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Wer hat Lounes Matoub getötet?

algeria-watch, Infomappe 15, Januar 2001

Am 25. Juni 1998 wurde Matoub Lounes, einer der bekanntesten Sänger Algeriens, ermordet. Sein Tod löste heftige Unruhen aus. Auf Demonstrationen haben viele Bewohner der Kabylei sofort an der offiziellen Version gezweifelt und behauptet, daß der Staat hinter seinem Tod stehe. Auch in Deutschland hat dieser Mord für Aufsehen gesorgt. Der ARD-Korrespondent Samuel Schirmbeck kolportierte die offizielle Version, wonach die GIA hinter dem Mord stünde und versäumte dabei, die Meinungen der aufgebrachten Kabylen wiederzugeben.

Dennoch stellten viele diese Version in Frage, da der Anschlag zu einem Zeitpunkt stattfand, der geprägt war von heftigen Konflikten zwischen dem Präsidenten Zeroual und der Militärführung. Eine Reportage über den Tod des Sängers wurde im Oktober 2000 in Frankreich gesendet.(1) Die darin gesammelten Informationen und Fakten stellen den Mord in einen völlig anderen Zusammenhang: Ein vom Präsident initiiertes Arabisierungsgesetz sollte Anfang Juli in Kraft treten. Massive Proteste in der Kabylei sollten dies vereiteln. Die Ermordung eines kabylischen Symbols durch Islamisten konnte diesen Anlaß herbeiführen.

Matoub Lounes, der in Frankreich lebte, mußte nach Algerien kommen, um endlich das Visumsproblem seiner Ehefrau zu lösen. Er hatte seine Freunde der RCD seit Monaten gebeten, sich darum zu kümmern, damit seine Frau ihm nach Frankreich folgt. Ait Hamouda, Abgeordneter der RCD, Chef einer der stärksten Milizen des Landes und wichtiger lokaler Potentat, hatte sich des Passes der jungen Frau bemächtigt und nichts unternommen. Said Sadi, der Parteivorsitzende, war währenddessen nie zu erreichen. Wutentbrannt reiste Matoub nach Algerien und ... wurde ermordet. Die Demonstranten in der Kabylei haben aber nicht - wie zu erwarten - die Islamisten für das verbrechen verantwortlich gemacht, sondern "Pouvoir assassin!" (Mörderstaat) gerufen.

Seit dem 25. Juni 1998 sind Indizien, die auf die Verwicklung von einflußreichen Persönlichkeiten in diese Affäre hinweisen, deutlicher geworden. Schlimmer noch: Verantwortliche der RCD werden verdächtigt, den Anschlag mitzuverantworten bzw. davon informiert gewesen zu sein.

Die Journalisten, die vor Ort in der Kabylei recherchierten, erfuhren, daß Agenten des militärischen Sicherheitsdienstes seit Monaten im Umkreis von Matoubs Wohnort präsent waren. Manche unter ihnen waren als Islamisten verkleidet und versuchten mit dem Zurschaustellen von Granaten und Gewehren die Bevölkerung einzuschüchtern. Diese wußte, daß es sich um falsche Islamisten handelte. Manche Einwohner suchten vergebens Hilfe bei der Gendarmerie und schickten schließlich ein Fax an Amnesty International und verschiedene französische Medien, in dem sie ihre Befürchtungen zum Ausdruck brachte.

Am Tag des Attentats wurde eine starke Militärpräsenz beobachtet. Die Bewohner von Tala Bounane wurden angehalten, ihre Häuser nicht zu verlassen, und Kaufleute mußten ihre Geschäfte schließen. Die Gendarmen und Militärs sagten, daß sie eine Durchkämmungsoperation durchführen wollten. An einer Straßenkreuzung leiteten sie den Verkehr um, aber Matoubs Auto ließen sie durchfahren. Zeugen, die die Angreifer sahen, sagten, daß sie sicher sind, daß es sich nicht um Mitglieder der GIA handelte, da sie diese kennen. Mehrere Anwohner haben beobachtet, wie die Angreifer kurz später in Militäruniformen wieder erschienen.

Wenige Minuten nach dem Anschlag setzte sich Nouredine Ait Hamouda mit französischen Medien in Verbindung und beschuldigte die GIA. Die Schwester von Lounes Matoub, Malika, machte ihrerseits anfangs auch die Islamisten dafür verantwortlich. Nadja, die Ehefrau des Ermordeten, die bei dem Anschlag leicht verletzt worden war, wurde im Krankenhaus gezwungen, eine Stellungnahme zu unterzeichnen, in der sie bestätigte, daß die GIA für den Mord verantwortlich sei. Die Zweifel an dieser Version, die manche geäußert hatten, wurden durch die wiederholten Äußerungen algerischer Persönlichkeiten, darunter Ait Hamouda, übertönt. Währenddessen wurden die Proteste der Jugendlichen, die trotz der Äußerungen der Familienangehörigen nicht an der Verantwortung der GIA glauben, gewaltsam zerschlagen. Ein junger Mann wurde von einem Milizenchef ermordet. (2)

Die Familie Matoub unternahm alles, um eine Untersuchung des Anschlages durchführen zu lassen und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Als Malika Matoub allerdings zur Gendarmerie ging, um sich über den Stand der Ermittlungen zu informieren, stellte sie fest, daß die gesamte Belegschaft versetzt worden war und die Untersuchung keine Fortschritte machte. Darüber hinaus waren einige wichtige Beweise vernichtet oder vertuscht worden: die Kleidung des Opfers ist verschwunden, und der Wagen, der über siebzig Einschüsse von Gewehrkugeln vorweist, ist nicht Gegenstand der Untersuchung, ein Umstand der seltsam erscheint, vor allem wenn berücksichtigt wird, daß Lounes Matoub durch Revolverkugeln getötet wurde. Erstaunlich auch, daß die drei Begleiterinnen von Matoub nur leicht verletzt wurden. Es wird vermutet, daß das Auto erst nach der Ermordung massiv beschossen wurde, um Ermittler in die Irre zu führen. Die Familie Matoub glaubt nicht mehr daran, daß eine islamistische Gruppe den Sänger ermordet hat.

Manche haben die Akte schnell schließen wollen: Der Mord sei von einer aus acht Männern bestehenden bewaffneten Gruppe ausgeführt worden, fünf unter ihnen seien von Sicherheitskräften getötet worden und drei seien auf der Flucht.

Über ein Jahr später tauchten schließlich Verdächtige auf: Abdelhakim Chenoui, der sich Ende 1999 den Behörden im Rahmen des Gesetzes zur zivilen Eintracht stellte, wurde festgenommen und verschwand. Einen Monat später wurde er von fünf Männern in Zivil, darunter Nouredine Ait Hamouda, zu seiner Familie geführt. Er war abgemagert und von Folterungen gezeichnet. Er wurde gleich wieder mitgenommen und verschwand erneut. Davor hatte er ein Protokoll unterzeichnet, in dem er den Mord gestand. Später tauchte er im Gefängnis auf, wo ihn Malika Matoub aufsuchte. Sie ist von seiner Unschuld überzeugt und glaubt, daß er unter der Folter die Verantwortung für die Tat übernahm. Malik Medjnoun wurde am 28. September 1999 vom Sicherheitsdienst entführt und verschwand bis Mai 2000. Er war zeitweilig im Folterzentrum von Chateauneuf inhaftiert. (3)

Am 20. Dezember 2000 sollte der Prozeß gegen die Beschuldigten stattfinden. Drei Tage vorher wurden die Ermittlungen für beendet erklärt, obwohl sie kaum begonnen hatten. Der Prozeß wurde schließlich auf Antrag der Familie aufgeschoben. Es wird vermutet, daß diverse Kreise aus der Regierung, aber auch der Partei RCD ein Interesse daran haben, die Sache so schnell wie möglich abzuschließen, und deswegen zwei mutmaßliche Mitglieder der GIA dafür verantwortlich machen wollen. Die Hartnäckigkeit der Familie Matoub und ihres Unterstützungskreises auf der Suche nach der Wahrheit mißfällt denjenigen, die darin verwickelt sein könnten. Ein Teil der öffentlichen Meinung, vor allem in der Kabylei, nimmt bis heute jede Gelegenheit wahr, um den Staat für den Mord an Matoub Lounes verantwortlich zu machen.

(1) Die Matoub Lounes-Affäre: Eine Untersuchung von Michel Despratx, Jean-Baptiste Rivoire, Lounis Aggoun, Marina Ladous, gesendet am 31. Oktober 2000 auf Canal +. Skript des Filmes unter: http://www.algeria-watch.de/farticle/matoub/matoubfilm.htm

(2) Siehe "Freischein zum Töten - Warum ist Hamza tot?, algeria-watch, Infomappe 7, Januar 1999.

(3) Wir machten auf sein "Verschwindenlassen" in der Infomappe 12, April 2000 aufmerksam.

 

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