Wurde der Sohn von Ali Benhadj vom Geheimdienst entführt?

Algeria-Watch, 16. Oktober 2006

Am 1. Oktober 2006 verschwand Abdelkahar Benhadj, der jüngste Sohn von Ali Benhadj, Vizepräsident der seit 1992 verbotenen FIS (Front islamique du Salut, Islamische Rettungsfront). Er hatte um 4 Uhr 30 in der Früh das Haus verlassen, um das Morgengebet in der naheliegenden Moschee in Kouba, Algier, zu verrichten. Er wurde weder dort gesehen, noch kam er nach Hause zurück. Die Familie suchte ihn vergeblich bei Freunden, in Krankenhäusern und Polizeistationen. Am 4. Oktober wurde sein Verschwinden bekannt gegeben.
Sein Vater Ali Benhadj war Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre der populärste Imam Algeriens. Als mit der Einführung des Pluralismus 1989 neben der FLN andere Parteien zugelassen wurden, gründete er mit anderen Islamisten die FIS. 1991 führte die FIS-Führung einen Generalstreik durch, um u.a. vorgezogene Präsidentschaftswahlen zu fordern. Der Protest wurde gewaltsam beendet, und Benhadj wurde zusammen mit dem Vorsitzenden der Partei Abassi Madani festgenommen und zu 12 Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung im August 2003 erhielt er die Auflage, keine politischen Erklärungen abzugeben und keinen politischen Tätigkeiten nachzugehen. Ali Benhadj wurde 2005 im Zusammenhang mit der Entführung und Ermordung zweier algerischer Diplomaten im Irak ein zweites Mal inhaftiert. Ihm wurde "Apologie von terroristischen Taten" vorgeworfen. Seine kritische Haltung zum algerischen Regime hat er im Gegensatz zu vielen seiner Parteigenossen beibehalten. Insbesondere verurteilt er die Regierungspolitik der "Versöhnung", die in seinen Augen ausschließlich als ein Sicherheitsproblem behandelt wird. Er fordert Verhandlungen zwischen den politischen Akteuren, vorausgesetzt, dass die den verurteilten FIS-Mitgliedern gemachten Auflagen aufgehoben werden.

Ali Benhadj erklärte am 4. Oktober im Zusammenhang mit dem Verschwinden seines 18-jährigen Sohnes, es handele sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Entführung, die vom algerischen Geheimdienst DRS angeordnet wurde. Wenn seine Vermutung sich bestätigen sollte, mache er den Staat dafür verantwortlich. Er sieht darin einen weiteren Versuch, auf ihn Druck auszuüben aufgrund seiner politischen Positionen. Er nimmt an, dass von offizieller Seite behauptet werden wird, Abdelkahar sei in die Berge gegangen und habe sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen. Und er befürchtet zudem, bald erfahren zu müssen, sein Sohn sei während eines Zusammenstoßes mit Sicherheitskräften umgekommen, obwohl er in Wirklichkeit liquidiert wurde.

Und prompt berichtet die algerische Zeitung Liberté vom 8. Oktober, dass "gut unterrichtete Kreise" die Anwesenheit von Abdelkahar in Boumerdes gemeldet hätten. "Islamisten der Region haben die Familie Benhadj darüber informiert, dass ihr Sohn sich einer lokalen GSPC-Gruppe angeschlossen hat". Vater Benhadj soll demnach gewusst haben, dass sein Sohn zu den Kämpfern ging, aber die Verantwortung den Sicherheitskräften zugeschrieben haben, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken. Dieser dementierte, etwas darüber gehört zu haben. Er gab an, bei der Polizei gewesen zu sein, um sich über den Verbleib seines Sohnes zu erkundigen und eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Diese habe ihm versichert, nichts über seinen Verbleib zu wissen.

Bezüglich der Frage, warum Benhadj sich in den Vordergrund stellen wolle, berichten El Watan und Liberté, dass er in der politischen islamistischen Szene marginalisiert wurde. "Als knochenharter Salafist, der seine Ablehnung für jede Politik der Versöhnung oder des Dialogs geäußert hat, ist Benhadj schnell von den Verantwortlichen der aufgelösten Partei, die aus dem Exil zurückkehrten, nachdem sie im Rahmen der Friedenscharta von den Behörden 'reingewaschen' worden waren, isoliert worden", heißt es in der El Watan vom 9. Oktober. Damit ist vor allem die stark mediatisierte Rückkehr von Rabah Kebir gemeint, der mit einigen seiner treuen Anhänger am 18. September nach 14 Jahren Exil feierlich von den algerischen Medien empfangen wurde.

Rabah Kebir soll offensichtlich der gescheiterten Versöhnungspolitik neuen Auftrieb verleihen. Seit Ende August wartet die Öffentlichkeit auf die angekündigte Bilanz des sogenannten "Amnestiegesetzes". Unterschiedliche Kreise kritisieren das im Februar erlassene Gesetz, das entgegen den Versprechungen weder Frieden noch Versöhnung , herbeiführt, sondern das Diktat des Schweigens auferlegt.

Bestechung und Repression sind die Mittel, die individuell angewandt werden, um einen Schlussstrich unter 14 Jahre Terror zu ziehen.
R. Kebir spielt eine wesentliche Rolle in diesem Szenario: Er hatte sich von der Position der meisten FIS-Führer distanziert, als er 1997 den einseitigen Waffenstillstand des bereits vom DRS kontrollierten AIS, dem bewaffneten Arm der FIS unterstützte, 2004 für die Wiederwahl von Bouteflika sich einsetzte und schließlich dessen Versöhnungspolitik guthieß. Während das Gesetz, das die "Versöhnungspolitik" begleitet, den ehemaligen FIS-Kadern jede politische Betätigung oder Äußerung verbietet, scheint Rabah Kebir nicht davon betroffen zu sein. Er kehrte nach Ablauf der Frist für "Reumütige" zurück, und keiner weiß, was aus seinem Todesurteil geworden ist. Doch sobald er am Flughafen von Algier landete, erklärte er, dass "wir niemals auf unsere politischen Rechte verzichten werden".

Sollen, wie die französische Zeitung Libération vom 11. Oktober schreibt, die Widersprüche zwischen den ehemaligen Gesinnungsgenossen der FIS durch ihre unterschiedliche Behandlung von Seiten der Regierung vertieft werden? Wie die Zeitung zurecht bemerkt, hat allerdings ein Rabah Kebir lange nicht die Mobilisierungskraft eines Ali Benhadj, der weiterhin von vielen als integrer Mann angesehen wird, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Entführung des Sohnes von Ali Benhadj verfolgt möglicherweise das Ziel, ihn zum Schweigen zu zwingen, damit er die "neue Legitimität" der Kebir-Fraktion nicht untergräbt.

Es bleibt zu hoffen, dass bei diesen "schmutzigen" Manövern das Leben des jungen Abdelkahar Benhadj nicht aufs Spiel gesetzt wird und von staatlicher Seite alles dafür getan wird, um seinen Verbleib zu ermitteln.

 
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