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Schmutzige Hände

Die algerischen Militärs lassen Zivilisten ermorden und schieben den Islamisten die Tat in die Schuhe

Rudolph Chimelli, Süddeutsche Zeitung, 5. Dezember 2001

Als der einstige algerische Fallschirmjäger-Leutnant Habib Souaida zum ersten Mal Zeugnis von den Gräueln ablegte, die von Sicherheitskräften des Regimes verübt worden sind, erschien alsbald Geheimpolizei bei seinen Angehörigen daheim. Der Autor befand sich im Juni letzten Jahres, als Le Monde jene Darstellung veröffentlichte, bereit im französischen Exil. Sein Buch, das im Februar in Frankreich und jetzt auf Deutsch herauskam, erregte sofort ungeheures Aufsehen. Denn es bestätigt, was sowohl politische Gegner als auch unverdächtige Menschenrechts- Organisationen immer schon behaupteten: Ein großer Teil der

Massaker an Zivilpersonen in Algerien wird im Auftrag der herrschenden Militärs angezettelt, um die Islamisten zu belasten beziehungsweise die eigenen korrupten Geschäfte zu verschleiern.

Der „Schmutzige Krieg“ ist genau das, was sein Titel erwarten lässt – keine angenehme Lektüre. Das Buch kommt zu einer Zeit, da die westliche Öffentlichkeit weniger denn je dazu tendiert, wegen der Methoden bei der Bekämpfung radikaler Fundamentalisten zu Skrupeln zu neigen. Mindestens im Falle von Algerien, zwei Stunden von Europa entfernt, sollte man dennoch darüber nachdenken, ob zwischen der terroristischen Gewalt von Islamisten und der systematischen Verletzung von Menschenrechten durch die Regenten ihrer Länder ein Zusammenhang bestehen könnte. Dass westliche Regierungen daran geflissentlich vorbeischauen, hat jedenfalls bisher jede politische Lösung erschwert.

Der Autor schont niemanden, auch nicht sich selbst. Mit 24 Jahren als Leutnant zu den Sicherheitskräften kommandiert, ahnte er nicht, dass er und seine Kameraden „zu regelrechten Monstern verkommen würden“. So schildert er mit vielen Einzelheiten, wie Kollegen einen 15jährigen bei lebendigem Leib verbrannten, wie auf bloßen Verdacht hin routinemäßig gefoltert und gemordet wurde, wie der Kopf eines Islamistenführers dem Chef der Sicherheit in einem Sack auf dessen Schreibtisch nach Algier geliefert wurde.

Während einer nächtlichen Operation holte Souaidia eine Gruppe von Soldaten in Zivil aus der Nähe eines Dorfes ab, dem islamistische Sympathien nachgesagt wurden. Ein Kamerad, den er kannte, machte mit einem blutigen Dolch die Geste des Halsabschneidens. „Es war das erste Mal, dass ich mich als Komplize eines Verbrechens fühlte“, schreibt Souaidia. Am nächsten Tag meldeten die Zeitungen, Terroristen hätten im Dorf ein Dutzend Menschen ermordet.

Souaida entlastet nicht die Islamisten, die gleichfalls „schreckliche Verbrechen“ begehen. Aber er nennt die Namen der Verantwortlichen auf Seiten des Regimes: die Generäle Khaled Nezzar, ehemaliger Verteidigungsminister, Smain Lamari, Sicherheitschef, und Mohamed Mediene, dessen rechte Hand.

Das Buch ist schwer zu lesen und schwer zu widerlegen. Dennoch wird es versucht. Nezzar hat Souaida wegen Verleumdung verklagt und kündigt an, er werde im kommenden Februar zum Prozess nach Paris kommen. Im vergangenen Frühling reiste der General schon einmal plötzlich aus Frankreich ab, weil er Strafverfolgung fürchten musste – obwohl ihn im Prinzip sein lebenslänglicher Diplomatenstatus schützt.Eine Reihe kämpferisch laizistischer Publikationen in Frankreich versucht, dem Autor Fehler und Irrtümer nachzuweisen. Oder er soll als Schwindler diskreditiert werden, weil Souaidia nach seiner Militärzeit wegen des angeblichen Handels mit gestohlenen Autoteilen vier Jahren im Gefängnis saß. „Unschuldig“, behauptet dieser. Man habe seine unzuverlässige Gesinnung durchschaut und ihn mundtot machen wollen.

Doch Souaidia hat auch viele Verteidiger, an erster Stelle Ferdinando Imposimato, der in Italien als Richter durch seine Ermittlungen gegen Maffia und Terror bekannt wurde. Imposimato, der heute Vizepräsident h.c. des Kassationsgerichts in Rom ist, schreibt in seinem Vorwort zum „Schmutzigen Krieg“, ihm sei in Algerien immer die Kluft zwischen der Wirklichkeit und ihrer Darstellung durch die Medien aufgefallen. Er hatte stets den Verdacht, dass „der institutionelle Sicherheits- und Repressionsapparat, oder zumindest Teile davon, in einem so großen Ausmaß , wie es der Autor aufzeigt, in die Gräueltaten verstrickt sein könnte“.

HABIB SOUAIDIA: Schmutziger Krieg in Algerien, Bericht eines Ex- Offiziers der Armee (1992–2000), Chronos Verlag, Zürich 2001. 200 Seiten, 38 Mark.

 
Druckversion

Die Mordmaschine: Bericht über Folter, geheime Haftzentren u. Befehlsstrukturen (Algeria-Watch, 01/04, pdf, 870 kb)

DRS, GIA und Straflosigkeit (M. Samraoui, Inamo, Herbst 2003)

GIA: Bewaffnete Islamische Gruppen im Dienste der algerischen Sécurité militaire? (aw, März 03)

A. Tigha, Ex-Geheimdienstmitarbeiter, packt aus (Januar 03)

Wer tötete die Mönche von Tibhirin (aw, Januar 03)

Die Junta vor Gericht (AW, Sept. 02)

 
www.algeria-watch.org