Analysen  
   

Algier - Washington:
Eine ganz besondere Beziehung

Werner Ruf, Inamo 35, Herbst 2003  

Die Demokratische Volksrepublik Algerien galt im Westen lange Zeit als sozialistischer Staat, der enge Beziehungen zur Sowjetunion unterhielt und deshalb zumindest politisch eher distanziert behandelt wurde Diese schematische Einordnung war Folge der (durchaus relativen) politischen Unterstützung, die der algerische Befreiungskampf durch die Staaten des "realsozialistischen" Lagers während des Befreiungskampfes genossen hatten und die zu Beginn der algerischen Unabhängigkeit eine gewisse Intensität kannten. So anerkannte Algerien 1963 die DDR, was gemäß der Hallstein-Doktrin den Abbruch der diplomatischen Beziehungen seitens der BRD zur Folge hatte. Die Außenbeziehungen Algeriens blieben aber bis heute geprägt von der kolonialen Vergangenheit und einer, wenn auch komplexen, besonderen Intensität der Beziehungen zu Frankreich: [1] Diese betreffen sowohl die kolonial gewachsenen Wirtschaftsbeziehungen wie die Präsenz der französischen Sprache und an Frankreich orientierter Verwaltungsstrukturen wie vor allem die umfangreiche Migration von Algeriern nach Frankreich, wo eine zweite und dritte aus der Migration hervorgegangene Generation kulturelle Eigenständigkeit artikuliert. 

Für Frankreich selbst, das den blutigen Dekolonisationsprozess noch immer nicht verarbeitet hat, bleibt Algerien ein mit Emotionen und Nostalgien behafteter Begriff. Diese französischen Empfindlichkeiten scheinen auch in der EU respektiert zu werden. Ihre Maghreb-Politik, vor allem aber die Algerienpolitik, wird noch immer als Prärogative Frankreichs betrachtet. Die Führung in Algier jedoch, so die hier verfolgte These, setzte bereits seit Mitte der 80er Jahre pragmatisch auf die Entwicklung einer transatlantischen Achse mit Washington. Aufbauend auf Algeriens Kohlenwasserstoffexport und dem Ausbau der Petro-Industrie versprechen sich offensichtlich Teile des Militärs in Algier vor allem seit dem Putsch von 1992, der ja unmittelbar nach Ende des Ost-West-Konflikts stattfand, mehr und verlässlichere Rückendeckung als durch die Pflege der Beziehungen mit den in der unipolaren Welt zweitklassig gewordenen Mächten Frankreich und Europa. Dabei spielt Algier offensichtlich gekonnt auf der Klaviatur französischer Ängste um den Verlust seines Einflusses auf die ehemalige Kolonie, um gerade angesichts seiner Annäherung an die USA wiederum französische Unterstützung zu mobilisieren.

Das Verhältnis zu Frankreich und Europa

Der Militärputsch vom 11. Januar 1992, mit dem die ersten demokratischen Parlamentswahlen in Algerien ein jähes Ende fanden, stellte Frankreich und Europa vor ein Problem: Einerseits wurde der Putsch mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen, befürchteten breite Kreise doch Domino-Effekte für das Anwachsen islamistischer Bewegungen im Maghreb und darüber hinaus. Andrerseits konnten die europäischen Regierungen, die gerade in ihrer Mittelmeerpolitik immer wieder auf die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verwiesen, diesen Staatsstreich nicht einfach akzeptieren. [2] Es war Frankreich, das nach wenigen Monaten seine Beziehungen zu dem Regime normalisierte, dringend benötigte Kredite vergab und über den damaligen Präsidenten des IWF, Michel Camdessus, im Interesse Algeriens Einfluss auf die Umschuldungsverhandlungen nahm. [3]

Der von den Putschisten proklamierte "Kampf gegen den Terrorismus" [4] bediente nicht nur alte Klischees und anti-islamische Vorurteile in Europa, [5] er verstand es auch, den durch den Putsch verursachten Bürgerkrieg als eine Art Vorfeld-Verteidigung des Westens durch die sich als Retter säkularer Staatlichkeit präsentierenden Militärs darzustellen. Und in der Tat schien es, als ob die "Verrückten Gottes" [6] ihren Krieg nach Frankreich selbst tragen wollten: 1995 und 1996 kam es in Frankreich zu Bombenanschlägen, deren Spuren auf die berüchtigten Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) verwiesen. Inzwischen haben sich die Hinweise verdichtet dass viele dieser Gruppen vom algerischen militärischen Sicherheitsdienst teils aufgebaut, teils gesteuert wurden und werden. [7] Sie terrorisierten die Zivilbevölkerung,  kämpften aber vor allem gegen den bewaffneten Arm der Islamischen Heilfront, um diesen von der Islamischen Heilsfront ausgehenden Widerstand zu brechen. Und Vieles deutet darauf hin, dass auch die Anschläge der Jahre 1994 und 1995 in Frankreich das Ziel verfolgten, die Unterstützung für das algerische Regime durch die französische Regierung zu verstärken - nicht nur wegen der als real empfundenen Bedrohung, sondern auch weil die französische Regierung die von den Anschlägen ausgehende Botschaft der algerischen Dienste verstand und als Gegenleistung für verstärkte politische und wohl auch wirtschaftliche Unterstützung nicht mehr mit weiteren Anschlägen rechnen musste. [8]

Sicherlich geht es Paris sicherlich auch um ökonomische Interessen, jedoch: Die Position Frankreichs auf dem algerischen Markt wurde bereits durch die ehrgeizige Politik der industrialisierenden Industrien der späten 60er und 70er Jahre geschwächt: [9] Algerien versuchte damals durch den Aufbau technologischer Spitzenindustrien in den Bereichen Stahl und Petrochemie direkt den Anschluss an den Weltmarkt zu erreichen und vergab Aufträge vor allem an führende Unternehmen aus der Bundesrepublik, Japan und den USA. Frankreich bediente dagegen mehr und mehr die Märkte für langlebige Konsumgüter und den enorm wachsenden Markt der Grundnahrungsmittel und der Pharmazeutika. Angesichts der Abhängigkeit von solchen Importen (Algerien muss rd. 80% seiner Grundnahrungsmittel importieren) ist dies zwar ein beachtlicher Markt, jedoch kein Schlüsselsektor der algerischen Ökonomie. 

Präsident Bouteflika vervielfachte nach seiner Wahl vor vier Jahren die Gesten gegenüber Frankreich durch mehrere Staatsbesuche. Bereits nach seinem Besuch im Jahre 2000 wurden die Kulturinstitute wieder eröffnet, Bouteflika nahm 2001 am franko-afrikanischen Gipfeltreffen teil und 2002 sogar - erstmalig in der Geschichte Algeriens - am Gipfel der frankophonen Staatschefs in Beirut teil, eine gewaltige Geste, wenn man bedenkt, dass Algerien stets seine Arabität betont hatte und das massive Arabisierungsprogramm der 70er und vor allem 80er Jahre nicht unerheblich zum Einfluss des Islamismus beigetragen hatte. Das 2002 in Frankreich groß inszenierte "Algerienjahr" stand ganz unter dem Selbstdarstellungskonzept der Machthaber in Algier.

Diese offizielle Pflege der Freundschaft wird allerdings gestört durch die Misstöne, die Menschenrechtsorganisationen in das offizielle Konzert der Verständigung getragen haben: Die Forderungen des EU-Parlaments nach Einhaltung der Menschenrechte in Algerien, die Unterstützung für die Entsendung einer internationalen Untersuchungskommission, die Einrichtung eines Sonderprogramms der EU-Kommission zur Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen im Lande selbst, die Veröffentlichung von Büchern, die detailliert die Verwicklungen des Militärs in die Massaker in Algerien schilderten, [10] und die Möglichkeit strafrechtlicher Verfolgung führender Militärs durch die französische Justiz [11] usw.  mussten die realen Machthaber in Algier verunsichern: Zusammen mit der Verabschiedung der Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs konnten sie vor den französischen Strafverfolgungsbehörden nicht mehr sicher sein. Frankreich wurde für die Inhaber der realen Macht ein unberechenbares, ja gefährliches Terrain.

Das Verhältnis zu den USA

Die zahlreichen Gesten gegenüber Frankreich stehen keineswegs im Widerspruch zur Entwicklung der hier thematisierten transatlantischen Achse, sie scheinen diese eher zu ergänzen und zu befördern. Bereits in den 70er Jahren waren US-amerikanische Firmen während der Phase der "industrialisierenden Industrien" in das Geschäft mit Algerien eingestiegen. Zu Beginn der 80er Jahre wurde das Land in das amerikanische IMET-Programm (International Military and Education Program) des Pentagon aufgenommen, [12] primär um dadurch die enge militärische Zusammenarbeit des Landes mit der Sowjetunion zu lockern und um über die Ausbildungsprogramme auch ideologischen Einfluss auf das Offizierskorps zu nehmen, aber auch um den algerischen Waffenmarkt für US-Produkte zu erschießen. Die Entwicklung gerade der wirtschaftlichen Beziehungen ist sehr anschaulich nachzulesen im wöchentlich erscheinenden Middle East Economic Digest (MEED), in dem neben Hintergrundartikeln über die Entwicklung der Ökonomien der einzelnen Länder auch Ausschreibungen, Verträge, die Bildung von Joint Ventures, Investitionen etc. aufgelistet sind. Hieraus ergibt sich, dass beispielsweise in den Jahren 1998 - 2000 rd. vier Mrd. US-Dollar von amerikanischen Firmen in Algerien investiert wurden - trotz der mehr als prekären Sicherheitslage. Rd. 90 % dieser Investitionen konzentrierten sich auf den Kohlenwasserstoffsektor.

Im Juli 2001 besuchte Präsident Bouteflika Washington. - 16 Jahre nach dem ersten und bis dahin einzigen Staatsbesuch eines algerischen Präsidenten. Mit George Bush sprach er immerhin 80 Minuten. Dieser Staatsbesuch stand ganz im Zeichen der Zusammenarbeit auf dem Energiesektor. Eine algerisch-amerikanische Handelkammer wurde gegründet, deren Ziel die Förderung der Industrie, der Kapitalinvestitionen, der Handels- und Finanzbeziehungen zwischen beiden Ländern ist. [13] Die algerische Presse hob besonders hervor das Treffen von Bouteflika mit dem Generaldirektor von Ölfirma Halliburton und dessen Vorgänger, US-Vizepräsident Cheney, mit dem sich Bouteflika schon im Vorjahr getroffen hatte. Ferner konferierte er mit Energieminister Spencer Abraham. [14] Allein für das Jahr 2001 betrugen die geplanten Investitionen der Firmen BP Amoco, Arco, Amerada Hess, Anadarko, Burlington, Halliburton1,4 Mrd. Dollar [15] . Für die Zeit nach 2003 sind Investitionen von über 7 Mrd. US $ geplant.

Weiter ausgebaut wurden diese Beziehungen anlässlich des Besuchs des algerischen Energieministers Chekib Khelil im Juli 2002. Chekib ist einer der dienstältesten Minister und hat mehrere Kabinettsumbildungen unbeschadet überstanden. [16] Er hat in den USA studiert und war dort viele Jahre selbst bei Shell und Philips Petroleum im Ölbusiness tätig. [17] Beim Besuch Bouteflikas ging es offensichtlich um die Schaffung weiterer Joint Ventures zwischen dem algerischen Energiemonopolisten Sonatrach und US-Firmen. Konfliktpunkt bei diesen Verhandlungen ist immer wieder die Privatisierung des algerischen Konzerns, mit dem der Staat sich offensichtlich schwer tut, worauf jedoch die USA unterstützt vom IWF immer wieder drängen: So ist ein Privatisierungsgesetz - unter Federführung Chekib Khelils - seit langem in Vorbereitung, [18] kommt aber offensichtlich nicht richtig voran. Grund hierfür dürften weniger ideologische Motive des Festhaltens an überkommenen sozialistischen Prinzipien sein als die Interessen der Machthaber, die Einnahmen aus der Kohlenwasserstoffrente so undurchsichtig wie möglich zu halten. Andererseits ist die Teilprivatisierung bestimmter Branchen der Sonatrach offensichtlich eine wichtige Einnahmequelle für Schmiergelder durch diejenigen, die im Hintergrund der "realen Macht" Algeriens die Entscheidungen treffen. Der Mangel an Demokratie und damit einhergehender Kontrolle im autoritären Regime des Landes ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen solch okkulter Transaktionen. [19]

Die Sonatrach selbst inzwischen zum Global Player mutiert. [20] Mit einem Umsatz von jährlich 22 Mrd. US $ ist sie - noch vor Nigeria oder Angola - mit Abstand die größte afrikanische Erdölgesellschaft. Im internationalen Vergleich ist sie die zwölftgrößte Gesellschaft. Ihre Schwerpunkte liegen in Prospektion und Forschung, Transport, Verarbeitung und Vertrieb. Sonatrach ist weltweit der zweitgrößte Exporteur von Flüssiggas, die Gesellschaft steht für 95 % der gesamten Exporteinnahmen des Landes  Sie ist international verflochten in schier unzähligen Joint Ventures. Pipelines für Erdgas führen über Marokko nach Spanien und über Tunesien nach Europa. Jüngst bemüht sich die Sonatrach auch um den Aufkauf einer russischen Erdölfirma. [21] Nicht zuletzt  besitzt sie auch umfangreiche Verträge mit dem Irak zwecks Ausbaus der dortigen Erdölfelder. [22] Kurzum, Algerien und seine Sonatrach sind ein bemerkenswerter Faktor im internationalen Ölgeschäft und daher für die USA von zentralem Interesse. [23] So ist es kein Zufall, dass Algerien auf der Liste jener Länder erscheint, denen der Präsident der USA Handelserleichterungen gewähren kann. [24] Geradezu grotesk muten die Voraussetzungen für die Aufnahme in diese Liste im Falle Algeriens an:

  • Marktwirtschaftliches System,
  • Rechtsstaatlichkeit,
  • Wirtschaftspolitik zur Reduzierung von Armut,
  • Kampf gegen Korruption und Bestechung,
  • Hohes Niveau des Umweltschutzes,
  • Keine Aktivitäten zur Gefährdung der nationalen Sicherheit der USA,
  • Signatarstaat der Menschenrechtserklärung der UN,
  • Nichterwähnung auf der Liste der Staaten, die den Terrorismus fördern,
  • Nichtteilnahme an primärem, sekundärem oder tertiärem Wirtschaftsboykott gegen Israel. [25]

In der Tat hat die algerische Regierung während der letzten Jahre zum Nahostkonflikt eine demonstrative Zurückhaltung an den Tag gelegt, und die in den US-Medien immer wieder aufflammende Diskussion über ein mögliches Atomprogramm [26] Algeriens, das im Jahr 2000 dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist, scheint die Schönwetterlage der Beziehungen kaum zu stören.

Vor dem Hintergrund sich stetig intensivierender Wirtschaftsbeziehungen und einer wachsenden militärischen Zusammenarbeit gab der 11. September 2001 den amerikanisch-algerischen Beziehungen einen gewaltigen Schub: Unmittelbar nach den Anschlägen übergab Algier der US-Regierung eine Liste mit den Namen von 1.350 (mutmaßlichen) Terroristen, [27] Auch die militärische Zusammenarbeit erhielt eine neue Dynamik: Im Januar 2002 fanden gemeinsame Manöver statt, [28] eine gemeinsame Sicherheitskommission zur Überwachung und Verfolgung bewaffneter islamischer Gruppen wurde gebildet. [29] Das IMET-Programm wurde ausgeweitet, die Ausbildung algerischer Militärs in den USA und in US-Stützpunkten in Europa intensiviert. [30] Mit dem Besuch des algerischen Generalstabschefs Lamari im Frühjahr 2002 [31] im US-Hauptquartier für Europa in Stuttgart wurden die bilateralen Militärbeziehungen weiter gefestigt, und im Oktober 2002 durch einen Gegenbesuch des stellvertretenden Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Europa in Algier weiterentwickelt. [32] Resultat waren weitere gemeinsame Manöver der algerischen Marine mit der VI. US-Flotte, vor allem aber die umfangreiche wenn auch nicht im Detail publik gemachte Lieferung von Militärausrüstung, insbesondere von Nachtsichtgeräten. [33]

Am 30. Juni 2003 hielt NATO-Generalsekretär Lord Robertson in London Vor den diplomatischen Vertretern der 1994 gegründeten NATO-Mittelmeer-Partnerschaft Algerien, Ägypten, Israel, Jordanien, Mauretanien , Marokko und Tunesien eine Rede zum Thema "NATO  und Sicherheit im Mittelmeer: Praktische Schritte zur Partnerschaft". [34] Darin betonte er die Notwendigkeit enger Zusammenarbeit, da die NATO "politische und praktische Unterstützung seitens der Länder der Region benötige, da sie größere friedenserhaltende Operationen in ihrer Nachbarschaft vorbereitet." Damit wird der lange von den USA und der NATO formulierte Wille deutlich, diesen Raum nicht der EU und ihrem Projekt einer mit ihr assoziierten Freihandelszone zu überlassen, sondern die militärische Sicherheit des Raums in die Kompetenz der NATO zu nehmen. [35]

Diese Strategie entspricht dem Konzept der USA vom Kampf gegen den nichtstaatlichen Terrorismus und den hinter dessen Fassade verfolgten handfesten Interessen. Für Algerien bedeutet die Unterstützung dieser Strategie die Chance, zu einem wichtigen Partner des Hegemons aufzusteigen: Die aktive Rolle in dieser Partnerschaft im Verbund mit der Aufrüstung der algerischen Armee (und der Sicherung dieses wichtigen Marktes) und mit der Intensivierung der Ausbildung algerischer Offiziere in Einrichtungen der USA und der NATO wird auch die Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste vorangetrieben: So besuchten hochrangige Delegationen der CIA, des FBI (darunter dessen Direktor Robert Mullen Anfang 2001) und der NSA (National Security Agency) mehrfach - auch schon vor dem 11. September 2001 - Algerien. In diesen Zusammenhang fügen sich Spekulationen, [36] wonach die USA beabsichtigen, die Kontrolle der Öl- und Erdgasfelder im Süden Algeriens selbst zu übernehmen. Doch unabhängig davon: Die Ouvertüren Algiers in Richtung Washington fügen sich hervorragend in die Pläne der USA, nach dem Krieg gegen den Irak - und teilweise unter Bestrafung der "alten Europäer" und der unbotmäßigen Türkei - ihre in und um Europa stationierten Truppen umzugruppieren und zur Sicherung der Ölfelder im Rahmen der geplanten "Restrukturierung des Mittleren Ostens" weiter "nach vorn" zu verlegen. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang  Länder wie Rumänien, Bulgarien, Qatar, Kirgistan, Usbekistan, Algerien und Marokko. Diesem Konzept entspräche auch die vom NATO-Generalsekretär geforderte neue Sicherheitsarchitektur der NATO, die eine "Vorverlegung" ihrer Basen in die unmittelbare Nähe der Krisengebiete und "Brutstätten des Terrorismus" vorsieht.

So gerät der "Kampf gegen den Terrorismus" zum langfristigen strategischen Kalkül mit dem sowohl die USA wie die algerischen Machthaber ihre politischen Ziele verfolgen. Und der seitens der algerischen Militärs immer wieder beschworene "Restterrorismus" wird geradezu funktional, rechtfertigt er doch die ideologische Absicherung eines gemeinsamen Kampfes gegen das Böse in dieser Welt: Den USA ermöglicht er die schrittweise Realisierung des mit dem Krieg gegen Irak eingeleiteten Plans zur Sicherung der Energievorräte zwischen dem Nahen Osten und dem Kaspischen Becken. Dass durch die enge Militärkooperation mit Algier hierbei auch die Energieressourcen dieses Landes stärker unter US-Kontrolle gestellt werden, dürfte ein nicht unbeabsichtigter Nebeneffekt sein. Zugleich wird der EU signalisiert, dass die USA weiterhin die alleinige militärische Vormacht in diesem Raum bleiben wollen - mit oder ohne NATO, falls letztere sich nicht zum Instrument der US-Politik machen lassen sollte. Für das algerische Regime ergibt sich aus dieser Konstellation die politische Protektion durch die einzige verbliebene Supermacht und die Absicherung lukrativer Geschäfte im Kohlenwasserstoffsektor. Seine Menschenrechtsverletzungen werden nicht auf die internationale Tagesordnung kommen, die ("alten") Europäer werden in diesem Bereich vorsichtig agieren, um nicht neue Konflikte mit dem Hegemon zu provozieren. Und die so stabilisierte Militärdiktatur in Algier kann weiterhin ungestört den für sie profitablen Ausverkauf der Ressourcen des Landes betreiben.



[1] Neben einer schier unermesslichen Fülle von Literatur sei hier nur auf folgende  zusammenfassende Darstellungen verwiesen: www.algeria-watch.org/farticle/tribune/ravenel.htm
und www.algeria-watch.org/farticle/ravenel2.htm

[2] Mellah, Salima: Algerien 11 Jahre nach dem Putsch; in: Berndt, Michael/El Masry, Ingrid (Hrsg.): Konflikt, entwicklung, Frieden. Emanzipatorische Perspektiven in einer zerrissenen Welt. Festschrift für Werner Ruf, Kassel 2003, S. 31 - 43, hier S,35.

[3] Ruf; Werner: Die algerische Tragödie. Vom Zerbrechen des Staates einer zerrissenen Gesellschaft. Münster 1997, insbes. S. 98 - 100.

[4] Hier fehlt der Raum, um die Vorgänge nach dem Putsch, sie sofortige Verhaftung nicht nur der Führer sondern auch der Mitglieder und Anhänger der islamischen Heilsfront, die Verbringung von rd. 20.000 Menschen in Konzentrationslager, den teilweise aufflammenden gewalttätigen Widerstand der Islamisten detailliert und in der diesem Prozess eigenen Dialektik zu behandeln. U.v.A. s. Mellah a.a.O. S. 33, Hasel, Thomas: Machtkonflikt in Algerien, Berlin 2002, S. 112 - 122.

[5] Ruf, Werner: Demokratie in der arabischen Welt - Ein Widerspruch in sich selbst? In: Entwicklung und Zusammenarbeit Nr. 9/1998, S. 228 - 231.

[6] Ein in den französischen Medien verbreiteter Begriff.

[7] S. den Beitrag von Mohamed Samraoui in diesem Heft sowie die Literatur in Anm. 10.

[8] Mellah, Salima: GIA: 10 Jahre im Dienste der algerischen Sécurité militaire? In: inamo Nr. 34  (2003, S. 53 - 54. Vgl. Auch www.algeria-watch.org/de/artikel/aw_gia.htm)

[9] Vgl. hierzu Ruf, Werner: Die algerische Tragödie. Vom Zerbrechen des Staates einer zerrissenen Gesellschaft, Münster 1997, S. 85 -100.

[10] Insbesondere: Yous, Nesroulah; Qui a tué à Bentalha, Paris 2000 und Souaidia, Habib : La Sale Guerre, Paris 2001.

[11] So wurden gegen den früheren Oberkommandierenden der algerischen Armee, Nezzar  im April 2001mehrere Anzeigen wegen Menschrechtsverletzungen erstattet. Daraufhin brach er Hals über Kopf einen Besuch in Frankreich ab. s.: "Die Junta vor Gericht" www.algeria-watch.org  sowie: Mellah, Salima; Algeriens Junta vor Gericht; in: inamo Nr.32 (2002), S- 39.

[12] Dieses nahm seither kontinuierlich an Umfang zu. http://thomas.loc.gov/cgi/bin/query/D?r108:14:./temp/~r108e2HxQA::

[13] La Tribune 14. Juli 2001.

[14] Ebenda.

[15] Vgl. auch MEED 12. Jan. 2001

[16] Vgl. Le Quotidien d'Oran, 24. Juli 2002. s. auch :

www.algeria-watch.org 

[17] Rezzoug, Youcef: Ces coopérants qui nous gouvernent ; in : Le Matin (Algier), 13. Aug. 2003.

[18] www.algeria-watch.org, www.algeria-watch.org

[19] Jahresbericht 2003 von Transparency International, Vgl. auch La Tribune, 14. Juli 2003.

[20] www.arabcomconsult.com

[21] www.africaintelligence.com

[22] s. die Vorlage der National Defense Oil Equity Act of 2003 für das US-Repräsentantenhaus vom 5. Februar 2003.   thomas.loc.gov/cgi-bin/query/z?c108:H.R.585

[23] S. dazu das ausführliche Interview der scheidenden US-Botschafterin Janet Sanderson in Algier; in: La Tribune, 18. Juni 2003.

[24] thomas.loc.gov

[25] Ebenda.

[26] S. dazu jüngst El Watan, 19. April 2003.

[27] Le Quotidien d'Oran, 18. Sept. 2001.

[28] Report for Congress, The Library of Congress, Order Cod RL31152, updated July 11, 2002.

[29] Ebenda.

[30] El Watan 5. Nov. 2001.

[31] www.algeria-watch.org/artikel/proasyllamari.htm

[32] Der stets gut informierte Mounir B. in: Le Quotidien d'Oran, 29. Oktober 2002.

[33] Die Verträge wurden ausgearbeitet und unterzeichnet anlässlich zweier Besuche des stellvertretenden US-Staatssekretärs für nordafrikanische und nahöstliche Angelegenheiten William Burns. Le Jeune Indépendant, 10. und 12. Dez. 2002.

[34] www.nato.int Übersetzung aus dem Englischen W.R.

[35] Ruf, Werner: Amerikanischer Unilateralismus und europäische Unfähigkeit? Grenzen und Chancen einer zivilen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik; in: Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hrsg.): Europa Macht Frieden, Münster 2003, S. 130 - 143.

[36] Le Quotidien d'Oran, 10. Febr. 2003

 
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