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Verlorene Seelen der algerischen Nacht:
Jetzt enthüllen ihre Folterer die Wahrheit

von Robert Fisk, The Independent, 30. Oktober 1997
Übersetzung aus dem Englischen: algeria-watch

The Independent hat Beweismaterial darüber erhalten, daß Tausende von Männern und Frauen durch Polizeikräfte des Militärregimes in Algerien "verschwunden" worden sind. Und zum ersten Mal haben Angehörige der algerischen Sicherheitskräfte, die jetzt in Britannien um Asyl nachsuchen, schreckliche Aussagen gemacht über massenhafte Folterungen durch Regierungskräfte, über Morde in algerischen Polizeistationen und geheime Beerdigungen durch die Sicherheitskräfte.

Wir alle wußten, daß es in Algerien geschieht. Seit mehr als vier Jahren hatten uns freigelassene Gefangene von Wasserfolter und Schlägen erzählt, vom Ersticken mit Lappen, davon, wie ihre Nägel von den Verhörern herausgerissen wurden, wie Frauen von ganzen Gruppen von Polizisten vergewaltigt wurden, von geheimen Hinrichtungen in Polizeistationen. Aber nie zuvor haben Angehörige der Sicherheitskräfte den zwingenden Beweis für die Brutalität des algerischen Regimes geliefert.

Und mit den Zeugenaussagen über Tausende - manche sagen sogar 12 000 - Männer und Frauen, die durch eine Regierung "verschwunden" worden sind, die vorgibt, den "internationalen Terrorismus" zu bekämpfen, wird es Algeriens Militärregierung schwer haben, jemals wieder Sympathie im Westen zu finden.

Ein Polizeioffizier, der für das Waffenlager der Polizei Algiers verantwortlich war, berichtete The Independent, wie seine Kollegen Gefangene kaltblütig töteten, wie polizeiliche Folterer Gefangene mit säuregetränkten Lappen erstickten, nachdem sie ihnen die Nägel herausgerissen und mit Flaschen vergewaltigt hatten. Eine 30-jährige algerische Polizistin erzählte, wie sie Gefangene sah - durchschnittlich 12 am Tag -, die in der Cavignac-Polizeiwache in Algier halbnackt an Leitern gefesselt schrien und um Gnade flehten, während Salzwasser in ihre Mägen gepumpt wurde, bis sie dazu bereit waren, Geständnisse blind zu unterschreiben.

Dieselbe Polizistin gestand, gefälschte Todesbescheinigungen ausgestellt zu haben, um zu beweisen, daß tote Gefangene in den Wäldern südlich von Algier halbverwest "gefunden" worden wären. Ein 23-jähriger Wehrpflichtiger sprach davon, Offiziere beobachtet zu haben, die mutmaßliche "islamistische" Gefangene folterten, indem sie mit elektrischen Bohrern Löcher in ihre Beine - und in einem Fall in den Magen - bohrten in einem Kerker, der "Todesraum" genannt wird. Und er schilderte, daß er einen falschen Bart inmitten der Kleider von Soldaten fand, die von einem Überfall auf ein Dorf zurückgekehrt waren, wo später 28 Zivilisten geköpft aufgefunden wurden; der Soldat vermutet, daß sich seine Kameraden als muslimische Rebellen verkleidet haben, um die Greueltat zu begehen.

Kein Guerillakrieg ist sauber. Keine Armee oder Polizei, die schonungslos Aufständische bekämpft, wird ihr Ansehen unversehrt wahren können. Und die sogenannten Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) in Algerien, die sich einen einzigartigen und furchtbaren Ruf als die grausamste Guerillaarmee der Welt verschafft haben, können kaum Gnade von ihren Gegnern auf Seiten der Regierung erwarten. GIA-Leute - oder jene, die behaupten deren Mitglieder zu sein - greifen seit über einem Jahr algerische Dörfer an, schneiden die Kehlen von Frauen und Kindern durch, verbrennen Babys lebendig in Öfen, schlitzen schwangeren Frauen den Bauch auf und schlachten alte Männer mit Äxten ab. Sie setzen sogar eine auf einem Lastwagen fahrbare Guillotine ein, um ihre Feinde hinzurichten.

Aber Beweise dafür, daß die massakrierten Dorfbewohner selbst Islamisten waren, und immer mehr Hinweise darauf, daß die algerischen Sicherheitskräfte - bestenfalls - nicht dazu in der Lage waren, ihnen zu Hilfe zu kommen, hat schwerwiegende Zweifel auf die Rolle der Regierung in Algeriens schmutzigem Krieg geworfen.

Tatsächlich hatten wiederholte Behauptungen, daß die abgeschlachteten Dorfbewohner "Komplizen" der GIA gewesen seien, den Verdacht aufkommen lassen, daß das algerische Regime, das in seinem Krieg gegen bewaffnete Oppositionelle um europäische Unterstützung wirbt, in die Gemetzel verstrickt ist. Aber die Zeugnisse aus erster Hand durch seine eigenen früheren Leute aus den Sicherheitskräften für Folter und geheime Hinrichtungen liefern den eindeutigen Beweis, daß die algerische Regierung die Grenze zivilisierter Standards bei der Bekämpfung ihrer Feinde überschritten hat.

Unter den Namen der "verschwundenen" Männer und Frauen, die The Independent von einem algerischen Anwalt gegeben wurden, sind solche von jungen Frauen, die nicht in der Politik tätig waren - geschweige denn im religiösen Extremismus -, von alten Männern und in einem Fall von einem Gelähmten im Rollstuhl. Von einer 28-jährigen Frau, die Amina Benslimane heißt und vor fast drei Jahren von der Sicherheitspolizei verhaftet wurde, wird vermutet, daß sie unter der Folter in der Chateauneuf-Polizeiwache in Algier gestorben ist. Den Angehörigen einer anderen Frau wurde gesagt, daß die Knochen einer ihrer Füße gebrochen wurden, während sie über ihren Bruder verhört wurde, der ein mutmaßliches Mitglied einer oppositionellen Gruppe ist.

Vertrauliches Beweismaterial eines anderen algerischen Anwalts legt dar, daß eine junge frisch verheiratete Frau vor ihrem Mann vergewaltigt wurde, um ihn zu zwingen, Details über eine islamistische Gruppe preiszugeben, zu der er angeblich gehöre. In der Vergangenheit erzählten freigelassene Gefangene von Gruppenvergewaltigungen von weiblichen Gefangenen - in einem Fall von der Vergewaltigung einer Großmutter, die blutüberströmt aus dem Folterraum geschleift wurde. Die Folter in Algier wird größtenteils in zwei Kommissariaten durchgeführt, in Chateauneuf und in Cavignac.

Diese zwei Folterzentren üben Terror auf die Bevölkerung von Algier aus, wo - laut Zeugenaussagen zweier Frauen, deren Angehörige verhaftet wurden, um nie wieder gesehen zu werden - Männer und Frauen jetzt ohne Haftbefehle oder ohne das Ausstellen von Identitätsnachweisen durch die Sicherheitskräfte aus ihren Häusern geholt werden. "Sie können 'Ausschreitungen' nicht damit vergleichen, Babys in Öfen zu stecken," sagte letzte Woche ein Regierungsvertreter zu The Independent in Algier. Die furchtbare Wahrheit jedoch ist, daß die beiden Seiten jetzt in der Grausamkeit miteinander konkurrieren.

Inspektor Abdessalam, der für das Waffenlager der Polizeistation Dar al-Baida in der Nähe des internationalen Flughafens von Algier verantwortlich war, hat beschrieben, wie er mutmaßliche "Islamisten" gesehen hat, die von Folterern verhört wurden - einige derjenigen, deren Namen The Independent gegeben worden waren.

"Manchmal wurden Gefangene gezwungen, Säure zu trinken oder ein Lappen wurde über ihren Mund gebunden und Säure darauf geschüttet," sagte er. "Gefangene wurden gezwungen neben Tischen zu stehen, mit ihren Hoden auf dem Tisch und ihre Hoden wurden geschlagen... Eine kleine Zahl der Gefangenen gab Informationen. Einige zogen es vor, getötet zu werden. Einige starben unter der Wasserfolter." Ähnliche Aussagen kamen von einer Detektivin namens Dalila, die in der Polizeistation Cavignac zwei Männer an eine Leiter gefesselt sterben sah, als ihre Bäuche platzten, nachdem Salzwasser in sie gepumpt worden war.

 

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