Algeria-Watch  
   

Salah-Eddine Sidhoum ist frei

Algeria-Watch, Januar 2004

Salah-Eddine Sidhoum ist orthopädischer Chirurg und langjähriger Menschenrechtsaktivist. Aufgrund seines Engagements wurde er vom Staat verfolgt. Wir berichteten in der letzten Ausgabe ausführlich über seine Situation: Der algerische Geheimdienst versuchte ihn 1994 zu entführen, um ihn zu liquidieren. Schließlich konstruierten die algerischen Sicherheitsdienste 1994 eine fiktive, aus Ärzten bestehende Terrorzelle, der Sidhoum angehören sollte. Kollegen von ihm wurden festgenommen und brutal gefoltert. Manche von ihnen blieben drei Jahre in Untersuchungshaft, bevor sie schließlich frei-gesprochen wurden. Sidhoum tauchte zu diesem Zeitpunkt ab, führte aber seine Aktivitäten als Men-schenrechtsaktivist fort. In den letzten Jahren arbeitete er verstärkt mit Algeria-Watch zusammen. 1997 wurde er in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Zu Beginn des Jahres 2003 entschloss sich der Menschenrechtler, seine Rückkehr in die Legalität vorzubereiten. Er beabsichtigte, sich der algerischen Justiz zu stellen. Mit der Unterstützung eines internationalen Komitees, das seine Freilassung forderte, wurde die öffentliche Meinung über sein Schicksal informiert.

Am 29. September 2003 präsentierte sich der Chirurg in Begleitung mehrerer Anwälte und Menschenrechtlern der algerischen Staatsanwaltschaft und begann gleichzeitig einen Hungerstreik. Als er erwartungsgemäß in Untersuchungshaft genommen wurde, ließ ihn der Gefängnisdirektor von Serkadji, als er von dem Hungerstreik erfuhr, in einen Kerker einsperren. Salah-Eddine Sidhoum beschloss, auf diese Sanktion mit der Verweigerung der Flüssigkeitsaufnahme zu antworten.

Eine internationale Kampagne wurde in Gang gesetzt, um seine Rechte als politischer Häftling und einen fairen Prozess in Anwesenheit von internationalen Beobachtern zu fordern. Es blieb nur sehr wenig Zeit, da er sehr schnell in Lebensgefahr geriet. Viele internationale Menschenrechtsorganisationen (Amnesty International, Human Rights Watch, FIDH) und Institutionen, Juristenverbände, politische Verantwortliche und Europaabgeordnete setzten sich für ihn ein. Obwohl von Seiten der Sicherheitsdienste starker Druck auf die algerische Presse ausgeübt wurde, um die Meldungen über seinen Hungerstreik und die Solidarität von außen zu unterbinden, haben manche Zeitungen über seine Lage berichtet. Die Kampagne erhielt binnen weniger Tage eine große Bedeutung und schien die algerischen Verantwortlichen in Verlegenheit zu bringen. Sie sahen sich offensichtlich gezwungen, schnell zu reagieren, bevor der Fall noch größere internationale Wellen schlagen konnte.
Nach neun Tagen Hungerstreik ohne Flüssigkeitsaufnahme, erlitt Salah-Eddine Sidhoum einen Zusammenbruch. Er wurde in die Krankenstation des Gefängnisses verlegt und an den Tropf gehängt. Als der willensstarke Mann wieder zu sich kam, beschloss er, seinen Hungerstreik fortzuführen, wobei er allerdings auch Wasser zu sich nahm.

Völlig unerwartet legte das Gericht den Prozesstermin auf den 16. Oktober 2003. Trotz der Zeitknappheit nahmen drei, von verschiedenen Organisationen beauftragte Beobachter an der Verhandlung teil. Etwa 40 Rechtsanwälte übernahmen die Verteidigung Sidhoums, mehr als ein Dutzend hielt ein Plädoyer. In aller Offenheit wurden die Praktiken des Geheimdienstes verurteilt, die darauf abzielten, Sidhoum als „Terroristen“ zu stigmatisieren bzw. zu liquidieren. Das Gericht stellte schließlich seine Unschuld fest und sprach ihn frei. Salah-Eddine Sidhoum konnte als freier Mann nach Hause gehen. Seitdem hat er seine Aktivitäten der Sammlung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen wieder aufgenommen und zu verschiedenen Themen Stellung bezogen.
Ende Oktober veröffentlichte Algeria-Watch einen Bericht über Folter, geheime Haftzentren und die Organisation der Mordmaschine in Algerien, der in Zusammenarbeit mit Salah-Eddine Sidhoum verfasst wurde. Kurz nach der Veröffentlichung bekam der in Algier ansässige Arzt Besuch von Gendarmen, die ihm eine Vorladung überreichten. Da darin kein Grund angegeben wurde und zudem die Aufforderung nicht von der zuständigen Polizeibehörde stammte, kam Sidhoum der Vorladung nicht nach.
Dank der internationalen Mobilisierung ist die Situation des Menschenrechtsverteidigers Salah-Eddine Sidhoum vorerst geklärt. Es bleibt zu hoffen, dass er seinen Beruf als Chirurg wieder aufnehmen und seinen Aktivitäten als Menschenrechtler nachkommen kann.

 
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