Observatorium für Menschenrechte in Algerien  
   

Zeugnis über die Folter

"Ich erledige dich und du kommst auf die Liste der Verschwundenen!"

Mohamed Sebbar, 2003

(Observatorium für die Menschenrechte in Algerien, Algeria-Watch, November 2003)

Ich habe Algerien im Mai 1992 verlassen, um mich in Italien niederzulassen und eine Arbeit zu suchen. Zu der Zeit war die Situation in Bosnien dramatisch, und ich verfolgte über die Medien das Schicksal dieses Volkes und seine Leiden, die durch Vertreibungen, Vergewaltigungen, Tötungen bedingt waren. Wir beobachteten diese Ungerechtigkeit, während die Welt diesem Massaker stumm zusah. Schlimmer noch, sie hinderte das bosnische Volk daran, sich zu bewaffnen, um seine Selbstverteidigung gegenüber dem serbischen Aggressor zu sichern.

Gegenüber all dem und entsprechend meiner muslimischen Erziehung, die die Unterstützung der wehrlosen Unterdrückten gebietet, folgte ich dem Ruf meiner Brüder und beschloss, nach Bosnien zu gehen, um diesem Volk zu helfen, so wie andere Völker uns während des Befreiungskampfes gegen den französischen Kolonialismus geholfen haben.

Ich ging im Oktober 1992 nach Bosnien und schloss mich den Reihen der bosnischen Armee an. Ich erhielt die bosnische Staatsangehörigkeit. Als die Zahl der Freiwilligen zunahm, riet uns der bosnische Präsident Alija Izetbegovic eine Katiba (Einheit) von Freiwilligen zu bilden, die unter der Führung der bosnischen Armee stand. Der Kampf dauerte bis 1995, als der Friedensvertrag von Dayton dem Krieg ein Ende setzte. Dies führte zu unserer Demobilisierung.
Ich bin in Bosnien geblieben, da die Verantwortlichen dieses großzügigen Landes mir die Staatsangehörigkeit gewährt hatten. Ich heiratete eine Bosnierin und wurde Vater von drei Kindern.

Im Jahr 1999, zum Zeitpunkt der internationalen Konferenz für den Wiederaufbau Bosniens, bat mich die Regierung aufgrund des Drucks der amerikanischen Administration, das Land zu verlassen. Diese empfahl der bosnischen Regierung, mich vor Gericht zu stellen, falls ich gesetzeswidrig gehandelt hätte. Die Bosnier antworteten, dass ich keine Tat begangen hätte, die eine strafrechtliche Verfolgung rechtfertigte. Die Regierung gab mir zu verstehen, dass der Druck der Amerikaner groß sei und sie ihre Wirtschaftshilfen einstellen würden, falls ich nicht aus dem Land verwiesen würde. Ich habe mich dann entschlossen, Bosnien zu verlassen, und bin im Einvernehmen beider Regierungen nach Malaysia gefahren. 2001 kehrte ich nach Bosnien zurück. Ich habe Präsident Alija Izebegovic getroffen, der mich über sein Treffen mit Präsident Abdelaziz Bouteflika im Sommer 1999 in Genf informierte. Er hatte mit ihm über meinen Fall gesprochen. Dem bosnischen Präsidenten zufolge stellte mein Fall kein Problem dar, denn Herr Bouteflika hatte ihm geantwortet, er habe soeben das Gesetz zur "zivilen Eintracht" für diejenigen erlassen, die zur Waffe gegriffen hatten und in den Untergrund gegangen waren. Aber ein Algerier, der die Waffe genommen hatte, um ein unterdrücktes Volk zu verteidigen, habe nichts zu befürchten und könne beruhigt in sein Land zurückkehren, ohne verfolgt zu werden.

Diese Nachricht erfreute mich, und ich beschloss nach elf Jahren Exil, weit entfernt von meiner Familie, nach Algerien zurückzukehren. Ich bin mit meiner Ehefrau und den drei Kindern legal eingereist.

Sechs Monate nach meiner Ankunft in Algerien wurde ich von Männern der Sécurité militaire in meinem Wohnhaus in Oran festgenommen. Ich wurde sofort in die Kaserne des DRS in Ben Aknoun, Algier, gebracht.
Sobald ich dort ankam, begannen alle möglichen Erniedrigungen. Von blasphemischen Sprüchen bis zu Beschimpfungen gegen meine Eltern, ich erlebte alles. Als ich diesen Schwall von Gewalt gegen mich sah, erlaubte ich mir, ihnen zu sagen, dass ich vermittelt durch den bosnischen Präsidenten den Schutz (Aman) von Präsident Abdelaziz Bouteflika hatte und er das Versprechen gegeben hatte, dass ich problemlos ins Land zurückkehren könne. Sie sperrten mich daraufhin in eine Einzelzelle, die ein mal zwei Meter groß war und warfen mir zwei Decken hin. Das war am 27. Dezember 2002.

Fünf Tage später holten sie mich aus der Zelle, um mich zu verhören. Ich wurde von ca. zehn Personen umringt. Jeder stellte seine Frage: Hatte ich Hassan Hattab getroffen? Hatte ich Kontakte zu ihm? Wo waren die anderen Mitglieder der Gruppe, mit der ich zusammenarbeiten würde? Wann hatte ich Usama Ben Laden getroffen? Worüber hatten wir gesprochen und was hatten wir beschlossen?
Als ich ihnen antwortete, dass ich keine Beziehung zu diesen Personen pflege, stürzten sie sich auf mich, zogen mich aus und schlugen mich heftig. Dann legten sie mich auf ein Holzbett und schnallten mich fest. Einer der Folterer hielt meinen Kopf, ein anderer steckte mir einen Lappen in den Mund und klemmte meine Nase zu, dann kippte er schmutziges Wasser in meinen Mund, bis ich erstickte und das Bewusstsein verlor. Diese Technik wurde mehrmals angewandt, bis ich meine Stimme verlor. Dann legten sie Stromdrähte auf verschiedene Körperteile, insbesondere auf die Geschlechtsteile, und kippten kaltes Wasser darüber. Die Stromstöße, die meinen gesamten Körper durchliefen, ließen mich aufspringen. Die Schmerzen waren furchtbar.
Ein anderer Folterer schlug mich mit einem dicken Stock auf die Füße, bis ich sie nicht mehr spürte. Nach einer Stunde schleppten mich die Folterer in die Zelle. Ich konnte nicht mehr laufen. Meine Füße waren von den Schlägen geschwollen. Sie drohten damit, mich den ganzen Tag zu foltern, wenn ich ihre Fragen nicht beantworten würde.

Nach einem Monat der Folterungen war ich völlig erschöpft. Ich konnte diese unmenschliche Behandlung nicht mehr ertragen. Sie drohten damit, meine Frau in das Zentrum zu holen und sie die gleichen Folterungen erleiden zu lassen. Sie wollten sie vor meinen Augen vergewaltigen und mich in ihrer Anwesenheit sodomisieren. Ich sagte ihnen, dass ich bereit sei, alles zu gestehen, was sie hören wollten, damit sie bloß nicht meine Ehefrau anfassten.

Dann veränderte sich die Folter. Man gab mir nur wenige Löffel einer ungenießbaren Suppe und ein kleines Stück Brot. Man erlaubte mir nur, ein halbes Glas Wasser am Tag zu trinken. Ich durfte nur mittags und abends zur Toilette. Ich konnte mich nicht reinigen und meine Waschungen für das Gebet vornehmen. Ich konnte nur einmal im Monat für fünf Minuten duschen. Dies alles geschah unter allen Formen von Demütigungen und Beschimpfungen. Sie zwangen mich, auf allen vieren zu kriechen und sagten mir bei jeder Gelegenheit, sie seien die "Götter Algeriens".

Ich blieb sieben Monate lang in dieser Kaserne eingesperrt, ohne eine Nachricht von meiner Familie zu erhalten und ohne dass sie wussten, wo ich mich befand. Viele Leute durchliefen während meines Aufenthaltes diesen Ort. Sie wurden fürchterlich gefoltert, und ich hörte fast jeden Tag ihre Schreie. Später traf ich in Serkadji, wo ich bis heute in Haft bin, viele dieser Personen, die ich in dieser schrecklichen Kaserne gesehen hatte.

Der Ort, an dem ich eingesperrt war, bestand aus 17 kleinen Einzelzellen und zwei großen Sälen.
Bei einer Gelegenheit während eines Verhörs holte Colonel Hassan eine Pistole heraus und sagte zu mir: "Wenn du nicht die Wahrheit sagst, erledige ich dich und du kommst auf die Liste der Verschwundenen, und Gott weiß, dass wir viele Leute auf diese Liste gebracht haben!" Wenn ich zu Colonel Hassan sagte, dass ich den Aman von Präsident Bouteflika erhalten hatte, antwortete er mit Beschimpfungen gegen den Präsidenten und sagte: "Wir führen das Land, und niemand kann irgendetwas ohne uns machen."

Kurz vor unserem Transfer zur Kaserne nach Hydra sagte mir Kapitän Khaled: "Wir haben das mit dir gemacht, weil wir nicht im Kaffeesatz lesen können. Um sicher zu sein, dass du keine Gefahr für das Land darstellst und keine Kontakte zu bewaffneten Gruppen im Land hattest, benutzen wir diese Arbeitsmethode. So schützen wir die Sicherheit des Vaterlandes und des Bürgers."

Am 2. August 2003 wurde ich mit acht anderen Häftlingen in die Kaserne von Hydra geführt. Diese Männer waren: Mikraz Djamel, Kihal Maâmar, Nekkah Salah, Meghraba Mohamed, Djeddi Amar, Benhania Hassan, Aïssa und Mouhiballah.
Wir blieben bis zum 27. September 2003 in Hydra. Sie ließen mich ein Papier unterschreiben, in dem ich versicherte, "während meines Aufenthalts gut behandelt worden zu sein, und dass nichts in meiner Wohnung entwendet wurde". Dann zwangen sie mich ein Verhörprotokoll zu unterschreiben, das auf den Aussagen beruhte, die ich unter der Folter gemacht hatte. Der Offizier, der mich diese Unterlagen unterschreiben ließ, war an dem Tag betrunken und drohte mich zu töten. Er behauptete, mehrere Personen hingerichtet zu haben, und erklärte, ich solle ja unterschreiben. Er informierte mich darüber, dass ich dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden sollte, und gab mir zu verstehen, dass beide zu ihnen gehörten und ich keine Chance hätte, aus dem Gefängnis zu kommen.

Am Gericht Abane Ramdane in Algier informierte ich den Staatsanwalt über meine Absicht gegen meine Folterer Anzeige zu erstatten. Er sah mich an und fragte mich, ob ich ihre Namen kennen würde. Ich antwortete, dass ich nicht ihre wirklichen Namen kannte, sondern nur die Pseudonyme, die sie benutzten. Ich fügte hinzu, dass derjenige, der mich zum Gericht gebracht hatte, einer von ihnen war. Er sagte, dass ihn das nichts anginge und ich mich an den Untersuchungsrichter wenden sollte.

Als ich dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde, äußerte ich die Absicht, gegen die Folterer Anzeige zu erstatten. Auch er sagte, dass ihn das nichts anginge und seine Rolle darin bestünde, mich zu befragen. Allerdings würde er mich nach Beendigung der Ermittlungen zum Staatsanwalt schicken! Er informierte mich nicht darüber, dass ich mich von einem Anwalt verteidigen lassen kann. Ich habe mich an die Worte des Offiziers erinnert, der sagte, dass die Magistrate, zu denen ich geführt werden sollte, zu ihren Leuten gehörten, dass ich ihnen immer ausgeliefert sein würde und jederzeit in die Kaserne der Sécurité militaire geführt werden könnte, es keinen Sinn mache, meine Rechte zu verlangen und dass allein der Gehorsam gegenüber ihren Befehlen die gesündeste Lösung sei.

 
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