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Algerien: Warum dieses Schweigen?

François Gèze, Esprit, August-September 1997

1978 hatten wir zu einigen Tausenden das COBA, das Komitee für den Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien initiiert: wir akzeptierten nicht, daß dieses große sportliche Ereignis in einem Land stattfinden sollte, das seit 1976 einer grausamen Diktatur unterlag, wo die meisten Spiele weniger als einen Kilometer von einem der Hauptzentren der Folter entfernt statt finden sollten. Gewiß das "Mundial" wurde nicht boykottiert - im Namen der sogenannten "Neutralität" des Sportes - aber diese Kampagne fand ein riesiges Echo in Argentinien: Die Mauer des Schweigens, die die Übergriffe der Militärs umgab, wurde erschüttert, und lieferte so einen bescheidenden Beitrag zur Bewegung, die fünf Jahre später den Sturz der Junta veranlaßte, die für mindestens 30 000 Verschwundene und Menschenrechtsverletzungen seltenen Ausmaßes verantwortlich war.

Damals hatte unsere Mobilisierung in Frankreich, trotz Widerstände großes Aufsehen erregt. Argentinien war weit weg, aber die Monstrosität der von den herrschenden Generälen geplanten Taten, um die "Subversion" auszumerzen, empörte zahlreiche unserer Mitbürger, wie es auch fünf Jahre früher in Chileder Fall war. Seitdem hat der politische Kontext sich sehr verändert, aber dieses Potential der Revolte gegen die Unfähigkeit ist nicht verringert, wie die mächtigen Mobilisierungen gegen den Genozid in Ruanda und die "ethnische Säuberung" in Bosnien gezeigt haben.

Deswegen darf man sich über das drückende Schweigen, das in Frankreich angesichts der Situation in Algerien herrscht, Fragen stellen. "Weniger als zwei Flugstunden von Paris entfernt" (Ein Satz, der wie ein Slogan immer wiederholt wurde in Bezug auf Sarajevo) findet ein Drama statt, dessen Grauen - leider - dem von Argentinien oder dem ehemaligen Jugoslawien in nichts nachsteht. Der Bericht über die kürzliche Mission der Internationalen Föderation der Menschenrechte (FIDH) in Algier (Le Monde vom 13. Juni 1997) enthält schreckliche Angaben über die Praktiken der algerischen Sécurité Militaire, des wirklichen Machtzentrums, das sich hinter den aufeinanderfolgenden pseudo-demokratischen Scheinwahlen verbirgt: willkürliche Festnahmen, "Verschwindenlassen" von Tausenden von Menschen (fälschlicherweise - und das erinnert auch an Argentinien- den "terroristischen Gruppen" zugewiesen), grausamste Folterungen an Gefangenen (Gießen von Schwefelsäure auf die Wunden , Bearbeiten der Körper mit Bohrmaschinen, Brandwunden durch Zigaretten...)

Seit dem Ausbruch des "Ausmerzungs"-Krieges, der vom algerischen Regime 1992 eingeleitet wurde, ist es zweifellos das erste Mal, daß so genaue Zeugnisse der französischen Öffentlichkeit vorgebracht werden. Aber es ist nicht das erste Mal, daß sie öffentlich gemacht werden: um nur ein Beispiel zu nennen: 1995 hatte das "Livre Blanc sur la répression en Algérie" schon solche schrecklichen Zeugnisse, deren Anhäufung verblüffte, vorgelegt. Doch diese Ansammlung des Grauens war von Anwälten, die der Islamischen Rettungsfront nahestanden, erstellt worden, und somit waren sie in den Augen der westlichen "Experten" unglaubwürdig (der Innenminister, Jean-Louis Debré war sich dessen sehr bewußt und untersagte die Verteilung des Buches auf französischen Territorium).

Die "gut informierten" Kreise in Paris dagegen, - Diplomaten des Quai d’Orsay, Angestellte der DGSE und der DST, "Experten" der verschiedenen politischen Parteien, spezialisierte Journalisten und Chefredakteure der wichtigsten Informationsorgane - wissen seit mehreren Jahren genau was geschieht und verbergen es nicht in privaten Gesprächen: Sie wissen, daß der blutige Wahnsinn der islamischen Terroristen genährt wurde von der Unnachgiebigkeit einer korrupten Militärdiktatur, die lieber eine ganze zukunftslose Jugend in die Verzweiflung treibt, als den winzigsten Teil ihrer Privilegien, verbunden mit der Aneignung der Erdölrente, aufzugeben; sie wissen, daß ein Großteil der Zehntausende (80 000? 100 000?) gewaltsamer Todesfälle, die seit dem Abbruch der Parlamentswahlen im Januar 1992 gezählt werden, auf die Repressionskräfte zurückzuführen ist, die großangelegte Operationen - mit Unterstützung von Napalm und Luftwaffe - gegen das "islamistische Maquis" vermehrt durchgeführt haben; sie wissen, daß die zivile Gewalt jetzt in schmutzige Abrechnungen degeneriert ist - Abschlachten von Familien und ganzen Dörfern, das immer den "islamistischen Terroristen" zur Last gelegt wird - dank der Bewaffnung Tausender Milizen zur "Selbstverteidigung" seitens des Regimes; schließlich wissen sie, daß die Morde an Intellektuellen, Journalisten und Staatsrepräsentanten, die den "Bärtigen" zugeschrieben werden, in Wirklichkeit sehr oft das Ergebnis interner Abrechnungen der Nomenklatura oder sorgfältig kalkulierte Provokationen dieser sind.

Sie wissen, doch in der Öffentlichkeit schweigen die meisten. Warum dieses Schweigen? Aus mehreren Gründen, die sich gegenseitig bedingen. Der erste ist ideologischer Natur. Im Argentinien der Siebziger Jahre waren die Opfer der Repression und die Verantwortlichen des "Terrorismus" meistens junge Oppositionelle gegen die Oligarchie und den Imperialismus: Ein Kampf, der weitgehend von großen Teilen der französischen Öffentlichkeit für legitim angesehen wurde. Im Algerien der Neunziger Jahre, sind die Opfer der Repression und die Verantwortlichen des Terrorismus - dieses Mal müssen die Anführungsstriche fallen gelassen werden - meistens junge Revoltierende gegen die Ungerechtigkeit, die ein diskreditiertes und korruptes Regime verabscheuen und die im Islam den Weg einer wiedergefundenen Würde sehen, auch wenn die am wenigsten Gebildeten unter ihnen, in die abstoßendste Gewalt geraten.

Und hier wird es problematisch: Für viele französische Intellektuelle, kann ein politischer Kampf unter dem Banner des Islam nur repressiv und totalitär sein, wie die iranischen und afghanischen "Modelle" zeigen. Sie wollen nicht sehen, daß Islam nicht notwendigerweise Synonym für Terrorismus ist, und daß die, in der Tat, unbeschreibliche Gewalt der bewaffneten islamistischen Gruppen in keinster Weise der Ausdruck eines "politischen Projektes" ist: Als Ergebnis der Verzweiflung sind sie zur einzig möglichen - um nicht zu sagen vom Militärregime geförderten - Form der politischen Opposition geworden. Diese Blindheit erklärt die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Opfer der Repression, da es sich ja nur um Islamisten handelt (auch wenn ein Großteil dieser Opfer nichts mit irgendeinem islamistischen Aktivismus zu tun hat). Aber manche dieser Intellektuellen gehen sogar noch weiter. Sie unterstützen aktiv die Option der Ausmerzung durch das algerische Regimes, dessen einzige Logik ist: "Tötet sie alle!". Aus dieser Sicht sind die Menschenrechtsverletzungen, so grausam sie auch sein mögen, nur ein notwendiges Übel, das mit dem Tod des letzten Aktivisten enden wird. Daraus resultiert der zweite Grund für das französische Schweigen diesbezüglich, auch wenn wenige ihn offen zugeben: gegenüber dem Islamismus, wie damals und anderswo gegenüber dem Marxismus, gibt es nichts besseres als eine gute "laizistische" Diktatur, bevorzugt verborgen hinter einer scheinbaren Demokratie (die gefälschten Wahlen vom 5. Juni haben dieser Sorge vorzüglich Rechnung getragen). Diese zynische Haltung nehmen heute viele französische Diplomaten und politische Verantwortliche ein.

Eine Haltung, die durch einen dritten Grund gestärkt wird, ökonomischer Natur: Manche französische Geschäftskreise erzielen sehr gute Gewinne aus dem Verkauf - für mehrere Milliarden Francs jedes Jahr - von Konsumgütern, die Algerien, aufgrund des Zusammenbruchs seiner Wirtschaft, massiv importieren muß. Diese Exporteure bewegen sich in engen Netzen, aus Komplizenschaft und Korruption, die algerische Würdenträger - Gewinner der geheimen Provisionen, Hauptmotivationen für ihren Verbleib an der Macht - und manche französischen "Entscheider" verbindet, Netze deren Verzweigungen manchmal - zumindest bis zum letzten Machtwechsel [in Frankreich]- bis in die höchsten Gefilde des Staates reichen. Obwohl seit einigen Jahren in französischen Unternehmen ein Wind von Moral und "Geschäftsethik" weht, ist im Gegensatz dazu, das totale Fehlen von Enthüllung dieser mafiösen Praktiken, ein bezeichnendes Zeugnis der Macht dieser Netze, die offensichtlich - selbst im Namen der Menschenrechte - kein Interesse an einer "Destabilisierung" des Regimes in Algier hegen.

Zu diesen Gründen kommt einer, noch erstaunlicherer hinzu: die ungeheuerliche Fähigkeit des algerischen Regimes, die französischen Medien zu manipulieren und zu desinformieren, dank der Erfahrung und der Spezialisierung des militärischen Geheimdienstes, der daraus eine seiner wichtigsten Beschäftigung macht. Im Unterschied zu ihren angelsächsischen Kollegen, sind die Journalisten (und vor allem die Chefredakteure) in Paris noch sehr wenige, die diese Manöver zu dekodieren gelernt haben, und diese werden dann unter unglaublichen, meistens indirekten, manchmal direkten Druck gesetzt. Die Zeugnisse diesbezüglich fehlen nicht - ein Buch würde nicht genügen -, aber sie haben einen gemeinsamen Punkt: Die Autoren erlauben es nicht, daß sie namentlich genannt werden...

Während das algerische Drama Dimensionen angenommen hat, deren Grauen in nichts dem Argentiniens der siebziger oder Bosniens der neunziger Jahre nachsteht, erlauben diese wenigen Elemente - noch unvollständig - die erstaunlichen Unterschiede in den Reaktionen der französischen Öffentlichkeit gegenüber diesen drei Situationen zu verstehen. Wir hatten damals, 1978, die Diktatur der Generäle von Buenos Aires verurteilt und liefen gegen den Strom, doch wir wurden gehört. Dies ist weit weniger der Fall für diejenigen, die heute dafür kämpfen, daß das Blutvergießen in Algerien ein Ende nimmt.

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