Analysen  
   

Präsidentschaftswahlen in Algerien

Die Junta und die französisch-amerikanischen Rivalitäten

Salima Mellah, Algeria-Watch, Februar 2004

Am 8. April 2004 sind in Algerien Präsidentschaftswahlen geplant. Während die Armeeführung ihre Neutralität beteuert und keinen Kandidaten zu favorisieren vorgibt, rufen die Demokraten nach ihr, um ein zweites Mandat des jetzigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zu verhindern. Die Kontrahenten wappnen sich für eine Schlacht, deren Ausgang in den Augen der meisten Algerier indes zuallerletzt von der algerischen Bevölkerung bestimmt wird.

Seit Jahren macht die private Presse Stimmung gegen den amtierenden Präsidenten Abdelaziz Bouteflika und fordert seinen Rücktritt. Je mehr Bouteflika seine Macht ausbaute, desto lauter wurde die Kritik. Einer der Hauptvorwürfe bezieht sich auf die Politik der "zivilen Eintracht", die ihrer Meinung nach einer Amnestierung der "Terroristen" gleichkam. Diese Darstellung unterschlägt aber, dass der omnipräsente Geheimdienst DRS das Gesetz initiierte und dessen Ausführung unter seiner strengen Aufsicht stand. Bouteflika übernahm allerdings die politische Verantwortung für diese Operation, die vor allem eine Rehabilitierung der in die bewaffneten Gruppen eingeschleusten Agenten bezweckte.

Diese Opposition gegen Bouteflika ist umso unverständlicher, als er, der im April 1999 von der Militärführung designiert wurde, nach seiner Wahl von einem Großteil der politischen Klasse und der privaten Presse gefeiert wurde. Seit Monaten wird über einen vermeintlichen Machtkampf zwischen dem Präsidenten und der Armeeführung spekuliert. Letztere soll ihm ihr Vertrauen aufgekündigt haben, nachdem er des öfteren zu verstehen gab, dass er über die Straflosigkeit ihrer Verbrechen entscheiden könne. War er nicht der erste Verantwortliche, der den Abbruch der Wahlen im Januar 1992 als einen Akt der Gewalt bezeichnete? War es nicht er, der von 100 000 Toten und 10 000 Verschwundenen gesprochen hat? Er gab zwar unmissverständlich zu verstehen, dass er die vorgezeichnete "rote Linie" nicht überschreiten wolle – darunter ist zu verstehen, dass er die Junta vor den gegen sie erhobenen massiven Anschuldigen stets in Schutz nehmen wird, was er auch gelegentlich unter Beweis stellte –: Doch kann die Militärführung sich weiterhin darauf verlassen?

Bouteflika, der starke Mann im Land?

Bouteflika weiß, dass er seinen Posten den Militärs zu verdanken hat. Mit der bevorstehenden Präsidentschaftswahl will er diese fehlende Legitimität erlangen und sich etwas von der Militärführung emanzipieren. Er hat nicht nur den mächtigen staatlichen Verwaltungsapparat hinter sich, der für die Organisation der Wahlen verantwortlich sein wird, sondern kontrolliert auch die staatliche Rundfunk- und Fernsehanstalt. Allerdings festigt Bouteflika seine Macht nicht allein durch seinen Einfluss auf die staatlichen Institutionen. Er scheut auch nicht davor zurück, ungenehme Stimmen zu knebeln. Ob Journalisten oder Gewerkschafter, die Festnahmen und Vorladungen haben in den letzten Monaten rasant zugenommen.

Bouteflika versteht es zudem, sich Popularität zu verschaffen, indem er sich bei zahlreichen Besuchen von Städten im Landesinneren spendabel zeigte und viele Millionen Dinar für soziale Projekte, Wohnungsbau und dergleichen verteilte. Sein besonderes Interesse galt auch den mächtigen und einflussreichen religiösen Bruderschaften (sauia), die bereits ankündigten, den Präsidentschaftskandidaten mit ihrer Unterstützung zu honorieren. Und lange bevor er um die Gunst seiner Wähler warb, hatte er bereits die des Westens und vieler anderer Länder für sich gewonnen. Seinen geschickten diplomatischen Bemühungen ist zu verdanken, dass die Zurückhaltung der ausländischen Partner, mit einem Terrorregime offen zu verhandeln, nachgelassen hat. Mittlerweile können beispielsweise Waffenverkäufe an den algerischen Staat in hemmungsloser Offenheit getätigt werden.

Die Opposition der "Demokraten" stellt an sich keine große Gefahr für Bouteflika dar, zumal er sich der Unterstützung einiger Parteien sicher sein kann. Den wichtigsten Beistand findet er sicherlich in der RND [1] und ihrem Vorsitzenden Ahmed Ouyahia, der im Mai 2003 neuer Regierungschef wurde. Der ehemalige Justizminister gilt als ein Mann des Militärs und ist in der Bevölkerung sehr unbeliebt. Darüber hinaus sind große Teile der FLN ihm gegenüber loyal geblieben, trotz der momentanen Konflikte innerhalb der Partei. Indessen zeigte Bouteflika im Umgang mit der islamistischen Bewegung besondere Geschicklichkeit: Während die legalen islamistischen Parteien El Islah und MSP (Mouvement pour la société de la paix) an den Regierungsgeschäften beteiligt wurden, ist die verbotene FIS (Front islamique du salut) noch weiter ins Abseits gedrängt worden. Nach der im Juli 2003 erfolgten Freilassung ihrer beiden Führer Abbassi Madani und Ali Benhadj, die seit 1991 im Gefängnis saßen, war über eine mögliche Neuorganisierung der Partei spekuliert worden. Doch die extreme Repression seit 1992 führte zur Verfolgung Hunderter ihrer Kader und zur Auflösung der Parteistrukturen. Daraus resultierten stark divergierende Positionen innerhalb der FIS bezüglich dem Verhältnis zum Militär, zu Bouteflika, den Wahlen usw. Der Einzige, der die Reihen der FIS zusammenschließen konnte und gute Beziehungen zu einem Großteil der Opposition pflegte, war Abdelkader Hachani. Aus eben diesem Grund wurde er im November 1999 ermordet. Heute weiß niemand, welches Gewicht die FIS in der Bevölkerung noch hat. Von offizieller Seite wird alles getan, um die Partei daran zu hindern, sich neu zu organisieren: die strengen Auflagen, die den beiden Führern und anderen Verantwortlichen der FIS auferlegt wurden, hinderten sie daran, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, geschweige denn Versammlungen abzuhalten. Den Machthabern, d.h. der Militärführung, ist es zudem gelungen, die Gegensätze zwischen denjenigen, die Bouteflika unterstützen, und deren Kontrahenten zu verschärfen. Während die FIS im April 1999 ihre Anhänger dazu aufrief, für Ahmed Taleb Ibrahimi – einen der sieben Kandidaten, die ihre Kandidatur einen Tag vor Wahl des Präsidenten geschlossen zurückzogen – zu stimmen, scheinen die Verantwortlichen der FIS mittlerweile nicht mehr eine kohärente und gemeinsame Strategie verfolgen zu können.

Die Kabylei ist ein weiterer Schauplatz zugespitzter Auseinandersetzungen mit der Regierung. Die stark vom Geheimdienst infiltrierte Protestbewegung ist in Befürworter und Gegner von Verhandlungen gespalten. Ausgerechnet im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen werden Gespräche aufgenommen und eine Reihe von Forderungen der im Juni 2001 erarbeiteten Plattform von El-Kseur (Rückzug der Gendarmen aus der Kabylei, strafrechtliche Verfolgung der Sicherheitskräfte, die während der Revolten getötet und gefoltert haben, Anerkennung von Tamazight als nationale und offizielle Sprache usw.) angenommen. Der Regierungschef akzeptierte sogar, die 2002 gewählten Kommunalvertreter abzusetzen, was einem Verfassungsbruch gleichkommt und die Legitimität der von der Regierung durchgeführten Kommunalwahlen untergräbt. Unterdessen wird der Protest dieser gewählten Vertreter laut, insbesondere der FFS (Front des forces socialistes), einer der ältesten Parteien Algeriens, die vor allem in der Kabylei über eine starke Wählerschaft verfügt und dem Wahlboykottaufruf der Protestbewegung von 2002 nicht gefolgt war. Will die Regierung, indem sie auf diese Forderung der Protestbewegung eingeht, diese von einem erneuten Boykott in der Kabylei abbringen? Oder will sie die FFS noch stärker marginalisieren, da diese sich für einen Aufschub der Präsidentschaftswahlen ausgesprochen hat? Knapp zwei Monate vor der Abstimmung wurden die Verhandlungen zwischen der Regierung und Vertretern der Protestbewegung abgebrochen, denn die Offizialisierung von Tamazight soll erst nach der Durchführung eines Referendums erfolgen, eine Bedingung, die die Protestbewegung ablehnt. Diese explosive Situation, Resultat der Winkelzüge und Intrigen, kann jedenfalls jederzeit in eine Revolte umschlagen und von den Kräften instrumentalisiert werden, die an Chaos interessiert sind, um ihren Machtanspruch zu rechtfertigen.

Wenn Kandidaten um die Gunst des Militärs ringen

Die Armee hat über ihren Oberbefehlshaber General Mohamed Lamari schon im Juni 2003 angekündigt, sie würde sich in diese Wahl nicht einmischen und jeden Kandidaten akzeptieren, sei er auch ein Islamist. Diese Ankündigung scheint merkwürdigerweise von den meisten algerischen Kommentatoren und Politikern ernst genommen worden zu sein, und so befürchten und erwarten sie die Wahlfälschung diesmal nicht auf Anweisung der Militärspitze, sondern durch den Zugriff des staatlichen Verwaltungsapparats, der von Präsident Bouteflika kontrolliert wird. Doch ist die Armee wirklich neutral? Nichts ist weniger sicher!

Nach außen hin scheint sich ein Großteil der politischen Klasse gegen Bouteflika zu verbünden. Selbst in den eigenen Parteireihen erhebt sich eine starke Opposition gegen ihn. Die ehemalige Einheitspartei FLN, die Bouteflika unterstützt hatte und über die Mehrheit der Parlamentssitze verfügt, wird in der Auseinandersetzung zwischen ihm und Ali Benflis, seinem ehemaligen Wahlkampagnenleiter, späteren Regierungschef und heutigen Kontrahenten, schon seit über einem Jahr zerrieben und steht vor einer Spaltung oder gar Implosion. Auf dem letzten Parteikongress im März 2003 wurden Benflis immense Befugnisse übertragen und seine Kritiker aus der Parteiführung entfernt. Auf einem Sonderkongress im Oktober wurde Benflis schließlich zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt. Dies brachte das Fass zum überlaufen und veranlasste die Anhänger Bouteflikas vor Gericht zu ziehen, um die Entscheidungen des Parteikongresses annullieren zu lassen. Am 30. Dezember 2003 entschied die Justiz die Aktivitäten der FLN "einfrieren" zu lassen, was einer Suspension der Partei gleichkommt. Infolgedessen wurden die Tätigkeiten des Parteivorsitzenden Benflis und seiner Anhänger gesetzeswidrig. Nachdem die FLN-Minister längst ersetzt worden oder zurückgetreten waren, verlagerten nun die FLN-Abgeordneten, die sich inzwischen nicht der Bouteflika-Linie angeschlossen hatten, ihren Protest auf die Strasse, wo sie von Sicherheitskräften gewaltsam bedrängt und sogar verprügelt wurden. Obwohl lange darüber spekuliert wurde, ob Benflis der Favorit der Armeeführung ist, schwieg letztere zu diesen schwerwiegenden Vorfällen. General Mohamed Lamari bekräftigte Anfang Januar 2004 in einem Editorial der Armeezeitung El Djeich erneut die Neutralität der militärischen Institution.

Während der Kampf zwischen Benflis und Bouteflika noch tobte, traf sich eine Gruppe von Persönlichkeiten aus der Politik, um eine "Front gegen Bouteflika" zu bilden. Dieser Zusammenschluss in der "Gruppe der 11" rief einige Verwunderung hervor, da sich langjährige Befürworter eines Dialogs mit den Islamisten (Ali Yahia Abdennour, Vorsitzender der Menschenrechtsliga LADDH; Mouloud Hamrouche, Regierungschef von 1989 bis 1991) mit den radikalsten Vertretern des "totalen Krieges" (Saïd Sadi, Vorsitzender der RCD, der sich sehr früh für die Bildung von Milizen einsetzte; Redha Malek, der 1993 als Regierungschef mit seinem Satz berühmt wurde: "Die Angst muss das Lager wechseln", womit er die intensive Repression gegen die Islamisten ankündigte und legitimierte) zusammenschlossen.

Die 11 Männer, darunter einige Präsidentschaftskandidaten, ehemalige Regierungschefs und amtierende Parteivorsitzende [2] , veröffentlichten am 13. Januar 2004 eine Erklärung, in der sie die Monopolisierung und Instrumentalisierung des Verwaltungsapparats, der Justiz und der staatlichen Medien durch Bouteflika verurteilen und in Kontrast zur Neutralitätsbekundung der Armee stellen. Sie fordern den Rücktritt der Regierung und die Ernennung eines Übergangskabinetts, das die Wahlen vorbereitet, sowie eine Kontrolle über die Administration ausübt. Die gesamte Presse verstand die Initiative dieser Männer als einen Appell an die Armeeführung, für transparente Wahlen zu sorgen. Die Antwort der Militäroberen ließ nicht lange auf sich warten. Oberbefehlshaber General Mohammed Lamari gab zu verstehen, dass die Armee sich zwar von der Politik zurückgezogen habe, aber im Falle einer Destabilisierung des Landes sicherlich eingreifen werde. Er verlangte allerdings Beweise für die Anschuldigungen der "11", gab seinem Erstaunen Ausdruck,, dass ausgerechnet diejenigen, die immer den Rückzug der Armee gefordert haben, letztere nun zum Eingreifen aufrufen. [3] Da die "11" unrealistische Forderungen wie die Absetzung des Regierungschefs und des Innenministers stellen, meinen manche Beobachter, dass dieser Zusammenschluss der Kandidaten sich die Option offen hält, das Szenario von 1999 zu wiederholen, nämlich sich in letzter Minute geschlossen von der Wahl zurückzuziehen, um so Bouteflika seinen "Sieg" zu nehmen. Ob dieser Zusammenschluss jedoch bis zur Präsidentschaftswahl bestehen wird, ist nach dem Rückzug von Mouloud Hamrouche aus der Gruppe und als Präsidentschaftskandidat mehr als unsicher. Der ehemalige Militär, der für die Reformpolitik der kurzen demokratischen Phase von September 1989 bis Juni 1991 steht, sieht eine Fälschung vorprogrammiert. Indessen entschloss sich die islamistische Partei MSP, die sich eine Beteiligung an der Gruppe noch offen hielt, Bouteflika zu unterstützen. Während dessen überreichte die „Gruppe der 11“ der Regierung, der Armee und den internationalen Institutionen ein Memorandum, das die politische Praxis Bouteflikas verurteilt, der die staatlichen Institutionen und die Justiz monopolisiere.

Doch es sind nicht nur die Republikaner und Demokraten die der Armee Garantien geben wollen. Der Vorsitzende der verbotenen FIS Abbassi Madani, der nach Malaysia reiste, startete Mitte Januar von Katar aus, wo er sich mittlerweile aufhielt, eine persönliche "Initiative" zur Lösung der Krise. Der vorgestellte "Stufenplan" sieht eine Reihe von Maßnahmen zur Schaffung des Friedens und zur Regelung der politischen Krise vor, darunter die Beendigung aller Kämpfe, die Aufhebung des Ausnahmezustandes und das Ausrufen einer "Generalamnestie für alle Opfer der Tragödie". [4] Diese Forderungen sind nach Meinung vieler Beobachter nichts anderes als ein Angebot an das Militär, alle Verantwortlichen des Konfliktes, die seit dem Putsch 1992 Verbrechen verübt haben, freizusprechen und jede Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit aufzugeben. Seit Monaten bemüht sich die Regierung anhand der schmerzlichen Frage nach dem Schicksal der Tausenden von Verschwundenen, eine praktische Lösung zu suchen, ohne dass die Schuldigen benannt und vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden. Ein solcher Vorstoß der Opposition kommt ihr sicherlich entgegen, und es wird deshalb vermutet, dass Abbassi Madani dieses "Angebot" nicht alleine machen konnte und in Absprache mit dem Establishment agierte.

Die "Initiative" wurde von der politischen Klasse in Algerien nicht aufgegriffen und nicht diskutiert. Offensichtlich marginalisiert hat Abbassi Madani einen Meinungsumschwung vollzogen und erklärte kürzlich, dass der im April zu wählende Präsident die Gunst der Armee erhalten und das Land noch tiefer in die Gewalt ziehen werde. [5] Es bleibt allerdings weiterhin offen, ob Abdallah Djaballah, Vorsitzender der islamistischen Partei El Islah, aufgrund der herrschenden Konfusion in den Reihen der ehemaligen FIS zum Favoriten der islamistischen Wählerinnen und Wähler werden wird. Er selbst sieht sich jedenfalls als wichtigsten Gegner von Bouteflika.

Die Präsidentschaftswahlen und die französisch-amerikanische Rivalität

Die Armeeführung will ihre Verbrechen vergessen machen und diese Wahl soll ihr die Möglichkeit bieten, sich ungestraft zurückzuziehen und zugleich ungestört ihren dunklen Geschäften nachgehen zu können. Ihr Szenario wird von diesem Ziel bestimmt sein. Und dies bedeutet, dass sich die Putschistengeneräle in der Tat noch nicht endgültig auf Bouteflika festgelegt haben, da sie sich seiner nicht sicher sein können und zudem sich untereinander nicht einig sind. Das anfängliche Gleichgewicht zwischen dem Präsidenten und den Putschisten hat sich nicht zuletzt aufgrund der internationalen Lage verschoben. Der Druck von außen, ausgehend auch von den USA, zum "präsentablen" Partner zu werden, ist nicht zu unterschätzen.

Dank seiner diplomatischen Talente hat Bouteflika Algerien auf der internationalen Bühne wieder salonfähig gemacht. Und das Land ist noch viel stärker ins Zentrum der französisch-amerikanischen Konkurrenz gerückt. Noch bestimmt Frankreich in großem Maße die europäische Politik gegenüber seiner ehemaligen Kolonie, d.h. auch die Deutschlands. Im traditionellen Hinterhof der französischen Interessen hat die ehemalige Kolonialmacht die algerischen Putschisten stets unterstützt. Zu wichtig sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Doch darüber hinaus besteht ein umfängliches und komplexes Geflecht aus historischen, persönlichen, geheimdienstlichen und korrupten Beziehungen, die weite Teile der französischen Politik, Medien, Wirtschaft und Kunst durchziehen und mit den algerischen Generälen unauflöslich verflochten sind. In beiden Ländern gibt es starke Lobbys, die von der sogenannten "Françalgérie" profitieren und jede Veränderung zu blockieren versuchen. Die Widerstände sind umso größer, als die USA, nicht nur im Maghreb, immer massiver in französisches Einflussgebiet eindringen. "Seit Mitte der 90er Jahre verdichteten sich signifikant die Besuche von US-Politikern; US-Unterstaatssekretär für Nahostangelegenheiten Martin Indyk sprach anläßlich seines ersten Besuchs in Algier (14.3.1998) nicht nur davon, daß 'Algerien (für die USA) mehr als nur Erdöl habe', er betonte vielmehr, daß die USA auf dem algerischen Markt verstärkt in direkte Konkurrenz zu Frankreich, dem traditionellen Haupthandelspartner, treten wolle." [6]

Algerien entwickelte seine Beziehungen zu den USA schon in den achtziger Jahren, doch in jüngster Zeit erhielten sie einen qualitativen und quantitativen Schub [7] : Im Erdöl- und Erdgassektor dominieren die amerikanisch-britischen Firmen. Amerikanische Militärbasen sollen im Süden des Landes installiert werden und ein Beitritt Algeriens zur NATO wird ernsthaft in Erwägung gezogen. Dass die USA nach stärkerem Einfluss streben, entspricht ihrer geopolitischen Strategie, der zufolge Algerien zu den "Schlüsselstaaten" gehört, d.h. zu den besonderen Kandidaten im neuen Kooperationsprogramm mit dem Mittleren Osten. Dieses Programm, das der langfristigen Sicherung der US-Interessen in der Region dient, umfasst nicht nur ökonomische Reformen wie den Abbau des Staatssektors – daher der Druck auf die algerische Regierung, die größte afrikanische Ölgesellschaft, Sonatrach, endlich zur Privatisierung freizugeben –, sondern auch die Förderung der Bildung und der Zivilgesellschaft. So wurden bereits algerische Militärs und Juristen in die USA geschickt, um dort ausgebildet zu werden, während Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen in Algerien für die Entwicklung einer nach US-Wünschen geformten "Zivilgesellschaft" eingesetzt werden.

Die Beziehungen mit den USA erlebten ihren bisherigen symbolischen Höhepunkt mit dem Besuch des amerikanischen Außenministers Colin Powell Anfang Dezember 2003. Er stellte erneut die Strategie der Bush-Regierung dar, die eine Veränderung der Politik in den Ländern des Maghreb und des Nahen Ostens anstrebt, um die "Wurzeln des radikalen islamischen Terrorismus" zu bekämpfen. [8] Mit dem Besuch des Unterstaatssekretärs Lorne Whitney Craner in Algier am 25. Januar 2004 erhielt die algerische politische Klasse eine praktische Lektion in Sachen Ausführung des amerikanischen Diktats. Der Politiker mahnte die algerischen Machthaber, transparente Wahlen durchzuführen, die Menschenrechte zu respektieren und sich für eine Aufarbeitung der Leiden der 90er Jahre im Sinne der Wahrheitsfindung und der Gerechtigkeit einzusetzen. Er versprach den Menschenrechtsorganisationen, vor Ort "konkret und diplomatisch" zu helfen und die bevorstehende Entwicklung genau zu verfolgen. Dies klingt wie eine Warnung an Frankreich, Algeriens Putschisten nicht mehr zu unterstützen. Doch angesichts der guten Beziehungen auf militärischer, strategischer und geopolitischer Ebene mit den USA, dürften wohl kaum die Menschenrechtsverletzungen der Junta als vielmehr die Garantie der US-Interessen das eigentliche Anliegen der USA sein.

Das Spiel ist aber noch nicht ausgemacht, und General Mohamed Lamari hat klar zu verstehen gegeben, dass die Armee alle Szenarien durchdacht hat und wachsam bleibt. Sollte dies ein Fingerzeig für Bouteflika sein, falls er sich nicht an ihre Spielregeln hält, die Auseinandersetzung auf die Strasse zu verlagern, um die Wahlen platzen zu lassen? Said Sadi und andere Mitglieder der Gruppe der 11 drohten vor kurzem mit diesem Szenario [9] , und Analysten verwiesen bereits auf das georgische Beispiel. [10] Während diese Perspektive durch den Abbruch der Verhandlungen der Regierung mit den kabylischen Vertretern ein Stück näher gerückt ist, meldet sich General Nezzar, einer der wichtigsten Protagonisten des Putsches von 1992 und ehemaliger Verteidigungsminister, mit einer scharfen Attacke auf Bouteflika zu Wort. Die Ende Januar erfolgte Festnahme von mehreren mutmaßlichen Mitgliedern der GSPC, die über ein großes Waffenarsenal verfügten, sei ein Beweis dafür, dass diese Terrorgruppe dank des für die Befreiung der in der Sahara entführten Touristen von der deutschen Regierung gezahlten Lösegeldes erstarkt sei. Es ist allgemein bekannt, dass die Geiselaffäre von den Geheimdiensten beider Länder beigelegt wurde. Doch General Nezzar, ein ausgemachter Bouteflika-Gegner, behauptet, der amtierende Staatspräsident habe die Lösung mittels eines Freikaufs der Geiseln favorisiert und somit die Sicherheit Algeriens aufs Spiel gesetzt. Dass General Nezzar Bouteflika der Unterstützung des Terrorismus bezichtigt, wobei er natürlich nicht versäumt, die Beziehungen der GSPC zu Al-Qaida hervorzuheben, und als Folge dieser großzügigen Alimentierung der Terroristen einen erneuten Ausbruch der Gewalt ankündigt, ist eine deutliche Warnung. [11] Wie schon 1997-1998 drohen die Konflikte zwischen den um die Macht buhlenden Militärclans im Spannungsfeld internationaler Rivalitäten um Einflusssphären und Energieressourcen in Algerien abermals ein Blutbad anzurichten. Und in der Tat wird seit Monatsbeginn die öffentliche Meinung mit ersten Bombenanschlägen auf die neue Welle des „Terrorismus“ vorbereitet.

 


[1] Rassemblement national démocratique: Diese Partei wurde zur Unterstützung von Ex-Präsident Liamine Zeroual 1997 gegründet und rekrutierte ihre Mitglieder vor allem aus den Reihen der FLN, von Milizionären und anderen mafiosen Kreisen.

[2] Ali Yahia Abdenour, Rachid Benyelles, Mouloud Hamrouche, Mokdad Sifi, Ahmed Benbitour, Cherif Belkacem, Malek Rédha, Ahmed Taleb Ibrahimi, Ali Benflis, Ahmed Dane, Saïd Sadi.

[3] Le Matin, 15. Januar 2004, L'Expression, 17. Januar 2004.

[4] Abbassi Madani, Initiative nationale populaire, 15. Januar 2004, www.moubadara.net.

[5] AFP, 7. Februar 2004.

[6] Sigrid Faath, Hintergründe und Ziele des Partnerschaftsprojektes USA-Maghreb, Wuquf, April 2000, http://www.wuquf.de/wuquf-online-analyse-4.pdf.

[7] Siehe Werner Ruf, Algier-Washington: Eine Beziehung der besonderen Art, Inamo, Herbst 2003, S. 19-22.

[8] El Watan, 6. Dezember 2003.

[9] Le Parisien, 27. Januar 2004 und Le Matin, 29. Januar 2004.

[10] Le Soir d'Algérie, 22. Januar 2004.

[11] Nezzar accuse Bouteflika, Le Soir d’Algérie, 3. Februar 2004.

 
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