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GIA: Bewaffnete Islamische Gruppen im Dienste der algerischen Sécurité militaire?

Algeria-Watch, März 2003

Wer entführte in Algier im Oktober 1993 drei französische Konsularfunktionäre, die nach vier Tagen freikamen und die Botschaft der Entführer übermittelten, dass alle Ausländer das Land ultimativ zu verlassen hätten?

Wer verübte im August 1994 einen Anschlag in der hochgesicherten Siedlung von Aïn Allah in Algier, bei dem drei französische Gendarmen und zwei Botschaftsangestellte ums Leben kamen?

Wer entführte am 24. Dezember 1994 in Algier ein Flugzeug der Air France, das in Marseille drei Tage später von einem französischen Sonderkommando gestürmt wurde?

Wer verübte zwischen dem 11. Juli und dem 17. Oktober 1995 5 Bombenanschläge in Frankreich, die acht Tote und 250 Verletzte verursachten?

Wer entführte im März 1996 die sieben französischen Trappistenmönche aus Tibhirin und ermordete sie?

Für all diese Anschläge bekannten sich die GIA (Groupes islamiques armés, bewaffnete islamische Gruppen), die für den Mord an Hunderten von Ausländern, Journalisten, Geistlichen, Frauen und Kindern verantwortlich gemacht werden.

Doch wer sind diese GIA?

Diese Gruppen erschienen im Laufe des Jahres 1993 wie aus dem Nichts, ihre Führer waren in der islamistischen Bewegung unbekannt. Verübten sie 1993 gezielte Anschläge auf Personen, die verdächtigt wurden, mit dem Regime zusammenzuarbeiten, änderten sich ihre Praktiken vollständig mit der Machtübernahme innerhalb der GIA von Djamel Zitouni (September 1994 - Juli 1996), der seine Angriffe auf die Zivilbevölkerung und seine Drohungen gegenüber Frankreich intensivierte. Die militärische Großoffensive gegen die Islamisten begann im Sommer 1994 und zeitgleich setzte sich eine terroristische Maschine in Gang, deren Gewalt eher den Zielen der Machthaber zu dienen schien, zumal viele Verantwortliche der FIS (Front islamique du salut, Islamische Rettungsfront) diesen Terror verurteilten. In vielen Fällen fragten sich Beobachter, ob diese Gruppen nicht vom algerischen Geheimdienst manipuliert oder gesteuert wurden.

Die harte Gangart des algerischen Regimes, das durch einen Militärputsch die Wahlen abgebrochen hatte und Tausende von Kader und Aktivisten der FIS - die die Wahl gewonnen hatte - einsperren, foltern und ermorden ließ, stieß nicht nur auf kritiklose Zustimmung in Europa und den USA.

Mitte 1994 Frankreich sich zwar für die Umschuldung der algerischen Auslandsschulden eingesetzt, doch standen der französische Präsident Mitterrand und andere Politiker den Initiativen der algerischen Opposition wohlwollend gegenüber: Unter der Schirmherrschaft der Sant Egidio Gemeinde hatten alle repräsentativen Oppositionsparteien sich erstmals im November 1994 getroffen, um im Januar 1995 eine Plattform zur Lösung der Krise zu veröffentlichen. Diese wurde von der algerischen Junta kategorisch abgelehnt. Das Regime schien für kurze Zeit isoliert. Die Propaganda des algerischen Staates und einiger algerischer Intellektuellen machte ausschließlich den "islamistischen Terrorismus" für die Gewalt verantwortlich, doch war die Unterstützung des Westens für das algerische Regime noch nicht gesichert. Zwar war keine Regierung an einer Machtübernahme der Islamisten interessiert, aber der Staatsterror konnte nicht übersehen werden: Das US-State Department veröffentlichte zu Beginn des Jahres 1995 einen für die algerischen Machthaber niederschmetternden Bericht über die Menschenrechtssituation in Algerien und die europäische Presse berichtete von etwa 1000 Todesopfer in der Woche.

Ausgerechnet dann wurde der Terrorismus nach Frankreich exportiert. Die GIA schlugen zu, erstmals mit der Flugzeugentführung Weinachten 1994 und schließlich mit den Anschlägen in Paris ab Juli 1995. Damit schlug die Position in Frankreich und Europa endgültig um.: Die europäische Politik und Öffentlichkeit wurden gleichgeschaltet und verbreiteten unhinterfragt die offizielle algerische Version eines Krieges der "Verrückte Gottes" gegen die Demokratie und die Freiheit. Das algerische Regime errang damit einen Sieg.

Nicht nur der Terrorismus wurde aus Algerien nach Frankreich exportiert, sondern auch die Methoden diesen zu bekämpfen: Männer, die an den Anschlägen beteiligt waren wurden festgenommen und trotz fehlender Beweise als alleinige Verantwortliche verurteilt. Der Prozess im Oktober 2002 in Paris zeigte, dass das Gericht Hinweise auf eine Verwicklung des algerischen Geheimdienstes in diesen Anschlägen nicht nachgehen wollte: Boualem Bensaïd, wurde für das schwerste Bombenattentat in der RER-Station von Saint-Michel in Paris (8 Tote und 150 Verletzte) zu lebenslänglicher Haft verurteilt, obwohl keine Beweise für seine Hauptverantwortung vorgebracht wurden. Der zweite Angeklagte, Smaïn Aït Ali Belkacem, wurde für zwei weitere Anschläge zur lebenslänglicher Haft verurteilt. Hinweise über Hintermänner der Taten lagen zwar vor, wurden aber aus dem Weg geräumt. Doch wen wundert es, wenn nicht nur die Rolle des algerischen Geheimdienstes, sondern auch des französischen fragwürdig ist? Letzterer soll Ali Touchent, Chef der GIA in Frankreich, der nach den Anschlägen 1995 nach Algerien floh und dort wahrscheinlich liquidiert wurde, schon früh identifiziert haben, ohne ihn festnehmen zu lassen. Die Frage nach den Gründen wurde vor Gericht nicht weiter erörtert.

Kurz nach dem Ende des Prozesses strahlte der französische Fernsehsender Canal+ eine Reportage von Romain Icart und Jean-Baptiste Rivoire über die Hintergründe der Anschläge in Frankreich aus. In "Attentats de Paris: on pouvait les empêcher" (Anschläge in Paris: man konnte sie verhindern) vertreten die zwei Journalisten die These, dass Djamel Zitouni vom algerischen Geheimdienst (DRS) [1] als Informant rekrutiert wurde. Als er schließlich zum Chef der GIA in Algerien avancierte benutzte der DRS ihn, um die Beseitigung der islamistischen Persönlichkeiten, die sich der GIA angeschlossen hatten, durchzuführen und den Terror in der Bevölkerung zu verbreitern. Umgeben von Agenten des DRS diente Zitouni und seine GIA der Strategie des Regimes, die darin bestand, durch Terroranschläge die französische Unterstützung zu erzwingen.

Die Schlussfolgerungen der beiden Journalisten basieren auf drei Jahre Recherchen und Gespräche, die sie mit diversen Akteure und Beobachter der algerischen und französischen Szene führten. Anhand des Skriptes dieses Filmes [2] stellen wir hier die Ergebnisse ihrer Untersuchung dar.

Bereits 1997 erschienen in der britischen Zeitung The Observer die ersten Enthüllungen eines ehemaligen Geheimdienstagenten [3] , der mitteilte, dass die algerischen Militärs ab 1992 eine radikale Strategie verfolgten, damit die Islamisten nicht an die Macht gelangen. Capitaine Hocine Ouguenoune erklärte später, dass Djamel Zitouni zum Instrument dieser Strategie wurde. Er soll 1991 in eines der Konzentrationslager eingesperrt worden sein, wo er vom Sicherheitschef des Lagers unter Druck gesetzt wurde, nachdem er bei homosexuellen Praktiken erwischt wurde. So wurde er gezwungen mit dem DRS zusammenzuarbeiten.

Die Zeitung Le Monde veröffentlichte kurz darauf die Aussagen eines anderen Offiziers [4] , der die Rekrutierung von Zitouni bestätigt: "Wir haben ihm geholfen, die Leitung der GIA zu übernehmen. Zitouni war derjenige, der uns in unserem Krieg gegen die GIA die wichtigste Information gab." Er bestätigt auch, dass der algerische Geheimdienst in den Anschlägen von Paris verwickelt ist: "Ich bestätige, daß die Attentate von Saint Michel [8 Tote und über 130 Verletzte, am 25. Juli 1995] und Maison-Blanche [13 Verletzte, am 6. Oktober 1995, am Tag der Beerdigung von Khaled Kelkal, Hauptverdächtiger des mißlungenen Attentates auf den TGV Paris-Lyon] auf Veranlassung des Service Action de la Direction Infiltration et Manipulation (DIM) der DRS verübt wurden, die von Mohamed Mediene, bekannter unter dem Namen "Toufik", und General Smain Lamari geführt werden."

Den beiden Journalisten gelingt es in der Reportage mit diesem Offizier, Colonel Ali, zu sprechen. Er verdeutlicht: "Derjenige, der die Existenz der islamischen bewaffneten Gruppen leugnet ist entweder böswillig, schlecht informiert oder manipuliert. Aber der zentrale Kern, die Gruppen der Region Mitte und West waren von Anfang an infiltriert und manipuliert. Zitouni ist, wie man sagt, ein schwarzes Schaf. Er war ein überzeugter Islamist aber er gab dem DRS strategische Informationen." Colonel Mohamed Samraoui, rechter Arm des Spionnagechefs (DCE: Direction du contre-espionnage), Smaïn Lamari, berichtet, dass Zitouni in der Kaserne ein und aus ging.

1994 sollte der zukünftige Chef der GIA, der bislang in der islamistischen Bewegung unbekannt war, durch spektakuläre Aktionen an die Spitze der Gruppen gehievt werden: Am 3. August 1994 werden 5 Franzosen in der gut bewachten Siedlung von Aïn Allah ermordet. Der algerische Sicherheitsdienst machte Zitouni dafür verantwortlich, was von der algerischen Presse und der französischen Nachrichtenagentur AFP unhinterfragt übernommen wurde. Capitaine Ouguenoune behauptet Colonel Bachir Tartag, langjähriger Chef eines der wichtigsten Folterzentren des DRS in Ben Aknoun, Algier, habe diesen Anschlag geplant.

Die nächste Etappe, erklärt uns Abbas Aroua, Verleger und Herausgeber einer Studie über die algerischen Massaker [5] , bestand darin, innerhalb der GIA einen Coup zu inszenieren, der Zitouni an die Spitze bringen sollte. Die Armee organisierte einen Hinterhalt, in dem Zitouni und seine Leutnants unter Beschuss gerieten. Alle wurden getötet außer ihn.

Der algerische Spionnagechef war zufrieden und erzählte gegenüber seinen französischen Kollegen über diese Operation. Ein Funktionär des französischen Verteidigungsministeriums bestätigt dies den beiden Journalisten: "Obwohl alles für den Hinterhalt gut organisiert wurde, und sie alle hätten töten können, wenn sie es gewollt hätten, haben sie diesen [Zitouni] willentlich nicht getötet, Aber als man mir dies erzählte, hat es mich nicht gewundert. Dass man einen Typen verschonte, weil man schon Kontakte zu ihm hatte und glaubte, er würde dann die Nachfolge antreten - was offensichtlich dann geschah - und umgänglicher sein, schien mir normal zu sein."

Mohamed Larbi Zitout, ehemaliger Diplomat der algerischen Botschaft in Libyen meint seinerseits: "Zitouni, vorher, das war Infiltration. Mit der Machtübernahme Zitounis ist es die totale Kontrolle der Generäle auf die GIA." Und ab dem Zeitpunkt wird die Zivilbevölkerung zum Opfer der Gewalt der GIA. Abbas Aroua erklärt, dass Zitouni alle Chefs im Maquis töten ließ und sie mit Agenten des Geheimdienstes ersetzt wurden. Die Führer der FIS, die im Gefängnis sind wurden symbolisch ausgeschlossen, und die Verantwortlichen im Ausland, wie Rabah Kebir in Deutschland und Cheikh Sahraoui in Frankreich, standen auf einer Abschussliste. Diese Liste, berichtet Colonel Ali wurde in der DRS-Kaserne von Ben Aknoun aufgestellt. "weil man ganz einfach, die sogenannten ,Intellektuellen der FIS' beseitigen musste."

Die Kommuniqués der GIA wurden von London aus an die Medien geschickt. Kamil Tawil, Journalist bei der großen arabischsprachigen Zeitung El-Hayat, bestätigt, dass sie in der Woche zwei bis drei Erklärungen der GIA erhielten, und diese ohne sie zu authentifizieren 10 Jahre lang veröffentlicht haben. Doch der DRS ging noch weiter: Er versuchte Offiziere zu rekrutieren, um die GIA zu unterwandern. Capitaine Ahmed Chouchane, Ausbilder in den Spezialkräften, wurde 1992 zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er nach dem Putsch 1992 nicht an der Repression teilnehmen wollte. Er erzählt, wie er bei seiner Haftentlassung entführt wurde. "Sie haben mich in das Folterzentrum von Ben Aknoun gebracht und da hat mir der General.... [6] angeboten mit ihm zusammenzuarbeiten. Colonel Tartag war auch da. Am Anfang haben sie mir angeboten, die islamistischen Führer, die im Untergrund waren zu liquidieren. Ich sagte ihnen, dass ich geglaubt hätte, sie würden mir die Liquidierung von Zitouni anordnen, oder von Personen, die sich zu der Ermordung von Kindern und Frauen bekannt haben. Bachir Tartag regte sich auf, er sagte mir: ,lass Zitouni in Ruhe, er ist unser Mann und du wirst mit uns zusammenarbeiten.'" Chouchane wird versuchen, Zeit zu gewinnen, um das Land zu verlassen.

Die beiden Journalisten erklären, dass Ende 1994 das Regime immer mehr Schwierigkeiten hatte, auf der internationalen Ebene Anerkennung zu finden. In Rom hatte die algerische Opposition zu einer Pressekonferenz aufgerufen. Alle Parteien, darunter auch die ehemalige Einheitspartei FLN und die FIS sahen einen Friedensprozess vor, der die Demokratie wiedereinführt und das Militär von den Schaltstellen beseitigt. Damit wurde klar, dass Algerien auch ohne die Generäle seinen Weg finden konnte, was diese sicherlich sehr beunruhigte. Und die Generäle werden Zitouni eine neue Aufgabe erteilen: in Europa zuschlagen.

Diese neue Radikalisierung begann mit der Entführung eines Flugzeuges der Air France am 24. Dezember 1994, eine Entführung, die bis heute nicht aufgeklärt wurde. Die Männer Zitounis sind problemlos in die Maschine eingedrungen, da das Gepäck und 63 Passagiere nicht kontrolliert wurden. Colonel Samraoui ist ganz kategorisch: "es war undenkbar, selbst eine Handwaffe durchzubringen. Doch diese Leute sind durchgegangen. Es gab sogar Sprengstoff. Es ist verdächtig."

Die algerische Regierung beabsichtigte die Geiselnahme selbst zu lösen und stieß auf Unverständnis auf französischer Seite, der nicht erlaubt wurde, einzugreifen. Der damalige Regierungschef Edouard Balladur telefonierte persönlich mit Präsident Zeroual und drohte ihm. Schließlich flog das Flugzeug nach Marseille, wo es gestürmt wurde. Alle Entführer wurden liquidiert aber ihre Identität ist bis heute nicht bekannt. Bis heute hat die algerische Regierung die Fragen des Antiterror-Richters Bruguière nicht beantwortet. Aber trotz der Entführung traf sich die Opposition im Januar 1995 in Rom und verabschiedete eine Plattform zur Lösung der Krise.

In Paris, Berlin und Washington wurde diese Initiative positiv aufgenommen. Das algerische Regime schien mit seiner Strategie des totalen Krieges gescheitert zu sein. Die Generäle hatten den Eindruck, von der internationale Gemeinschaft fallen gelassen zu werden. Ausrechnet zu diesem Zeitpunkt schlug die GIA in Frankreich zu.

Bereits am 15. Juni 1995 kündigte eine dem algerischen Geheimdienst nahen Zeitung, die Ankunft eines algerischen Kommandos in Frankreich an, um dort Anschläge zu verüben. Am 11. Juli wurde Cheikh Sahraoui, einer der Gründer der FIS in Paris ermordet. Am 25. ging die Bombe in der Metrostation Saint-Michel hoch. Die FIS verurteilte sofort diese Tat, die sie vor der internationalen Gemeinschaft diskreditieren würde. Im August erschien sogar ein Kommuniqué der GIA in das der französische Präsident, Jacques Chirac befohlen wurde, zum Islam zu konvertieren.

Die beiden Journalisten fragen sich, ob die ganze Sache nicht eine gigantische Manipulation war, zumal der Organisator der Anschläge in Paris, Ali Touchent, eine mysteriöse Gestalt ist. Dieser Leutnant von Zitouni rekrutiert junge Männer und trieb sie dazu, im Namen der GIA Anschläge zu verüben. Viele von ihnen wurden festgenommen, aber die Ergebnisse ihrer Verhöre waren eher dürftig. Jean Lebeschu, ehemaliger Angestellter des französischen Nachrichtendienstes wundert sich über die Festgenommenen: "Ich wunderte mich über das Verhalten dieser jungen Männer. (...) Es war ein kindliches Verhalten. Man hätten nie glauben können, dass diese Leute dem Netz der GIA angehörten. Ich denke, dass in der GIA sicherlich viel härtere Leute waren."

Diese härteren Männer, das sind u.a. Ali Touchent, der nie festgenommen wurde: 1993 während der großangelegten Operation Chrysanthème, dann 1994 in Belgien und schließlich 1995 nach der Anschlagsreihe, fielen die von ihm aufgebauten Netze eines nach dem anderen, aber er selbst wurde nie belangt. Der Rechtsanwalt von Boualem Bensaïd, Hauptangeklagter des schwersten der Anschläge, bemerkt dazu: "Jemand, der ein Mal, zwei Mal, drei Mal entweicht ist entweder sehr geschickt oder vorher von Leuten benachrichtigt worden, die wussten, dass es zu Festnahmen und Operationen der Polizei und der Justiz kommen wird. Um drei Mal zu entkommen, muss man vielleicht vorher informiert worden sein."

Für viele Spezialisten des Terrorismus ist Ali Touchent mindestens ein algerischer Geheimagent. Jean Lebeschu, ehemaliger Offizier im Nachrichtendienst ist überzeugt davon, dass "er unvermeidlich ein Agent [ist]. In Frankreich hat man auch solche Agenten gekannt, die ein Netz aufbauten und immer entkommen sind und wieder ein neues Netz aufgebauten. Meines Erachtens ist er ein Agent, anders ist es nicht zu verstehen..."

Ali Touchent verließ jedenfalls nach den Anschlägen Frankreich und suchte Zuflucht in Algerien. Drei Jahre später kündigten die algerischen Behörden seinen Tod an. Damit kann er nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Aber dieser Tod konnte nie bestätigt werden. In Wirklichkeit soll der französische Inlandsgeheimdienst (DST) ab 1995 gewusst haben, dass Touchent für den algerischen Geheimdienst arbeitete. Alain Marsaud, Richter und ehemaliger Chef des Antiterrorkampfes sagt dazu: "Es stimmt, dass die DST festgestellt hat, dass man beim Ausheben der Gruppen um Kelkal auf Agenten des algerischen Geheimdienstes stößt. Das war Grund genug besonders vorsichtig zu sein." Colonel Samraoui bestätigt seinerseits, dass Touchent ein Agent war.

Die zwei Journalisten, Icart und Rivoire, stellen an dieser Stelle die Frage, warum der algerische Geheimdienst diese Anschläge organisiert haben soll? Samraoui und Marsaud sind einer Meinung: Frankreich sollte in den Konflikt hineingezogen werden, zum Geisel werden. Der Richter erklärt: " Wenn man die Jahre 1983 bis 1990 erlebt hat, weiß man, dass der Staatsterrorismus etwas ganz Besonderes ist, er benutzt Scheinorganisationen. Man kann davon ausgehen, dass die GIA zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Scheinorganisation war, um den Krieg nach Frankreich zu bringen."

Demzufolge handelt es sich also nicht um einen blinden Terrorismus, sondern mit diesen Schlägen wurden der französischen Regierung Botschaften mitgeteilt. Diese verstand auch sehr wohl, dass sie einem Staatsterrorismus gegenüberstand. Marsaud berichtet: " Die DST hatte die Gelegenheit, der Regierung mitzuteilen, dass sie den Verdacht hegte. Es gab nicht die guten Algerier, die regieren und die Bösen, die Anschläge in Frankreich verüben, es war komplizierter."

Am 15. September lud der Innenminister Jean-Louis Debré, der im August von der DST über die mögliche Verwicklung des algerischen Geheimdienstes in dem Anschlag vom 25. Juli informiert worden war, Journalisten im Innenministerium ein. Dominique Gerbaud, Journalist, berichtet: "Er hat uns eine Sache gesagt, die uns gewundert hat, und zwar, dass er Zweifel in Bezug auf die Verantwortung derjenigen hegt, die die Anschläge verübt haben und er sich fragen würde, ob es sich nicht um eine Manipulation der algerischen Behörden handelt." Die Tageszeitung Le Monde wird am darauffolgenden Tag aus dieser Information ihre Hauptschlagzeile machen: "Die algerische Sécurité militaire wollte eine falsche Fährte legen, damit die Leute, die sie stören, beseitigt werden." Algier reagierte darauf sehr heftig. Debré hatte sehr bewusst diese Information gestreut, denn es gab keine Beweise für diese Manipulation, aber den Algeriern wollte er mitteilen, dass es Zweifel an der offiziellen Version gab.

Jean Lebeschu, ehemaliger Inspektor des französischen Nachrichtendienstes berichtet, dass vor jedem Attentat ein algerischer Offizier zu ihnen kam, und sie von dem bevorstehenden Anschlag informierte. "... er wurde nie festgenommen, nie wurde über ihn gesprochen, das bedeutet gewiss, dass er von unserer Hierarchie gedeckt wurde, er gehörte zu dem Deal zwischen dem algerischen Geheimdienst und uns."

Marsaud erklärt in Bezug auf die Wirkung, die diese Anschläge haben sollten: "Es macht keinen Sinn Anschläge zu verüben, wenn Sie keine Botschaft mitzuteilen haben und wenn sie das Opfer nicht zwingen, nachzugeben. Und danach wird eine Paralleldiplomatie in den Gang gesetzt: Es muss ganz klar zu verstehen gegeben werden, woher die Bedrohung kommt und wie man sie beenden kann im Austausch gegen gewisse Vorteile..." Im Klartext: Das algerische Regime sollte sich also des Terrorismus bedient haben, um die Unterstützung Frankreichs zu erzwingen. Und die Angelegenheit sei ein offenes Geheimnis, was unterschiedliche Personen in der Reportage bestätigen.

Tatsache ist, dass seit den Anschlägen kein französischer Politiker sich mehr traute, das algerische Regime zu kritisieren. Offensichtlich wurde diese Haltung bei Lionel Jospin, der den algerischen Generälen gegenüber nicht wohlgesonnen war. Als Ministerpräsident äußerte er keine Kritik mehr. Er erklärte diese Haltung während einer Nachrichtensendung vom 29. September 1997 (wenige Tage nach den großen Massaker von Rais, Sidi Hamed und Bentalha mit über 1000 Tote): "Im Fall Algerien, ist die große Schwierigkeit, dass wir nicht wissen zu verstehen, was sich in Wirklichkeit dort abspielt (...) wir sind gegen eine fanatische und gewalttätige Opposition, die gegen eine Herrschaft kämpft, die selbst in gewisser Weise die Gewalt und die Macht eines Staates benutzt. Wir müssen also sehr vorsichtig sein (...) Ich muss an die Franzosen denken: wir sind schon getroffen worden. Ich muss diese Fragen berücksichtigen. Ich bin der Ansicht, dass wir unsere Verantwortung tragen, aber indem wir daran denken, dass die französische Bevölkerung auch geschützt werden muss. Es ist schwer, dieses zu sagen, aber sie werden auch verstehen, warum es in meiner Verantwortung liegt dies zu sagen."

Alain Chenal, Parteigenosse von Jospin und Algerienbeauftragter bei den Sozialisten bestätigt: "dies bedeutet, dass die französischen Politiker über das algerische Regime nicht das sagen können, was sie zu sagen hätten, weil sie Angst vor den Bomben haben."

Icart und Rivoire erklären: "Als Zitouni im Juli 1996 im Maquis getötet wird, hat er seine Mission erfüllt: Die Unterstützung Frankreichs zu erzwingen, ein Großteil der islamitischen Intellektuellen zu liquidieren und die algerische Bevölkerung zu terrorisiere. Heute werden die Massaker von Zivilisten fortgeführt und die meisten Generäle sind noch an der Macht."

Samroui fügt dem hinzu: "Wer unterstützt diese Leute außer Frankreich? Frankreich ist ihre wichtigste Stütze. Manche französische Dienste, manche französische Geheimdienste, manche politischen Kreise helfen diesen Leuten. "

Die Reportage schließt mit der Feststellung: Dieses Regime, das Frankreich aus ökonomischen und strategischen Gründen und aus Angst vor Terrorismus unterstützt, ist heute übel dran. Seit den Massakern von 1997 haben viele Algerier verstanden, dass die GIA dem algerischen Geheimdienst oft gedient hat, um Massaker und Anschläge zu verüben. Die französische Regierung tut so als sähe sie nichts: 2003 wird das "Algerien-Jahr" gefeiert.



[1] DRS : Département du renseignement et de sécurité ist die neuere Bezeichnung des algerischen Geheimdienstes, der allgemein immer noch als Sécurité militaire bezeichnet wird.

[2] < http://www.algeria-watch.org/farticle/sale_guerre/documentaire_attentats.htm > Es handelt sich hierbei um die Wiedergabe des Textes, ohne eine vollständige Übersetzung zu sein.

[3] Wir bombten in Paris für Algerien, The Observer, 9. November 1997,

[4] Algerische Geheimdienste in die Attentate in Paris verwickelt, Le Monde, 11. Novermer 1997

[5] Abbas Aroua, Y. Bedjaoui, M. Aït-Larbi, An Inquiry into the Algerian massacres, ed. Hoggar, Schweiz, 1999

[6] Es handelt sich um General Kamel Abderrahmane, der DCSA (Direction centrale de la sécurité de l'armée), damaliger Chef der für die Armee zuständige Geheimdienst.

 
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