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Frauen, die auf die Heimkehr verlorener Seelen warten

von Robert Fisk, The Independent, 1. November 1997, Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

In Algerien sind Tausende Männer und Frauen durch die Sicherheitskräfte "verschwunden" worden sind. Unter ihnen sind der Sohn von Houria Shehab und Djamilas Ehemann. Die Sicherheitskräfte jedoch bestreiten, etwas von ihnen zu wissen.

Sie kamen zu Houria Shehabs zweitem Sohn um 6.45 Uhr am Morgen des 18.März 1994. Salim war im Bett. "Es waren mehr als 20 von ihnen," sagt Houria. "Es waren Soldaten in Uniformen und Männer in Zivil. Sie kamen in Militärfahrzeugen und Nissan-Polizeiautos. Die Soldaten hatten Helme auf. Sie verhafteten viele junge Männer aus unserer Gegend, etwa 15 andere wurden mitgenommen." In ihrem braunen Kopftuch und blauen Kleid und mit ihren vielen fehlenden Vorderzähnen sieht Houria Shehab älter aus als ihre 57 Jahre, ihr Gesicht ist von Müdigkeit und Leid gezeichnet. Ihr Mann starb vor 13 Jahren und ließ sie mit sieben Mädchen und drei Jungen zurück. Salim - stämmig, mit einem dicken, schwarzen Schnurrbart und großen Augen - lernte Buchführung in Ain Taya, er war 24 Jahre alt und laut seiner Mutter nicht an Politik interessiert.

"Er hatte keinen Kontakt zu islamischen Gruppen. Er verbrachte nicht eine Nacht außerhalb unseres Hauses," sagt Houria Shehab.

"Die Soldaten und die Polizei klopften an die Tür, und einer von ihnen fragte: 'Ist dies das Haus von Salim Shehab?' Ich sagte: 'Ja'. Er schlief noch in seinem Zimmer, zusammen mit seinem Bruder. Die Polizisten stürzten in das Schlafzimmer und weckten ihn auf. Er zog sich an und ich sah, wie er alle seine Ausweispapiere, alle Dokumente seiner Buchführungsausbildung und die Papiere, die ihm eine Zurückstellung vom Militärdienst erlaubten, einsammelte. Ich wollte mit ihm sprechen, aber sie ließen mich nicht. Einer von ihnen sagte: 'Wenn du nicht den Mund hältst, können wir deinen Sohn töten.' Sie nahmen ihn mit."

Houria Shehab ist jetzt in Tränen ausgebrochen. Seit dreieinhalb Jahren erzählt sie ihre Geschichte. Wie auch die Familien der anderen 15 Männer, die aus ihrer Nachbarschaft im Osten Algiers mitgenommen wurden. Denn keiner ist je wieder zurückgekommen. Die Algerier wissen, daß jeder von den Sicherheitskräften Verhaftete - oder, um ein besseres Wort zu gebrauchen, Entführte -, der nicht nach einigen Monaten zurückkehrt, wahrscheinlich tot ist. Houria weiß das. Wir auch. Aber natürlich tun wir alle so, als ob Salim noch am Leben sein müßte. Houria muß das glauben: Denn warum hätte sie sonst das Büro ihres Anwalts aufgesucht mit dem winzigen, paßbildartigen Foto von Salim?

"Nach der Verhaftung ging ich zum Kommissariat in Harrash (im Osten Algiers), aber da war er nicht. Ich ging zur zentralen Polizeiwache, und die sagten, sie wüßten von nichts. Dann ging ich nach Harrash zurück, und die Geschichte wiederholte sich. Ich ging sogar zum Friedhof. Die wußten auch nichts. Seitdem hat sich immer das Gleiche abgespielt. Ich gehe immer noch zu den Polizeiwachen. Nichts. Ich verstehe nicht, warum sie das meinem Sohn antun."

Es gibt ein stillschweigendes Einverständnis unter den Angehörigen der "Verschwundenen", ein gemeinsames Wissen um die Angst und das aufgeschobene Klagen. Houria Shehab lächelt freundlich zu Djamila, die mit ihren zwei Kindern zwischen uns sitzt.

Djamila ist erst 29 und schön, ihr Gesicht glänzt unter ihrem schwarzen Kopftuch und strahlt eine Zuversicht aus, auf die sie kein Anrecht zu haben scheint. Sie gibt zu, daß ihr Mann, Mourad, für eine Gruppe arbeitete, die Intellektuelle in Algerien umgebracht hat - einschließlich des prominentesten Führers der regierungsfreundlichen Gewerkschaft -, besteht aber gleichwohl darauf, daß er nie eine Waffe trug oder an Morden teilnahm. Mourad war ursprünglich ein Mitglied der FIS, die von der Regierung verboten wurde, als sich abzeichnete, daß sie die Wahlen von 1991 gewinnen würde.

"Es war klar, daß sie wegen ihm kommen würden, " sagt Djamila. "Er lebte heimlich mit mir, hielt sich versteckt. Am 29. August 1993 mußten wir unser Haus im Zentrum von Algier verlassen und reisten nach Oran. Er fuhr fort, für seine Gruppe politisch zu arbeiten, und wir blieben dort in einer Wohnung versteckt bis zum 20. April dieses Jahres; das war der letzte Tag, an dem ich ihn sah. Es war ein Sonntag morgen, und er ging um sechs raus. Ich glaube, er hatte ein Treffen mit jemandem aus der Organisation."

Djamilas Kinder, Sarah und Bassima, sind zu jung, um die Geschichte zu verstehen; Sarah verbringt einen Teil der Zeit damit, Gebäck von einem Tisch im Büro des Anwalts zu essen, während ihre Mutter spricht.

"Er war ein politischer Mensch, kein Kämpfer, kein GIA-Mann," wiederholt sie in ihrem ängstlichen Bemühen, ihrem Mann eine gewaltlose Rolle zuzuschreiben. "Ich glaube, er muß verhaftet worden sein, bevor er den Ort seiner Verabredung erreichte. Vielleicht hatte der Mann, den er treffen sollte, der Polizei gesagt, daß er dort sein würde. Zwei Tage später kamen sie wegen mir - Soldaten und Männer in Zivil -, um mich zu verhaften und Mourads Papiere mitzunehmen. Sie sagten mir, ich solle mein Kopftuch über die Augen ziehen. Sie wandten keine Gewalt an."

Djamila wurde - wie sie vermutet - zum zentralen Polizeikommissariat in Oran gebracht. "Es hatte große Stufen und große Flure. In einem Raum mit einem Computer stellten sie mir Fragen. Wo meine Kinder wären? Warum ich Mourad nach Oran gefolgt wäre? Ich sagte ihnen, daß er mein Mann sei. Ein alter Mann in Zivil machte eine Aufnahme von dem Verhör. Aber ich hatte große Angst wegen der Art, in der sie die Fragen stellten, es war, als ob sie ihn nicht verhaftet hätten."

"Mit der Weise, in der sie sprachen, brachten sie zum Ausdruck, daß sie es nicht getan hätten, daß sie ihn nicht hätten. Ich unterschrieb das Gesprächsprotokoll."

Djamila hat seit über sechs Monaten nichts mehr gehört. Aber wie jede andere Familie der "Verschwundenen" hat sie widersprüchliche Nachrichten erhalten. "Einige Gefangene wurden aus dem Polizeikommissariat Chateauneuf in Algier freigelassen. Einer sagte, daß Mourad dort unter der Folter gestorben wäre, ein anderer sagte, er sei noch am Leben." Djamilas Lächeln taucht wieder auf, losgelöst von ihrer Geschichte, darum bestrebt zu erfahren, ob wir noch etwas wissen wollen.

Wir wenden uns Houria Shehab zu. Ob sie weiß, daß es andere Länder gibt, in denen es "Verschwundene" gibt, wollten wir wissen? Ob sie weiß, daß es im Ausland Frauengruppen gibt, die versuchen, das Schicksal ihrer geliebten Menschen in Erfahrung zu bringen? Ob sie von den Müttern des Plaza de Mayo in Argentinien gehört hat, die noch immer demonstrieren, um Nachrichten über ihre Ehemänner und Söhne zu bekommen?

Houria dachte lange nach und sagte uns dann schüchtern: "Ich habe gehört, daß es ein Land gibt, das Argentinien heißt."

 

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