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Wehrpflichtiger berichtet über Algeriens Folterkammern

von Robert Fisk, UK NEWS, 3. November 1997
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

Reda, ein Wehrpflichtiger in der Algerischen Armee, sagt, er fühlte nichts, als er Anfang dieses Jahres einen Mann an seinem Kontrollpunkt tötete. Jedoch zu sehen, wie Menschen mit einem elektrischen Bohrer gefoltert wurden, erschütterte ihn. Erst als Guerillakämpfer ihn erkannten, gibt er preis, entschied er sich, in Britannien um Asyl zu ersuchen.

"Sie gaben uns Impfungen in unsere Rücken und sagten uns, wir sollten uns gegenseitig spritzen, bevor wir zu Einsätzen rausgingen. Es war eine weißliche Flüssigkeit, die wir uns gegenseitig in die Arme spritzten. Es bewirkte, daß wir uns wie Rambo fühlten. Wir waren an einer Straßensperre und stoppten alle, die wir für Terroristen hielten. Wenn ein Mann ein Gesicht, wie ein Terrorist hatte, wenn er einen langen Bart hatte, wurde er erschossen. Als ein Mann mit einem Bart bei der Tankstelle herumlief, befahl ich ihm, stehenzubleiben. Er sagte: 'Warum soll ich stehenbleiben?'."

Reda war jetzt in London, seine Erinnerung aber auf einer Straße 20 Meilen von Algier entfernt. Er war beim Militärdienst, er gehörte zu einer Kommandoeinheit in der Nähe von Blida. "Der Mann war unverschämt, also tötete ich ihn. Es war so, als ob ich träumte und nicht ich selbst war. Ich hatte keine Erinnerung davon, bis meine Freunde es mir erzählten. Die Kugeln trafen ihn in die Brust. Als er starb, rief er: 'Es gibt keinen Gott außer Gott.' Ich hoffe, Gott wird mir verzeihen, und daß die ganze Menschheit mir verzeiht."

Knightsbridge mag ein seltsamer Ort sein, um Vergebung zu erbitten, aber von Zeit zu Zeit weinte Reda - über die Morde, über die Folter, die er sah, über die Soldaten, die nach seiner Meinung von seiner eigenen Armee umgebracht wurden. Er begann seinen Militärdienst in der Stadt Skikda und wurde dann zur Ausbildung an der Waffe nach Biskra versetzt. "Uns wurde gesagt, daß alle Leute gegen uns sind. Uns wurde beigebracht, wie wir Terroristen erkennen - an ihren Bärten und Khamis-Kleidern, ihrer islamischen Kleidung."

Am 12. Mai dieses Jahres wurde Reda nach Blida geflogen, südlich von Algier, zum aktiven Dienst im Antiguerillakrieg. Bei seinem ersten Einsatz im Dorf Sidi Moussa am 27. Mai befahlen er und seine Kameraden den Familien, ihre Häuser zu verlassen, und während sie deren Häuser durchsuchten, so sagt er, stahlen sie alles Geld und Gold, das sie finden konnten. Reda sagt, die Soldaten schlugen die Leute mit Gewehren und nahmen dann 16 männliche Dorfbewohner mit zur Folter. "Es gab einen Kellerraum in der Blida-Kaserne, der Katellah - "Todesraum" - hieß. Und allen Gefangenen wurden Namen von den Verhörern gegeben, Namen wie Zitouni. Die Männer wurden gefesselt und ausgezogen und an einen Stuhl gebunden und mit kaltem Wasser aus einem Schlauch abgespritzt. Zwei Soldaten standen vor jedem Gefangenen und stellten Fragen. Dann begannen sie mit dem elektrischen Bohrer."

Reda zappelt mit seinen Händen herum, als er seine furchtbare Geschichte erzählt. Die Bohrer wurden auf den Beinen der Gefangenen eingesetzt. Reda sagt, er sah, wie ein Folterer der Armee den Bauch eines Mannes aufbohrte. Es dauerte mit jedem Gefangenen 4 Stunden - falls sie lebten, würden sie nach einer Woche entlassen. An einem Punkt seiner Geschichte bittet Reda seinen jüngeren Bruder, den Raum zu verlassen; er möchte nicht, daß seine Familie weiß, was er noch alles gesehen hat. "Es gab ein Kabel um die fünf Zentimeter im Durchmesser, und das steckten sie in die Ohren oder den After der Gefangenen. Dann schütteten sie Wasser auf sie. Zwei der Männer begannen uns zu verfluchen. Und der Folterer schrie: 'Yarabak - Gott verfluche dich - so viel zu deinem Gott.' Die Folter lief rund um die Uhr. Ich war bloß ein Wehrpflichtiger. Ich sah zu, aber ich war nicht daran beteiligt."

Drei Männer starben während der Folterung, sagt Reda. Die Soldaten ließen die Familien wissen, daß sie ihnen 50 000 Dinar zu geben hätten, wenn sie die Leichen haben wollten. "Die Frauen strichen aus Schmerz mit ihren Händen über das Gesicht, und wir sagten, daß die Männer an Herzschlag gestorben seien, was sie uns aber nicht glaubten. Die Särge waren verschlossen. Sie wußten, daß wir sie getötet hatten."

Im Juni wurde Reda einer Schutztruppe zugeteilt, in der Gegend desselben Dorfes im Zuge einer Razzia der regulären Streitkräfte. "Wir sollten hineingehen, wenn Leuchtkugeln aufstiegen - aber es kamen keine Leuchtkugeln und wir kehrten nach zwei Stunden zurück. Am darauffolgenden Tag hörten wir, daß in diesem Dorf ein Massaker stattgefunden hatte und 28 Dorfbewohner geköpft worden waren. Das ließ uns darüber nachdenken, wer das getan hatte. Ich begann zu denken, daß unsere Leute die Mörder waren."

Zwei Tage später, so erzählt Reda, reinigten er und andere Wehrpflichtige die Kaserne und durchsuchten die Kleider der regulären Truppen nach Zigaretten, als sie einen falschen Bart und Musk, ein von frommen Muslimen benutztes Parfum, entdeckten. "Wir fragten uns, was wohl die Soldaten mit diesem Bart anstellten?" Reda schlußfolgerte, daß diese Einheit das Massaker in Sidi Moussa ausgeführt haben könnte. Aber seine Unruhe wuchs, als 26 der Wehrpflichtigen zu einer anderen Kaserne in Chrea versetzt wurden. "Sie brachten später alle ihre Leichen zurück zu uns und sagten, daß sie in einem Hinterhalt getötet worden seien. Aber ich bin sicher, daß sie hingerichtet worden sind, weil man ihnen nicht mehr traute. Es gab keine Verletzten bei dem 'Hinterhalt'. Vielleicht sagten sie zu viel. Alle unsere Soldaten wußten, daß diese Männer ausgemerzt worden sind - denn schon bevor sie versetzt worden waren, hatte man uns gesagt, nicht mit ihnen zu sprechen."

Das Ende von Redas militärischer Karriere war nicht heroisch. Seine Zähne wurden von Kameraden herausgeschlagen, sagt er, und er wurde für eine Woche inhaftiert, nachdem man ihn beobachtet hatte, wie er Brot an Gefangene gab. Und dann, als er bei einer Straßensperre in der Nähe von Blida in einen Hinterhalt gelockt wurde, erkannten ihn zwei bewaffnete Islamisten. "Sie waren Freunde von mir. Sie sahen mich in meiner Uniform und dem grünen Barett. Einer von ihnen rief mir zu: 'Es bleibt noch viel Zeit in diesem Jahr, um dich zu erwischen. Paß auf dich auf und auf deine Frau und dein Kind. 'Ich und drei andere Wehrpflichtige liefen weg, mit der Hilfe der lokalen Einwohner, die uns zivile Kleidung gaben. Nun bin ich ein Deserteur und ich bin zwischen zwei Fronten - zwischen den Terroristen und der Regierung."

Reda tauchte einige Wochen später in Heathrow auf und ersuchte Schutz. Die algerische Regierung behauptet, ihn zu kennen - und daß er seine Geschichte von den Greueltaten des Militärs erfunden hat, um Asyl in Britannien zu bekommen. Aber warum sollte Reda eigentlich in Britannien um Asyl ersuchen, zusammen mit Dutzenden weiterer Mitglieder der algerischen Sicherheitskräfte? Redas letzte Nachrichten aus Algerien sprechen für sich selbst: acht Familienangehörigen in Boufarik - nicht weit von Blida - wurden die Kehlen durchgeschnitten.

 

 

 
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