Junge Algerier planen keinen Aufstand

Dem Land scheint wegen der Traumatisierung durch den Bürgerkrieg kein arabischer Frühling bevorzustehen

Von Martin Lejeune, Algier, Neues deutschland, 16. November 2011

Algerien, das größte Land Afrikas, ist nicht nur extrem reich an Bodenschätzen. Ein Großteil der Bevölkerung ist noch sehr jung. Trotz der ungerechten Verteilung von Armut und Reichtum ist in dem Land aber keine Revolte zu erwarten.

Mohammed Mokhtari repariert Autos, dabei hat er Pädagogik studiert. Sein Lebensweg ist typisch in Algerien. Der 25-Jährige absolvierte ein Studium an der Ibn- Khaldun-Universität in Tiaret. Doch nun lebt er in dem Dorf Aïn Bouchakif in der Nähe von Sougueur im Wilayat Tiaret, 350 Kilometer westlich von Algier. An diesem Wochenende sitzt er zu Hause mit seinen beiden Freunden, von denen einer Architektur und ein anderer Maschinenbau studiert hat. Allen drei ist gemein, dass sie nicht in den Berufen arbeiten, für die sie ausgebildet wurden. Der Pädagoge Mohammed repariert Autos, der Architekt hilft im Laden seines Onkels aus und der Maschinenbauer fährt Taxi.

Die drei Freunde stehen exemplarisch für das Dilemma Algeriens. Das Bildungssystem ist im Vergleich zu anderen afrikanischen und arabischen Ländern gut und kostenlos von der ersten Klasse bis zum Universitätsdiplom. Studenten bekommen sogar freie Kost und Logis. Dies ist ein großer Anreiz für Jugendliche aus dem ländlichen Raum, in eine Großstadt zu ziehen, um dort an der Universität zu studieren. Allein an Stellen für die Absolventen mangelt es. Die Bevölkerung Algeriens besteht zu 75 Prozent aus Menschen unter 30 Jahren. Der Arbeitsmarkt für Akademiker kann nicht annähernd ein Viertel aller Studienabgänger aufnehmen.

Mohammeds Vater arbeitet in der Grundschule von Aïn Bouchakif als Lehrer. Mit seinen 350 Euro Monatsgehalt bringt er die Familie durch. Was Mohammed mit seiner Autowerkstatt umsetzt ist nur ein unregelmäßiger Zuverdienst. Zusammen reicht es gerade so zum Leben. Dennoch beschwert sich niemand in der Familie. »Wir haben alles, was wir brauchen. Wir sind zufrieden«, sagt Mohammed, der noch nie in seinem Leben in Algier war. Man ist seit jeher genügsam in dieser kargen und im November bitterkalten Region.

In der Hochhaussiedlung La Vigerie in der Trabantenstadt Mohammadia, 20 Kilometer östlich von Algier, reiht sich ein grauer Plattenbau an den anderen. In einer kleinen und dunklen Zweizimmer- Wohnung in Les Dûnes, so heißen die Riesenhochhäuser in La Vigerie, die in den 80er Jahren die größten Gebäude Afrikas waren, leben die vier Arbeiter Hamza, Khaled, Reda und Elias. Alle vier kommen aus der Kabylei, eine der ärmsten Regionen Algeriens an der Küste, und arbeiten in der Hauptstadt. »In der Kabylei gibt es nicht genug Arbeit für die Männer«, sagt Reda. »Deshalb müssen wir in der Woche in der Hauptstadt wohnen. « Weil die Mieten im Zentrum Algiers für Arbeiter unerschwinglich sind, teilen sie sich zu viert die Wohnung am Stadtrand. Die »weiße Stadt« Algier mit ihren vielen Gärten bekommen die vier nie zu Gesicht.

Elias zum Beispiel braucht zu seinem Arbeitsplatz im Industriegebiet zwei Stunden im Berufsverkehr. Khaled ist Hafenarbeiter und fährt eineinhalb Stunden. Donnerstagabend fahren sie zu ihren Familien in die Kabylei. Sie verdienen im Durchschnitt 250 Euro pro Monat. »Das reicht nicht, um anständig zu leben, vor allem nicht in Algier«, klagt Reda. Ihre Freizeit in der Woche besteht nur aus Fernsehen, Essen und Schlafen. Einen Aufstand haben sie trotz dieser Eintönigkeit nicht im Sinn. »Wir sind froh, dass es in Algerien derzeit ruhig und stabil ist«, sagt Khaled. »Wir haben noch immer den Bürgerkrieg infolge des Aufstands von 1988 in schlechter Erinnerung.«

Die bekannte algerische Schriftstellerin Inam Bioud, die häufig in den Medien nach ihrer Meinung zur politischen Lage gefragt wird und auch schon auf dem Literaturfestival der Berliner Festspiele gelesen hat, versteht die Einstellung der Arbeiter: »Der Unabhängigkeitskrieg kostete zwei Millionen Algerier das Leben und der Bürgerkrieg forderte noch einmal Hunderttausende Tote. Diese Erfahrung steckt den Algeriern noch tief in den Knochen. Solange es wirtschaftlich nicht ganz schlimm kommt, sind keine Aufstände wie in Tunesien oder Ägypten zu befürchten.«

Inam Bioud leugnet nicht die sozialen und infrastrukturellen Probleme. Im algerischen Radio klagt sie die ausufernde Korruption an und fordert mehr Transparenz. »Es ist ein Verbrechen, in welchen dunklen Kanälen die Milliarden Euro aus den Öl- und Gasverkäufen landen und wie wenig die Bevölkerung davon sieht«, sagt Bioud. »Doch das Volk ist zu sehr von Bürgerkrieg und Terrorismus der Vergangenheit traumatisiert, um erneut gegen das korrupte und klientelistische System auf die Straße zu gehen.«

 
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