternimmt in der gleichen Zeit eine Reise in verschiedene europäische Länder, um die Weltöffentlichkeit für dieses Drama zu sensibilisieren. Das Komitee der Familien der "Verschwundenen" überreicht der UN-Arbeitsgruppe für zwangsweises oder unfreiwilliges Verschwinden knapp 500 dokumentierte Fälle von "Verschwundenen". Zum ersten Mal wird von Mitgliedern eines internationalen Gremiums, dem UN-Menschenrechtskomitee, von , Staatsterrorismus gesprochen.

Anläßlich des Besuches einer von der UNO zusammengesetzten Delegation (3) Ende Juli/Anfang August entsenden die Angehörigen der "Verschwundenen" eine Abordnung, um diese zu bitten, ihr Anliegen der algerischen Regierung gegenüber vorzutragen und sich für die Freilassung der in geheimer Haft befindlichen Personen einzusetzen. Die Delegation überreicht dem ONDH (Observatoire National des Droits de l'Homme) 240 Fälle von "Verschwundenen" und fordert Aufklärung über ihren Verbleib. Gleichzeitig treffen sich die Angehörigen - vor allem Mütter und Ehefrauen - der "Verschwundenen" vor dem Sitz des ONDH. Sie fordern: "Wir wollen, daß sie uns die Wahrheit über unsere Ehemänner, Kinder und Brüder sagen. Seit etwa fünf Jahren wird uns erwidert, daß Untersuchungen im Gang sind. Selbst wenn unsere Kinder angeklagt sind, dann sollen sie sie vor Gericht stellen und uns sagen, wo sie sind." (4)

Seitdem versammeln sich die Angehörigen jede Woche, auch wenn sie an der einen oder anderen Demonstration gehindert werden, und unternehmen alle erdenklichen Schritte, um die Behörden zum Handeln zu zwingen. Parteien wie die PT (Parti des Travailleurs, Arbeiterpartei) und die FFS (Front des Forces Socialistes, Front der Sozialistischen Kräfte) unterstützen sie in der Gründung einer Assoziation und sammeln dokumentierte Fälle von Entführungen, um sie der Regierung vorzulegen.

Die Angelegenheit wird immer brisanter und schließlich empfängt das Innenministerium und ein Vertreter des Präsidenten eine Delegation der Angehörigen. Versprechungen werden gemacht: Eine Kommission soll sich der Sache annehmen, Büros in verschiedenen Distrikten sollen eröffnet werden, die die Fälle von "Verschwundenen" registrieren und bei der Suche helfen, und schließlich beteuert das Innenministerium, Klarheit über ihr Schicksal verschaffen zu wollen.

Unterddessen wird Ende August die Association des familles de Disparus (ANFD) ins Leben gerufen, die allerdings bis heute nicht offiziell anerkannt ist. Das Innenministerium, das innerhalb von einem Monat 3 000 dokumentierte Fälle erhält, unternimmt nichts. Anwälte der Familien erklären:

Die Angelegenheit ist dabei, verwässert zu werden. Man führt die Familien an der Nase herum. (...) Es ist der Wille, sie in den Büros und Gängen zu zerstreuen statt auf effiziente Weise auf die Nachfrage zu reagieren. Im übrigen wundere ich mich darüber, daß diese Angelegenheit dem Innenministerium weitergegeben wurde. Das Innenministerium und ein beträchtlicher Teil seiner Sicherheitsbeamten sind des Verbrechens gegen die Menschlichkeit verdächtig. (...) Ich würde dies als Betrug zum Schaden der Familien bezeichnen und sogar als eine Beleidigung der Opfer. Und daß man uns nicht erwidert, diese Personen hätten sich dem Untergrund angeschlossen, weil dies auch eine Art ist, sich des Problems zu entledigen. Unter den Opfern befinden sich namhafte Ärzte, Ingenieure, Frauen und alte Menschen. Ein 73-jähriger Taxifahrer kann nicht mit seinem Taxi im Untergrund sein. Er ist vor den Augen seiner Ehefrau entführt worden.

Dieses Konzept des "Verschwundenen" zu akzeptieren, bedeutet den Verantwortlichen dieses Verbrechens das Handwerk zu erleichtern. Sie haben diesen Menschen entführt, also ist er - solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, und es liegt nicht an mir es zu tun, im Gegensatz zu dem, was der Innenminister vor dem Parlament gesagt hat - bei ihnen widerrechtlich eingesperrt. Diese Leute [die Sicherheitskräfte] sind mit ihren Fahrzeugen, bewaffnet und mit Haftbefehl, wie im Fall der Entführung von Chaouch Abdelkrim, orthopädischer Arzt im Krankenhaus von Kouba, (...) erschienen und jeder weiß, daß es die Sicherheitskräfte waren. Im Fall der Familie Hattatba ist der Vater festgenommen und gefoltert worden, weil er, um seinen Sohn wieder zu bekommen, die Angelegenheit an die Öffentlichkeit brachte und eigene Ermittlungen anstrengte. (...) Die Regierung versucht, mit der Gründung der Büros die Frage zu entpolitisieren. (5)

Die Angehörigen der "Verschwundenen" demonstrieren weiter, appellieren an den Präsidenten und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte und beobachten mit einer gewissen Skepsis die Untätigkeit der Regierung. Eine Delegation reist Anfang Dezember nach Paris, um am Gedenken zum 50. Jahrestag der Menschenrechtserklärung teilzunehmen. Mittlerweile haben auch in anderen Städte des Landes Demonstrationen stattgefunden, die meistens von Sicherheitskräften verfolgt werden. Ein langwieriger Kampf steht ihnen bevor, denn sie müssen sich gegen die Angriffe der Regierung, der Medien und der Sicherheitsorgane zur Wehr setzen.

Reaktion der offiziellen algerischen Stellen und Medien
auf das Bekanntwerden des "Verschwindenlassen"

Die Frage der "Verschwundenen" aus der Sicht des ONDH

Das Thema "Verschwindenlassen" ist jahrelang ein Tabu gewesen. Es wurde überhaupt nicht darüber gesprochen. Es gibt die Opfer des "islamistischen Terrorismus", aber die Opfer der staatlichen Repression existieren nicht oder sind "selbst schuld" an der Verfolgung, die sie erleiden. Bis heute ignorieren sehr viele selbsternannte "Demokraten" die massiven vom Staat verübten Menschenrechtsverletzungen und betrachten diese als unangenehme Nebenerscheinung der "Terrorismusbekämpfung". Ein viel wichtigeres Anliegen ist ihnen, daß die "Barbaren", "Untermenschen" und "fanatischen Horden" eliminiert werden - ungeachtet der angewandten Methoden.

Die Familienangehörigen der "Verschwundenen" wurden marginalisiert und des "Terrorismus" oder der Unterstützung des "Terrorismus" beschuldigt. Wenn Männer, verheiratet mit fünf Kindern oder im Alter von 70 Jahren "verschwunden" sind, dann - der Presse, den staatlichen Institutionen oder dem Nationalen Observatorium für Menschenrechte (ONDH, Observatoire National des Droits de l'Homme) zufolge - weil sie sich entweder den "Terroristen" im Untergrund angeschlossen haben oder ins Ausland geflohen sind. Dennoch ist anzumerken, daß selbst das ONDH trotz seiner Ausflüchte nicht umhin kann, in den letzten Jahren von "Verschwundenen" zu sprechen und Zahlen anzugeben. Diese Institution erhält Meldungen der Angehörigen von "Entführungen" durch Sicherheitskräfte mit anschließendem "Verschwinden" der festgenommenen Person in Form von persönlichen Besuchen der Familien oder schriftlichen Gesuchen. Das ONDH gibt in seinen Berichten an, die zuständigen Sicherheitskräfte anzuschreiben, um in Erfahrung zu bringen, ob sie im Rahmen der Terrorismusbekämpfung die "Verschwundenen" zum "Verhör festgenommen" haben. 1997 sind dem ONDH 706 Fälle von "Verschwundenen" gemeldet worden. In etwa 75% der Fälle stützt sich diese Institution auf die Informationen, die sie von den Sicherheitskräften erhält, die für die Entführung verantwortlich sind. (6) Wie sollen bei solchen Untersuchungsmethoden zuverlässige Erkenntnisse gewonnen werden? So kommt auch das ONDH zu folgenden Schlüssen bezüglich der "verschwundenen" Personen:

Außerdem müssen unter dem Begriff der verschwundenen Person folgende Möglichkeiten in Betracht gezogen werden:

  1. Das Verschwinden ist die Folge einer Entführung durch terroristische Gruppen, die, weil sie nicht als solche erkennbar sind, fälschlicherweise mit Sicherheitskräften identifiziert werden;
  2. Die von ihrer Familie gesuchte Person ist im Untergrund und hat sich freiwillig den Reihen der Terroristen angeschlossen. In diesem Fall besteht die Vorgehensweise der Familie darin, das Untertauchen gegenüber den möglichen Untersuchungen der Sicherheitskräfte zu rechtfertigen;
  3. Die von ihrer Familie gesuchte Person ist tatsächlich von Sicherheitskräften festgenommen worden, die sie an Orten, die nicht dafür vorgesehen sind und für Fristen, die nicht vom Gesetz vorgesehen sind, in Haft halten;
  4. Die gesuchte Person ist auf illegalem Weg ins Ausland emigriert und hält sich dort unerlaubt auf, ohne die Familie von ihrer prekären Situation zu informieren. (7)

Die Frage der "Verschwundenen" aus der Sicht der Regierung

Die Regierung will - wie bereits erwähnt - mit einem Dekret über finanzielle Hilfen für Angehörige der "Verschwundenen" in Not das Problem auf bürokratischem Wege beseitigen. Die Personen, die von Sicherheitskräften entführt wurden, sollen für tot erklärt werden.

Gesteht die Regierung mit einem solchen Dekret nicht die Ermordung der Entführten durch die Sicherheitskräfte ein? Folgender Ausschnitt eines Interviews mit dem algerischen Innenminister Abdelmalek Sellal macht deutlich, welche Absichten sich hinter der Einrichtung der Büros zur Registrierung der "Verschwundenen" und des soeben erlassenen Dekrets verbergen. Die Frage der Journalistin wie auch die Antwort des Ministers zeigen, daß der Begriff der "Verschwundenen" Unbehagen auslöst. Die Angehörigen der durch Sicherheitskräfte entführten Personen haben sich des Begriffes bemächtigt, auch wenn sie immer wieder von "Entführten" sprechen, um deutlich zu machen, daß die Ursache des "Verschwindens" bekannt ist. Nun werden von der Regierung verschiedene Gruppen unterschieden, um die Möglichkeit, gemeinsame Forderungen zu stellen, zu vereiteln.

Frage: Das Problem der Familien der Verschwundenen ist schließlich ihrem Amt übertragen worden. Aber parallel dazu gibt es das Dossier der Verschwundenen, die von Terroristen entführt wurden, für das es keine Lösung zu geben scheint. Worum handelt es sich wirklich?

Antwort des Innenministers: Das erste Dossier, d.h. das der Verschwundenen, ist instrumentalisiert worden, aber uns ist es schließlich gelungen, es auf den richtigen Weg zu bringen. Die Angelegenheit ist von den Büros, die im ganzen Gebiet eingerichtet wurden, übernommen worden. Etwa 3 000 Fälle sogenannter Verschwundener sind bei diesen Büros eingereicht worden. Wir haben die richtige Verfahrensweise eingeleitet, und Untersuchungen werden von den Sicherheitskräften durchgeführt, um die genaue Situation der Verschwundenen zu ermitteln.

Wir haben jetzt über 300 Untersuchungen eingeleitet. 120 Antworten sind uns zugekommen und etwa weitere fünfzig werden bis Ende der Woche abgeschlossen sein. Diese Fälle erfordern viel Zeit. Sie müssen einer juristischen Überprüfung unterzogen werden. D.h. die Feststellung des Verschwundenenseins wird von einem Justizbeamten ausgestellt, damit die Rechtsansprüche gelten gemacht werden können, z.B. in erbrechtlichen und personenstandsrechtlichen Fragen.

Offensichtlich haben die meisten Personen, denen wir geantwortet haben, zur Waffe gegriffen. Wir haben nie verheimlicht, daß es Übergriffe gegeben hat. Aber bis zum Beweis des Gegenteils kann ich Ihnen, solange wir in dieser Angelegenheit nicht vorangekommen sind, nicht antworten; die meisten sogenannten verschwundenen Personen sind bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften umgekommen. Wir gehen davon aus, daß zahlreiche unter ihnen noch im Untergrund sind. So stellt sich die Situation der sogenannten Verschwundenen dar. (8)

Diese Aussagen zeigen:

  • Diese Büros wurden eingerichtet, weniger um die Familien in ihre Suche nach den "Verschwundenen" zu unterstützen, sondern vielmehr um die Fälle von Entführungen zu erfassen und bürokratisch zu erledigen.
  • Sicherheitskräfte, die die Entführungen vorgenommen haben und für Folter und womöglich Hinrichtung der "Verschwundenen" verantwortlich sind, werden mit der Untersuchung des Falls betraut. Wie soll da eine glaubwürdige Untersuchung durchgeführt werden, die den Verbleib oder die wirkliche Todesursache feststellt?
  • Der Innenminister gibt zu, daß ein Großteil der "Verschwundenen" tot sind. Ist dies ein offizielles Geständnis für den Tod der "Verschwundenen"? Sie sollen angeblich in bewaffneten Auseinandersetzungen gefallen sein. Wie kann es sein, daß die Familien nicht informiert wurden und die Leichen ihnen nicht ausgehändigt wurden? Oder ist die Todesursache doch geheim?
  • Wenn der Innenminister behauptet, daß viele noch im Untergrund sind, meint er damit, daß die nachts aus den Betten herausgerissenen jungen Männer im "Untergrund" der Folterkeller sich befinden und dort jederzeit das Leben verlieren können? Jenfalls ist es ein Freischein zum Töten für die Sicherheitskräfte.

Die Frage der "Verschwundenen" aus der Sicht einer Politikerin

Die Mutter eines "Verschwundenen", die sich hilfesuchend an alle erdenklichen staatlichen Stellen und Persönlichkeiten wandte, erhielt im Juni 1998 eine haßerfüllte Antwort der Senatorin Leila Aslaoui, die ihren Mann durch einen Anschlag mutmaßlicher Islamisten verlor, in der zu lesen ist:

Es gibt Opfer des Terrorismus, die ich immer verteidigen werde. Es sind diejenigen, die von Integristen - Islamisten - Terroristen ermordet wurden, unter ihnen mein Mann. Während ich diejenigen, die Sie "Opfer" nennen, als Terroristen bezeichne. (...) Ihr Sohn wird sicherlich mit den Terroristen zusammengearbeitet haben, da er Ihren Anschuldigungen zufolge - und es sind nicht meine - von Sicherheitskräften festgenommen wurde. Wenn dies Ihre Behauptungen sind, glauben Sie, daß es richtig ist, unsere Polizisten, Militärs und Gendarmen, die die Festnahmen von Bürgern immer mit Beweisen vornehmen, zu verteufeln? Übrigens, wer kann bestätigen, daß Ihr Sohn nicht seinesgleichen im "Maquis" (Untergrund) aufgesucht hat? (9)

Diese Haltung ist in manchen Kreisen der selbsternannten Demokraten sehr verbreitet und macht sie zu strategischen Verbündeten des Militärs. Der Kampf wird gegen den "Terrorismus" geführt und alle Mittel sind ihnen recht. Die Prinzipien, für die diese Gruppen zu stehen vorgeben - Menschenrechte, Meinungsfreiheit, usw. -, gelten nicht für alle. Ihr Motto ist: "Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit". Die Bezeichnung "Feind" wird dabei willkürlich all denjenigen angeheftet, die sich nicht dem "totalen Krieg" verschrieben haben.

Reaktionen der algerischen Presse

Algerische Zeitungen, darunter auch die sogenannte "unabhängige" Presse, kolportieren ähnliche Aussagen und sehen in der Tatsache, daß das Problem endlich in der Öffentlichkeit debattiert wird, eine ausländische Einmischung (damit ist Amnesty International gemeint) oder die politische Instrumentalisierung des "Verschwindenlassens" durch manche Parteien (Diese Beschuldigungen richten sich gegen den PT (Parti des Travailleurs) und die FFS (Front des Forces Socialistes)). So kommentierte z.B. El Watan:

Endlich! Das Präsidialamt hat gestern eine Delegation von Familien der Verschwundenen empfangen. Es ist nie zu spät. Das Problem hat zu lange die Atmosphäre vergiftet. Bis dahin war die Frage Strömungen überlassen worden, die sie zu politischen Zwecken instrumentalisiert haben, aber nie in der Verteidigung der demokratischen und republikanischen Werte und für ein modernes Algerien geglänzt haben. Internationale Organisationen, die bis heute die Kinderabschlachter als "bewaffnete Gruppen" bezeichnen und es ablehnen, sie als Terroristen zu bezeichnen, haben sich des Themas angenommen, um Algerien den Prozeß zu machen und eine ausländische Einmischung in die Angelegenheiten unseres Landes zu fordern. (...) In dieser unklaren Situation gibt es Übergriffe und Überschreitungen. Der Mut besteht darin, diese zu erkennen und sie schnell zu bestrafen. Die Lage verkommen zu lassen und Wirren aufrechtzuerhalten, dient nur denjenigen, die das Land destabilisieren wollen, insbesondere den Islamisten, die die Kunst beherrschen, sich als Opfer darzustellen, obwohl sie Verzweiflung und Tod säen. Die UNO-Delegation mußte nach Algerien kommen, damit die staatlichen Stellen sich zu eröffnen beginnen und gewisse Anstrengungen unternehmen, in der Hoffnung die Akte schließen zu können. Es ist um so dringender, diese Frage endgültig zu erledigen, um den Manipulationen und Instrumentalisierungen der letzten Zeit ein Ende zu setzen. Das ist der Rechtsstaat, in dem die Transparenz herrscht. (10)

In diesem im August 1998 geschriebenen Kommentar wird die Regierung angehalten, sich der Frage der "Verschwundenen" anzunehmen und nicht aus der Hand nehmen zu lassen, um sie "endgültig zu erledigen". Einige Monate später können wir beobachten, daß die algerische Regierung versucht, genau das zu unternehmen, was dieser Journalist gefordert hat: Sie will das Problem aus der Welt schaffen, indem die Opfer für tot erklärt werden. Wenn nicht die Frage der Entschädigungen der bedürftigen Familien aufgeworfen wäre, wäre ein solcher Journalist wohl vollkommen zufriedengestellt.

Selbst wenn die Presse über die Aktionen und Forderungen der Angehörigen berichtet, wird dies meist unter Vorbehalten gemacht: die ANFD würde von politischen Parteien manipuliert werden, sie würde "die Konfusion zwischen den Opfern der integristischen Barbarei und den Familien von Terroristen, Opfern und Komplizen der Taten ihrer Angehörigen" schaffen, (11) ihre Affinitäten zu den "Terroristen" mit dieser Opferrolle zu vertuschen versuchen, ihre "terroristischen" Angehörigen decken wollen, falsche Angaben zu den "Verschwundenen" machen, usw.

Als vor einem Monat ein Massengrab mit über 100 Leichen in einem Brunnen entdeckt wurde, haben die staatlichen Stellen und die Presse behauptet, diese Menschen seien von bewaffneten Gruppen ermordet und verscharrt worden. Die Angehörigen der "Verschwundenen" und ihre Anwälte befürchten, daß es sich um ein Massengrab handelt, in dem ihre entführten Familienmitglieder versteckt worden sind. Unseres Wissens ist keine Untersuchung zur Identifizierung der Leichenreste angestrengt worden. Dieses Beispiel zeigt, daß es notwendig ist, um endlich Wahrheit über das Schicksal der Opfer zu erreichen, daß unabhängige Kommissionen die von allen Seiten verübten Menschenrechtsverletzungen untersuchen.

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1 Le Monde, 24. September 1997.

2 Siehe dazu algeria-watch, Infomappe 6, Oktober 1998, S. 13.

3 Siehe dazu: algeria-watch, Infomappe 6, Oktober 1998, S. 21.

4 El Watan, 13 August 1998.

5 Interview mit dem Rechtsanwalt Mahmoud Khelili in: Le jeune Indépendant, 3. September 1998.

6 ONDH (Observatoire National des Droits de l'Homme), Jahresbericht 1997.

7 ONDH (Observatoire National des Droits de l'Homme), Jahresbericht 1996.

8 El Watan, 16. Januar 1999.

9 Eine Kopie des Briefes der Senatorin liegt algeria-watch vor.

10 Tayeb Belghiche in: El Watan, 18. August 1998.

11 Liberté, 7. Januar 1998.

 

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