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Die algerische Frauenbewegung

Fatiha Talahite, INAMO · Nr. 14/15, Sommer/Herbst 98

Was in Algerien als ,,Frauenbewegung'' (1) bezeichnet wird, hat erst nach der gesetzlichen Zulassung von Vereinigungen 1989 eine legale Form angenommen. Sie bestand zunächst aus Frauen und Mädchen unterschiedlicher Herkunft, vor allem Abiturientinnen, Studentinnen, Arbeiterinnen. Zur Politik waren sie über Nischen innerhalb des Einparteiensystems (Jugendorganisationen, kulturelle Vereinigungen, Intellektuellenzirkel, Gewerkschaften usw.) gekommen, die sich im Laufe der vorangegangenen Jahre herausgebildet hatten und in denen sich eigene Meinungen und Protest artikulieren konnten.

Einige dieser Gruppen konnten eine legale Existenz erlangen, so z. B. Ende der 70er Jahre die "Kommission der Arbeiterinnen der Universität Algier" (als Abspaltung von der UGTA (2)). Zu Beginn der 80er Jahre bekannte sich als erste die "Forschungsgruppe zu den algerischen Frauen" (3) (Universität Oran) offen zum Feminismus. Diese Gruppen sahen sich einer Verfolgung nicht nur seitens der FLN (die danach trachtete, die Frauen ausschließlich innerhalb der UNFA (4) zu organisieren) und den Behörden ausgesetzt, sondern auch seitens der PAGS (5): diese hatte die Institutionen bis in die höchsten Ämter des Staates hinein unterwandert, und ihre Mitglieder wandten sich entschieden und aktiv gegen jede autonome Vertretung der Frauen.

Was diese Frauen über ihre Unterschiede hinweg zusammenführte, waren Ideale, wie sie weitgehend durch die Schule vermittelt worden waren. Sie fanden schließlich ihren Ausdruck in einigen wenigen Forderungen, die sich im wesentlichen um die systematische Infragestellung der Entwürfe zum Familiengesetz drehten, die periodisch von den aufeinanderfolgenden Regierungen vorgelegt und wieder zurückgezogen wurden. In besonderer Weise betraf dies das 1984 verabschiedete und noch heute gültige Gesetz.

Sehr engagiert wurde der Kampf um die Aufhebung des Familiengesetzes von einer Vereinigung geführt, die 1985 im Untergrund auf Initiative der OST (6) gegründet worden war: die Association pour l'Égalité des Femmes et des Hommes devant la Loi (AEFHL oder auch "L'Égalité"). Ihr schlossen sich deshalb viele Frauen an, als sie 1989 wie andere, im Zuge der Demokratisierung gegründete Vereinigungen legalisiert wurde.

Zur PAGS gehören "La Promotion" (7) in Algier und die AFEPEC in Oran. Geleitet werden diese Vereinigungen von Aktivistinnen, die den Feminismus ausdrücklich ablehnen und die sich lediglich für Verbesserungen des Familiengesetzes ausgesprochen hatten, da sie dieses als im wesentlichen frauenfreundlich betrachteten. Ein Teil von ihnen war ursprünglich sogar in der UNFA aktiv, wo ihre Partei in den 80er Jahren eine Strategie der Unterwanderung verfolgt hatte. Die UNFA stand allerdings nach der Absetzung der FLN im Jahr 1988 völlig diskreditiert da.

Jedoch lehnten zahlreiche Feministinnen die Abgrenzungen innerhalb der Frauenbewegung nach der Logik der Linksparteien ab. Das Bewußtsein und die Erfahrung insbesondere der älteren unter ihnen hatte sich im Bruch mit diesen politischen Organisationen herausgebildet. So wurde von ihnen auch mit sehr viel Hoffnung die Bildung der AITDF (8) aufgenommen. Diese kam auf Initiative einer Gruppe von Frauen zustande, die sich von "L'Égalité" getrennt und für parteiunabhängig erklärt hatten. Die neue Vereinigung verband das Primat des aktiven Kampfes mit politischer Autonomie und fand von Anfang an Unterstützung im Land. Doch sollte sie später auch zum Gegenstand von Begehrlichkeiten werden.

Der Elan der Demokratisierung

Nach 30 Jahren fehlender Freiheit - der Meinungsäußerung und der politischen und gewerkschaftlichen Betätigung - gab es ein immenses Bedürfnis in der algerischen Gesellschaft, ihre Pluralität zum Ausdruck zu bringen und ihre verschiedenen sozialen und politischen Kräfte zum Widerstreit der Ideen zu bewegen. Innerhalb der Frauenbewegung, aber auch in anderen Kreisen (Intellektuelle, Akademiker, Politiker etc.) wurde begonnen, über das Gewicht des Islam nachzudenken. Im besonderen Kontext Algeriens wurde die Bedeutung solcher Begriffe wie Demokratie, Rechtsstaat, Zivilgesellschaft, Säkularisierung, Laizismus usw. hinterfragt. Und erst als sich ein großer Teil der Opposition auf den Islam berief -und damit dem Staat das Monopol der Berufung auf die Religion streitig machte -, begannen andere politische Strömungen, die sich vor allem vom historischen Beispiel Frankreichs leiten ließen, offen die Fahne des Laizismus zu schwenken. Doch gab und gibt es in Algerien keine religiöse Institution, die der Kirche vergleichbar wäre und dem Staat Konkurrenz machen könnte. Der Islam der Marabuts und der mystischen Bruderschaften wurde durch die Kolonisation und durch den Einfluß der Religionsgelehrten weitestgehend zerstört und existiert heute nur noch vereinzelt. Zudem kann man sich in der Frage der Religion auch auf die Säkularisierung als einem in der Gesellschaft verlaufenden und vom Pluralismus begünstigten Prozeß beziehen. Die Art und Weise jedoch, wie die Debatte in Algerien angegangen wurde, war vor allem dazu angetan, die Frage nach der Rolle und dem Platz jener Institution auszublenden, die den Staat tatsächlich beherrschte und sich der Schaffung eines Rechtsstaats widersetzte: die Armee. Die neu gewonnene Meinungsfreiheit gab diesen Auseinandersetzungen dennoch Raum und verlieh ihnen einen leidenschaftlichen Charakter. Und der Sieg der FIS bei den Kommunalwahlen 1990 machte vielen bewußt, wie dringend es war, sich diesen Problemen zu stellen und Formen der Diskussion und des Konsens zu finden, um einen Bruch in der Gesellschaft unter allen Umständen zu vermeiden.

Die Vertreterinnen der Frauenbewegung forderten ihre Rechte als Bürgerinnen ein. Damit wandten sie sich an alle dieser Rechte beraubten Algerier (9) und berührten Fragen, die weit über die Belange der Frauen hinausgingen. Als sie daher die Vermengung unterschiedlicher Rechtsquellen als Grundlage des Familiengesetzes anprangerten, verwiesen sie auf den hybriden Charakter der Fundamente des algerischen Staates, in dem die Illegitimität der Macht begründet war.

Auf die vielen in dieser Zeit aufgeworfenen Fragen hatte die Frauenbewegung keine Antwort, und sie konnte sie auch nicht haben, denn darüber bestand weder in der Gesellschaft noch innerhalb der Bewegung selbst Einmütigkeit. Im übrigen verdeutlichte dies, wie notwendig der Pluralismus war und daß die Institutionen in einer Weise organisiert werden mußten, daß die Gesellschaft mit sich selbst ins Reine kommen konnte. In diesem Sinne war die Frauenbewegung eine wesentliche Komponente der demokratischen Strömung insgesamt, da sie die demokratische Frage par excellence aufwarf, nämlich jene nach dem Gesetz und seinen Grundlagen. Hierin unterschied sie sich auch von anderen sozialen Bewegungen, die im wesentlichen auf Forderungen sozialer oder wirtschaftlicher Art ausgerichtet blieben.

Nur wenige haben diesen Aspekt erkannt, und selbst die überzeugtesten "Progressisten" tendierten dazu, diese Frauen auf ihre spezifischen Forderungen festzulegen und so zu tun, als seien nur sie betroffen: eine studierte Minderheit, die einer Arbeit nachging, vor allem in den städtischen Ballungsräumen lebte, Staatsangestellte, Privilegierte. [...]

Doch stand für die Frauen - wenn man von ihnen überhaupt in ihrer Gesamtheit sprechen kann, ohne ihre Verschiedenheit zu berücksichtigen - in dieser entscheidenden Übergangsperiode sehr viel auf dem Spiel. Es ging um ihren Zugang zu Arbeit, Bildung, sozialem Schutz, kurz um die Inhalte der Entwicklung, ohne die die Frauenrechte nicht voll wahrgenommen werden können. Für die Frauenbewegung gab es aber darüber hinaus zwei weitere, wesentliche Aspekte:

- Zum einen bestand in dieser Ausnahmesituation, in der es um die Schaffung demokratischer Institutionen ging, eine einzigartige Gelegenheit für die Frauen der Bewegung, durch den nunmehr möglichen direkten Zugang zur Öffentlichkeit und zu den Medien ihr Bild zu verändern, ihre Ächtung zu bekämpfen.

- Zum anderen ging es um das Verhältnis zu den zahlreichen Frauen, die durch die islamistischen Vereinigungen mobilisiert wurden.

Was den erstgenannten Aspekt angeht, so hatten insbesondere im Wahlkampf Frauen den Mut, ihre Ideen offen zu vertreten, obwohl sie sich in der Minderheit wußten und auf den Widerstand breiter Kreise der Öffentlichkeit stießen (und nicht nur der Islamisten). Das nötigte auch jenen Achtung und Bewunderung ab, die nicht unbedingt mit ihnen übereinstimmten. Es war freilich das Ergebnis einer langwierigen Arbeit, doch langsam fand die Frauenbewegung eine Anerkennung, die sich unter den neuen Bedingungen ihrer Legalität und öffentlichen Präsenz mit der Erweiterung ihrer Basis verband.

Mit ihrem Engagement in den Wahlkämpfen brachte die Bewegung Frauen außerhalb und innerhalb der Parteien zur Kandidatur, und sie machte sich insbesondere für die Sicherung der Wahlfreiheit der Frauen stark, da diese von den Kalkülen der Politiker bedroht war. Besonders eingesetzt hat sich die Bewegung auch bei der Verteidigung von mißhandelten, verstoßenen, obdachlosen Frauen.

Der zweite Aspekt war seinerseits zunächst unmittelbar politisch: Es ging darum, die Präsenz von zahlreichen Frauen in den Reihen der "islamistischen Strömung" zur Kenntnis zu nehmen, die Kommunikation mit ihnen zu fördern und einen Bruch zu vermeiden, der nur den Interessen der Machthaber gedient hätte. Es herrschte das Gefühl vor, daß die neue Freiheit zu kostbar sei, um sich dem Risiko einer Konfrontation auszusetzen. Politisch war eine Übereinkunft über eine Reihe von demokratischen Forderungen möglich. Doch das Streben nach einer solchen Übereinstimmung stieß auf eine zunehmend unversöhnliche Haltung gegenüber dem Islamismus, die ihn auf einen Platz außerhalb der historischen Entwicklung der Gesellschaft verwies. In ihrer Schärfe hob sich diese Position auch von der Tradition der Toleranz und des Zuhörens ab, wie sie sich in einer Bewegung entwickelt hatte, die danach strebte, die Wirklichkeit der Frauen aus ihrem Inneren heraus zum Ausdruck zu bringen. Diese Unversöhnlichkeit vermischte sich schließlich mit einer Tendenz zur Verteidigung des Status quo und zum ängstlichen Rückzug auf Errungenschaften, die von der Wirtschaftskrise und dem Anwachsen der sozialen Konflikte bedroht wurden. Doch dabei handelte es sich weder um "demokratische Errungenschaften" noch um Frauenrechte.

Dieser Aspekt stellte im übrigen auch eine Herausforderung für die Bewegung dar, nämlich inwieweit sie sich nämlich der Sorgen und Bestrebungen aller Frauen anzunehmen vermochte. Es war klar, daß sie sich nicht mehr damit begnügen konnte, sich im Hinblick auf ganz spezifische Probleme - und in einer scheinbaren Einhelligkeit -sich an den Staat und die politischen Parteien zu wenden. Vielmehr mußte sie sich angesichts der Unsicherheit der Situation den Fragen der Frauen stellen, einschließlich jener Fragen, die über den religiösen Diskurs zum Ausdruck gebracht wurden. Gerade hier jedoch stieß die Bewegung an ihre Grenzen, und es offenbarten sich erhebliche Meinungsverschiedenheiten.

Wie auch immer, diese Periode war zu kurz, als daß man abschließende Schlußfolgerungen zu den Perspektiven der Frauenbewegung in Algerien ziehen könnte. Im Juni 1991 verließen die Reformer die Regierung, und sie wurden von ehemalig führenden Köpfen der algerischen Wirtschaft abgelöst. Schließlich brachen die Militärs den Wahlprozeß ab (Dezember 1991), und schnell rückte der Kampf gegen den "Terrorismus" in den Vordergrund.

Eine Gesellschaft in Angst

Die Hoffnung, das Vertrauen, die Sicherheit, die in der Periode der Demokratisierung wiedererwacht waren, wurden in der Folgezeit erneut von Angst, Mißtrauen und Argwohn abgelöst. Protest und Opposition kehrten in die Verborgenheit zurück. Für die entstehende Vereinsbewegung war der Elan gebrochen. Insbesondere die Frauenvereinigungen, die sich außerhalb der Hauptstadt zu verbreiten und ihre Mitgliedschaft und Aktivitäten zu diversifizieren begonnen hatten, erlebten eine Lähmung und schließlich eine Ausdünnung ihrer Netzwerke. Ihre Existenz reduzierte sich auf einen ständigen Wechsel der Führungsriegen und auf Presseverlautbarungen, in denen sich die Mitglieder nicht mehr wiederfanden. Dies war um so frustrierender, als ausgerechnet jetzt diese Vereinigungen die größte Aufmerksamkeit in den in- und ausländischen Medien erhielten.

Innerhalb weniger Monate erlebte die Frauenbewegung einen tiefgreifenden Wandel, sowohl was ihre Zusammensetzung und ihre Aktivitäten anging als auch hinsichtlich ihrer inhaltlichen Forderungen. Ähnlich der politischen Klasse, spaltete sie sich ebenfalls in "Ausrotter" und "Dialogbefürworter".

Zum einen drängten jetzt Frauen aus der zivilen und militärischen Nomenklatura in die Bewegung - genau jene, die immer "diesen erregten Frauen" ihre Geringschätzung entgegengebracht hatten - und sie wurden insbesondere von der AITDF - die in ihrem Feminismus radikalste und aufgrund ihrer Parteiunabhängigkeit offenste Vereinigung aufgenommen. Zusammen mit anderen (vor allem "La Promotion" und AFEPEC) wurde diese Vereinigung zum Instrument eines ,,Staatsfeminismus'' (10) in den Händen der Militärs, und ihre Aktivitäten glichen nunmehr denen jener chilenischen Hausfrauen, die den Putsch von Pinochet unterstützten. Der Widerstand gegen das Familiengesetz, ursprünglich Katalysator des Kampfes der Frauen, wurde dabei zum kriegerischen Deckmantel für diesen Kampf. Obwohl sie von den Machthabern für ihre Zwecke eingespannt wurden, griff die Bewegung diese in ihrem Diskurs nichtsdestotrotz weiterhin heftig an (11). Damit wurde zusätzlich Verwirrung gestiftet, denn hier sprachen Frauen aus Vereinigungen, die im Kampf gegen das Regime gegründet, geformt und legitimiert worden waren. Diese Frauen setzten jene verbale Tradition fort, und das ihr eigene Potential wurde in zynischer Weise benutzt. Zudem stürzten sie sich in eine frenetische Aktivität im Ausland: Sie breiteten sich insbesondere in den internationalen Organisationen aus und beherrschen heute die Bühne der Medien, vor allem in Frankreich.

Andererseits haben sich diejenigen Frauen, die den Parteien nahestehen, die einen Dialog mit der FIS befürworten, dem Pakt von Rom (12) angeschlossen. Doch alle anderen sind hilflos. Wie alle Frauen der Bewegung befinden sie sich letztlich in einer Situation der Unsicherheit und verfügen weder in Algerien noch im Ausland über Möglichkeiten, zu handeln und sich zu äußern. Ihre Reaktionen sind gemischt. Einige haben sogar den Feminismus verleugnet, um sich von den gegenwärtigen Köpfen der Bewegung abzugrenzen. Andere haben sich in eine Haltung des Mißtrauens gegenüber jeder weiblichen Führungspersönlichkeit eingeschlossen.

Unbestreitbar sind es heute vor allem die islamistischen Bewegungen, die gegen die Machthaber in den arabischen Ländern protestieren, und dieser Protest ist radikal. In diesem Kontext werden in Algerien wie anderswo ganz offen die weiblichen Eliten bemüht, um das Image der bedrängten Regimes aufzupolieren. Angesichts des Fehlens politischer Freiheiten, welche die Rechte der Minderheiten schützen, ist es für diese Eliten jedoch immer schwieriger, eine unabhängige Position einzunehmen. Denn je geringer die Legitimität der Regimes ist, um so eher bedienen sie sich zur Machterhaltung der rohen Gewalt, schalten die institutionellen Mechanismen aus oder behalten diese immer kleiner werdenden und ergebenen Eliten vor.

Dieser Verrat könnte den Frauen in Zukunft teuer zu stehen kommen. Wenn der Kampf für die Rechte der Frauen im kollektiven Gedächtnis mit der massiven und blutigen Repression der Opposition (der Parteien, aber auch der Gewerkschaften, kultureller Vereinigungen, also des Großteils jener "Zivilgesellschaft", die infolge der - 1991 zurückgenommenen - demokratischen Öffnung aufgeblüht war) verbunden ist, wird er lange Zeit diskreditiert bleiben, und es wird in Zukunft für die Frauen schwierig sein, sich auf ihn zu berufen. Doch sind nicht alle Frauen diesen Weg gegangen. Nach wie vor ist es möglich, Feministin (13) zu sein, auch ohne jenen starken Drang der Menschen nach sozialer Gerechtigkeit, Würde und Menschlichkeit zu verraten, der seinen Ausdruck über islamistische Parteien, über Vereinigungen und Gewerkschaften gefunden hat. [...]

Aber nachdem der Demokratisierungsprozeß unterbrochen wurde und der größte Teil der Opposition Repression und Verfolgung ausgesetzt ist, muß man sich fragen, worin das Verdienst einiger Feministinnen besteht, die von der Staatsmacht über alle Maßen protegiert werden (bis wann?) und - als Passionarias - überdurchschnittlich präsent in den Medien der westlichen Länder sind? Und was werden sie erreichen, außer daß ihre Sache diskreditiert wird - und in allererster Linie in den Augen jener, die sie zu verteidigen vorgeben? Es wird leider in trauriger Erinnerung bleiben, daß einige algerische Feministinnen die Folter und die zahllosen Übergriffe der Sicherheitskräfte verschweigen, sich an schäbigen Inszenierungen in der reinen Tradition eines Systems, das man allzu schnell vergangen wähnte, beteiligen (von Demonstrationen zur Unterstützung der Machthaber bis hin zu noch Perverseren Shows (14)) und einem Regime Beihilfe leisten, das die elementaren Menschenrechte mit Füßen tritt.

Fatiha Talahite lehrte Ökonomie an der Universität Oran. Derzeit forscht sie am CNRS in Lille.

Übersetzung aus dem Französischen von Lutz Rogler.

 


1 Die Geschichte des Feminismus in Algerien ist noch nicht geschrieben worden. Einige Angaben sind zu finden in: Monique Gadant: Le Nationalisme algérien et les femmes. Paris: L'Harmattan, 1996.

2 Union Generale des Travailleurs Algeriens: von der FLN abhängige Einheitsgewerkschaft, die zu jener Zeit weitgehend von den Kommunisten der PAGS beherrscht wurde.

3 Bedeutung und Aktivität der Gruppe gingen weit über den akademischen institutionellen Rahmen ihrer Gründung hinaus.

4 Union Nationale des Femmes Algériennes: Massenorganisation der FLN, die zu Beginn der 70er Jahre gleichgeschaltet wurde. Dem war eine Zeit interner Auseinandersetzungen vorausgegangen, in deren Verlauf Frauen, die am Befreiungskrieg teilgenommen hatten (mudjahidat), ihren Kampf für Frauenrechte fortzusetzen versuchten.

5 Parti de l'Avant-Garde Socialiste (halblegal, hervorgegangen aus der Kommunistischen Partei Algeriens).

6 Organisation Socialiste des Travailleurs: eine trotzkistische Formation, die später in Parti des Travailleurs umbenannt wurde.

7 Abkürzung für: Association pour la Défense et la Promotion des Femmes.

8 Association Independante pour le Triomphe des Droits des Femmes.

9 Siehe dazu ausführlicher Fatiha Talabite: "Sous le voile, les femmes", in: Les Cahiers de l'Orient (Paris), N° 23, 1993.

10 Der Ausdruck stammt von einer tunesischen Feministin, die damit eine ähnliche Entwicklung der Frauenbewegung in ihrem Land charakterisierte.

11 Bei näherer Betrachtung besteht diese Haltung darin, weiterhin die FLN anzuprangern, obwohl diese nicht mehr an der Macht ist, und gleichzeitig aktiv die Intervention der Militärs zu unterstützen.

12 An dessen Ausarbeitung hat auch eine Persönlichkeit der Frauenbewegung teilgenommen: Lonisa Hannoune, die Vorsitzende der ersten, 1985 gegründeten und 1989 legalisierten Vereinigung (AEFHL oder "L'Égalité"). In Rom vertrat sie die Parti des Travailleurs.

13 Salima Ghezali, Herausgeberin der Wochenzeitung La Nation beruft sich auf einen solchen Feminismus. Sie war die erste Vorsitzende der AEF und begründete die Zeitschrift Nissa ("Frauen").

14 "Die Feierlichkeiten zum 8. März 1995 (...) waren eine Veranstaltung zur Unterstützung der Politik der Ausrottung. Die Leichen von Frauen, die von Islamisten ermordet worden waren, wurden regelrecht zur Schau gestellt. Dagegen wurde auf kein einziges Anzeichen für die 'Übergriffe' der Sicherheitskräfte hingewiesen." Monique Gadant: Le Nationalisme algérien..., S. 40.

 
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