Infomappe 15  
   

Soll die Hachani-Affäre ad acta gelegt werden?

algeria-watch, Infomappe 15, Januar 2001

Abdelkader Hachani, einer der Führer der FIS, der nach der Inhaftierung von Ali Benhadj und Abassi Madani im Juli 1991 den Vorsitz der Partei vorübergehend übernahm und die Wahlkampagne leitete, wurde kurz nach dem Abbruch der Wahlen im Januar 1992 festgenommen. Die Begründung lautete "Anstacheln der Soldaten zur Desertion", obwohl er lediglich diese angemahnt hatte, nicht auf Demonstranten zu schießen. Nach fünf Jahren Untersuchungshaft wurde er 1997 vor Gericht gestellt und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Somit kam er sofort frei, durfte aber keine politischen Erklärungen abgeben. Als Nummer drei der FIS spielte er dennoch eine wichtige Rolle unter den Anhängern der Partei. Er führte auch intensive Gespräche mit anderen Oppositionsparteien und -politiker, die gemeinsam an einer Lösung der politischen Krise arbeiteten. Im November 1999 wurde er ermordet. Kurz darauf wurde ein mutmaßlicher Täter festgenommen, der zwar als Mitglied der GIA vorgestellt wird, aber im Alleingang agiert haben soll. Er soll zufällig in der Zahnarztpraxis, in der Hachani sich aufhielt, aufgetaucht sein, weil ihn ein akuter Schmerz plagte. Dort habe er zufällig Hachani gesehen, ihn erst gar nicht erkannt, sondern erst als sein Namen aufgerufen wurde, bemerkt, wer vor ihm stand und im selben Augenblick beschlossen haben, ihn zu töten. Dann sei er geflohen, und soll, obwohl Hachani immer in Begleitung von Sicherheitsbeamten sich bewegte und die Zahnarztpraxis direkt hinter einer Polizeistation liegt, entkommen sein. Er soll dann einige Tage später festgenommen worden sein. In seiner Tasche trug er noch die Mordwaffe und den Personalausweis von Hachani!

Hachani selbst hatte öffentlich bekanntgegeben, daß er in Gefahr sei. Er würde permanent von einem gewissen "Naim" observiert, der auch seine Familie belästige. Er war zudem kurz vor seiner Ermordung von Polizisten festgenommen und verhört worden.

Ein Jahr nach dem Mord an Hachani und der Festnahme des mutmaßlichen Täters sollte nun der Prozeß beginnen. Weder die Familie noch ihr Rechtsanwalt wurden davon offiziell informiert. Der Prozeß war lediglich Ende November 2000 in einer Zeitung für den darauffolgenden Monat angekündigt worden. Der Rechtsanwalt der Familie ist sehr überrascht, da die Anklage aufgrund fehlender Ermittlungen noch nicht erhoben wurde. Es wird vermutet, daß - wie im Prozeß um den Mord von Matoub Lounes - eine schnelle Entscheidung den Fall abschließen soll. Der Prozeß wurde schließlich vertagt.

Im November 1999 hatte algeria-watch zur Ermordung Hachanis geschrieben:

"Wer hat Interesse an seinem Tod? Offiziell werden 'extremistische Kreise', d.h. Islamisten dafür verantwortlich gemacht, und Dutzende Personen wurden bereits festgenommen. Die Erklärung lautet, Hachani habe mit seiner Dialogbereitschaft sein Todesurteil durch extremistische Gruppen unterzeichnet. Diese Version unterschlägt jedoch, daß Hachani zwar den Dialog gesucht, jedoch die Strategie des Präsidenten entschieden kritisiert hat: Er sah in dem neuen Gesetz zur "zivilen Eintracht" lediglich eine polizeiliche Maßnahme, die zu keinem nennenswerten Ergebnis für den Frieden führen konnte, und forderte eine politische Lösung des Konfliktes u.a. durch die Freilassung der politischen Gefangenen und vor allem durch die Einberufung einer nationalen Konferenz. Er stand mit diesen Vorschlägen keineswegs allein, hat sich doch ein Großteil der Opposition erneut auf der Grundlage der 1995 erarbeiteten 'Plattform von Rom' zur Lösung der Krise zusammengeschlossen (ihr gehören neben Hachani und seiner Fraktion aus der FIS, die FFS, einige der Ex-Präsidentschaftskandidaten, die in der Zwischenzeit Bewegungen oder Parteien gebildet haben, an)." Siehe Dossier: "Assassinat de Hachani" auf der Website von algeria-watch unter :
http://www.algeria-watch.de/farticle/hachani/hachani0.htm

 

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