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Entführt, gefoltert, zwei Jahre "verschwunden" und ins Gefängnis "freigelassen"

A.M.

Übersetzung aus dem Arabischen: algeria-watch.

(Folgendes Zeugnis wurde von dem zeitweilig "Verschwundenen" A.M. verfaßt und über die LADDH an algeria-watch weitergeleitet.)

Am 22. April 1994 um 9 Uhr morgens, nachdem ich Brot kaufen ging und mich auf dem Rückweg befand, wurde ich von Mitgliedern der Gendarmerie von Shaoula festgenommen. Sie waren mit zwei Autos der Marke Toyota und einem LKW angerückt. Sie verschleppten mich zur Gendarmerie und begannen mich zu foltern, noch bevor sie mir überhaupt eine Frage stellten. 20 Tage lang wurde ich gefoltert. Sie wendeten Strom, die Chiffon- und die Leiter-Methode an. Ich wurde so grausam gefoltert, daß ich jeglichen Lebenswillen verlor. Der Grund für diese Qualen war mein Bruder, den ich, seitdem er die Wohnung verlassen hatte, nicht mehr gesehen hatte.

Dann änderte sich die Folter. Sie holten mich alle zwanzig Tage aus der Zelle zum Foltertisch, ungeachtet des Zustandes in dem ich mich befand. Ich bekam nur alle zwei oder drei Tage ein halbes Brot und manchmal gar nichts. Von Sauberkeit in der Zelle kann nicht die Rede sein: Sie gaben mir nur eine Flasche Wasser am Tag zum Trinken und Waschen. Ich hatte Krätze und Filzläuse. Ich schlief auf dem Boden, ohne Decke.

Im Dezember 1994 brachten die Gendarmen zwei Männer aus meinem Viertel, die ich kannte (Namen bekannt), und wenige Tage später zwei andere (Namen bekannt), die die gleiche Folter durchlebten. Der Leiter der Gendarmerie, der sich Taiba nennen ließ, behandelte uns mit äußerster Brutalität, als seien wir Sklaven. Wir mußten Bauarbeiten verrichten und Wände streichen und das in unserem geschwächten Zustand..

Als ich mich in den Kerkern der Gendarmerie befand, hörte ich Gendarmen über Personen sprechen, die vor uns festgenommen worden waren und jetzt zu den "Verschwundenen" zählen: Belkacem, Abdelwahab, Ali.

Plötzlich änderte sich unsere Behandlung. Die Folter hörte auf und wir bekamen Nahrung, wenn auch nicht regelmäßig. Sie erlaubten unseren Familien, uns zu besuchen. Allerdings hielt dieser Zustand nur bis zum 28. Januar 1995 an, als sie uns auf Befehl eines Offiziers Namens Achour zur Gendarmerie von Baba Hassen brachten. Wir wurden zu dritt dorthin transportiert. Sofort brachte man uns in ein Büro und die Personalien wurden abgefragt. Anschließend wurden wir in einer unterirdischen Zelle eingesperrt und blieben vier Tage lang ohne Nahrung und Wasser und wurden grausam geschlagen. In einer Nebenzelle erkannten wir einen Bekannten (Name bekannt). Schließlich gaben sie uns trockenes Brot und abgestandenes Wasser. Wir wurden aus der Zelle herausgeholt, um Reinigungsarbeiten innerhalb und außerhalb des Zentrums zu verrichten. Wir wurden immer geschlagen und litten sehr stark an Hunger und Durst. Die Kälte war so unerträglich, da wir auf dem Boden schliefen und unsere Kleidung völlig zerrissen war, daß wir erkrankten. Wir hatten auch seit unserer Ankunft in Baba Hassen keinen Besuch unserer Familien mehr erhalten. Der Gruppenchef nannte sich Kadour, dann wurde er von Zoubiri vertreten. Andere hießen: Khamkham Allal, Kacem Tayeb. Ich erinnere mich noch an die Namen der Kinder von Zoubiri: Houda, Halal, Sarah, Nadia, Hassan.

Im Jahr 1996 haben Angehörige der Gendarmerie von Cheraga eine regelmäßige Straßensperre auf der Hauptstraße nach Baba Hassen aufgebaut. Sie hatten jeden Donnerstag Schichtwechsel und kamen zu uns ins Zentrum zum Schlafen und Essen. Sie gaben uns heimlich Nahrung. Ich kann nicht beschreiben, in welchem Zustand wir lebten. Unsere Zelle war gleichzeitig Schlafraum und Toilette und alle möglichen Krankheiten verbreiteten sich.

Im Dezember 1996 suchte uns der Offizier Namens Achour auf und kündigte unsere bevorstehende Freilassung an. Er informierte mich auch von der Ermordung meines Bruders im Jahr 1995 durch Sicherheitskräfte. Ab diesem Zeitpunkt warteten wir auf unsere Freilassung, die allerdings erst im Februar 1997 erfolgen sollte.

Ende Februar 1997 kam der Offizier Achour ein zweites Mal. Er versprach, uns freizulassen mit der Auflage, uns jeden Morgen bei der Gendarmerie von Shaoula zu melden. Er empfahl uns zudem, uns an ihn zu wenden, falls wir Schwierigkeiten mit den Gendarmen oder den Kommunalgarden haben sollten. Schließlich kamen wir frei.

Kaum war ich einige Tage frei, kamen mehrere Kommunalgarden zu mir nach Hause und schlugen mich bestialisch. Ich wollte nicht gleich zum Offizier Achour und begab mich zur Gendarmerie, um Anzeige zu erstatten. Sie empfingen mich mit Schlägen und Beschimpfungen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als zum Offizier zu gehen und ihn zu informieren. Er ließ die Kommunalgarden rufen, beschimpfte sie und schlug einige von ihnen. Nach diesem Vorfall schien sich die Lage zu normalisieren.

Ich verkaufte Gemüse auf dem Markt von Shaoula bis zum 1. Oktober 1997. Ich hatte soeben die Zeitung für meinen Vater gekauft und begab mich nach Hause, als zwei bewaffnete Männer auf mich stürmten, die Waffe an meine Schläfe hielten und mich auf den Boden warfen. Dann verschleppten sie mich in einen Renault Trafic. Sie schlugen so auf mich ein, daß ich das Bewußtsein verlor. Sie brachten mich zum Sitz der Kriminalpolizei von Birkhadem. Ich bin mir sicher, daß gewisse Leute Rache an mir üben wollen, und zwar weil mein Bruder "Terrorist" gewesen sei. Ich wurde einen Monat lang gefoltert. Am 22. Dezember brachte man mich in das Gefängnis von El-Harrach.

 

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