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V-Männer des Regimes in der Kasbah

- Ein Imam und ehemaliger Chef der Kasbah von Algier spricht über die Tragödie Algeriens.

(Valerio Pellizzari in Il MESSAGERO vom 1. Feb. 1998)

Algier - Der Ramadan ist blutig zu Ende gegangen. Von Dienstag bis Freitag haben die Integristen fünfzig Menschen ermordet, vierzig Fundamentalisten wurden gleichzeitig von den Militärs niedergeknüppelt. Selbst auf Friedhöfen, wo sich die Familien traditionell zum Ende des Ramadan hinbegeben, wurden zwei Anschläge verübt.

Marseille - Amar war der Chef der Kasbah, der Mann, der das legendäre und rebellische Herz Algiers im Griff hatte, dort wo sich sechzigtausend Menschen in einem Spinnennetz weißer Häuser und enger Gassen zusammendrängen. Er war der Imam der Moschee Sidi Ben Ali, von 1986 bis Anfang 1993. Und etwas von dieser religiösen Rolle haftet ihm noch an unter dem langen, schwarzen Mantel und dem kleinen Schultersack. Aber vor allem war er Chef des Exekutivbüros der Islamischen Front im Innern der uneinnehmbaren Zitadelle. Er benutzte dieselben Militärkarten und dasselbe Versteck wie einst Yacef Saadi, der Held der Schlacht um Algier gegen die Franzosen, im unvergeßlichen Film des italienischen Regisseurs Gillo Pontecorvo.

Vor mehr als einem Jahr hat Amar Algerien verlassen, seitdem lebt er illegal in einem europäischen Land. Ab und zu kehrt er illegal für einen kurzen Aufenthalt in sein Heimatland zurück. In einem neunstündigen Gespräch, das an vier verschiedenen Orten stattfand, erzählt er, wie die algerischen Geheimdienste ab 1991 begannen, ihre Leute in die islamische Bewegung einzuschleusen, sie bis ganz nach oben aufsteigen zu lassen und gleichzeitig die moderaten Kräfte, die sich dem Bürgerkrieg und dem Gemetzel widersetzten, auszuschalten. Bisher hat der Kasbah-Chef sich dazu nie äußern wollen. Hier gibt die Islamische Front jetzt zum ersten Mal zu, daß sie durch die Leute des Regimes unterwandert und manipuliert worden ist.

Mohamed Kadour erscheint etwa Ende 1991 in der Moschee. Er bietet zur Unterstützung der islamischen Sache einen Geldbetrag an, will das Geld jedoch persönlich dem für die Kasbah Verantwortlichen aushändigen. Instinktiv mißtraut der Imam diesem unbekannten Wohltäter und fragt nach seinen Ausweispapieren. Kadour zeigt ihm seelenruhig seinen Ausweis, aus dem hervorgeht, daß er Hauptmann der Armee ist. "Ja, ich arbeite im militärischen Sicherheitsdienst, aber ich sympathisiere mit euch. Ich will in diesen schwierigen Zeiten mit euch zusammenarbeiten." Drei Tage später erscheint der Hauptmann in der Moschee und betet mit den anderen zusammen. Amar ist bald sicher, einen ernsthaften Anhänger vor sich zu haben, unter anderem deshalb, weil der erste Kontakt des Hauptmanns über "Ali Karate" gelaufen ist, einen früheren Leibwächter von Madani, einem der drei Gründer der FIS. Amar akzeptiert eine Spende von neunzigtausend Dinar, etwa zweitausend Dollar, eine große Summe im wirtschaftlichen Alltag der Algerier. Der Hauptmann schlägt eine Strategie vor: "Wenn Ihr zu den Waffen greift, helfen wir euch, schulen wir euch. Wir können euch helfen, strategisch wichtige Ziele zu treffen." Der Imam berät sich mit ein paar Dutzend seiner Männer, und sie beschließen, nicht zu handeln. Viel später werden sie erfahren, daß andere Militärs andere Stadtteile auf die gleiche Weise unterwandern. Ein berühmtes Opfer dieser V-Männer ist "Jafar der Maler". Als konkrete Demonstration der Unterstützung der islamischen Sache erhält er zwanzig Kilo TNT, Sprengstoff für ein Attentat. Der Sprengstoff wird jedoch umgehend bei einer Hausdurchsuchung durch die Polizei entdeckt, und das Fernsehen eilt herbei, um den auf frischer Tat ertappten Terroristen zu filmen. 1991 ist auch das Jahr, in dem die beiden islamischen Sicherheitsbrigaden, die die Regierung als Alternative zur FIS initiiert hat und die inzwischen ihre Schulung in Syrien und Saudi-Arabien abgeschlossen haben, mit ihren Operationen beginnen.

Der 11. Januar 92 ist ein tragisches und entscheidendes Datum für Algerien. Die Militärs übernehmen die Macht, lösen das Parlament auf. Der Wahlsieg der Islamischen Front, die die absolute Mehrheit errungen hat, wird annulliert. In der Nacht vor dem Staatsstreich ruft jemand im Auftrag des Zentralbüros der Front in der Kasbah an, nennt das richtige Kennwort und ruft zum Kampf auf. Amar ist unschlüssig. "Zu dem Zeitpunkt hatten wir lediglich Zugang zu Molotow-Cocktails, kochendem Öl, Messern. Wer konnte nur einen solchen Befehl erteilt haben?" Der Imam prüft nach und entdeckt schnell, daß dieser Aufruf nicht aus den Reihen der Bewegung gekommen ist. Der Heilige Krieg wird vorläufig vertagt. Nach dem Auftauchen des frommen und großzügigen Hauptmanns ist unterdessen auch Farid in Aktion getreten, ein eifriger Muezzin in der Moschee von Bab el Oued, dem explosivsten muslimischen Viertel Algiers. Er wurde schon einige Zeit vorher bei der islamischen Jugend eingeschleust. Farid erzählt, er werde von der Polizei gesucht, verläßt die Moschee und versteckt sich in der Kasbah. Er ist voller Initiative, hat keine Angst vor den schwierigen Aufträgen und sucht sich immer ganz junge Kameraden von sechzehn, siebzehn Jahren aus.

Eine Gruppe Guerillakämpfer steigt hinunter in die Stadt, um dort einen Polizeikommissar auf seiner Heimfahrt zu töten. Farid schießt, aus eigenem Antrieb, auf die Frau. Die Kameraden protestieren sofort: "Die Frau hat nichts damit zu tun. Wir sollen auf militärische Ziele und Regierungsbeamte schießen." Er rechtfertigt sich, indem er eine Sure aus dem Koran rezitiert, in welcher die Zerstörung eines ganzen Dorfes empfohlen wird. Und er rechtfertigt sich in noch stärkerem Maße, indem er ununterbrochen einsatzbereit ist und jederzeit zu helfen weiß. Er schafft es immer, ein Auto zu besorgen, wenn eins gebraucht wird, oder eine sichere Wohnung, um jemanden zu verstecken. Er ist es auch, der die ersten Maschinenpistolen der Typen Uzi und Skorpio beschafft und Sprengstoff, TNT. Außerdem reist er ungehindert zwischen Algerien und Frankreich hin und her und hat niemals irgendwelche Probleme an den Grenzen.

Im Alter von 31 Jahren ist Farid ein Aktivist auf der Karriereleiter. Der Imam der Kasbah erkennt seine unermüdliche Verfügbarkeit an, ist jedoch nicht mit seinen gewalttätigen und brutalen Methoden einverstanden. Eines Tages lädt Farid, der ehemalige Muezzin von Bab el Oued, einige Führungsmitglieder der FIS in eine sichere Wohnung ein. Kaum sind sie eingetroffen, geht er hinaus, um eine Zeitung zu kaufen. In der Zwischenzeit schlagen Spezialeinheiten zu. Nur Farid kann sich retten. Zu jenem Zeitpunkt ist der Emir Shafik in der Hierarchie des Islam der militärische Befehlshaber für den gesamten Bereich Algeriens. Anders als die Extremisten, die nicht unterscheiden wollen zwischen Militärs und wehrlosen Zivilisten, verfolgt er hartnäckig eine moderate Linie. Farid geht eines Tages mit ihm aus. In Cuba, einem Stadtviertel, das zu Zeiten der Einheitspartei zum Ruhme des Internationalismus der Dritten Welt erbaut wurde, bleibt er stehen, um in eine Apotheke einzutreten. Ein Lieferwagen fährt vor, ein paar Salven sind zu hören, Shafik wird getötet. Nach der Schießerei taucht Farid mit seiner Arznei wieder auf. Es steigt die Unruhe über die Zufälle, die Farid immer wieder in der letzten Minute das Leben retten. Aber es wächst auch der Mythos von seiner Verwegenheit. Zwischen 1992 und 1993 wechselt der ehemalige Muezzin von der FIS zur GIA, der Bewaffneten Islamischen Gruppe, wo er weiter in der Hierarchie steigt, bis er die Nummer zwei wird. Die GIA steht für die schmutzigste und dunkelste Seite des algerischen Bürgerkrieges überhaupt, eine Mischung aus Fanatikern, V-Leuten und gemeinen Kriminellen. Das belegen wiederholte Aussagen von in den vergangenen Monaten ins Ausland geflohenen Militärs.

Farid steigt auf, die Tätigkeit des Hauptmanns Kadour hingegen läßt nach. Ab und zu kehrt er in die Kasbah zurück und wirbt in jenem unberechenbaren und unruhigen Viertel

mit immer wieder neuen Ideen für den Aufstand. Die Männer der FIS stehen gemeinsam auf dem Standpunkt: Wenn die Militärs uns helfen wollen, müssen sie allein etwas tun; wir wollen nicht zum Vorwand für den Bürgerkrieg werden. Der Hauptmann erhält Anfang 1993 eine definitive Absage. Der Kontakt zur Kasbah ist unterbrochen. Kurz danach erscheinen bei einem der immer noch zahlreichen Zufälle die Militärs, um Amar festzunehmen. Der ist jedoch schon untergetaucht.

Farid spürt inzwischen neuen Opfern nach, alle sind sie Befürworter moderater Positionen. Seine Gruppe organisiert einen Anschlag auf General Nezzar, den Verteidigungsminister. Der ehemalige Muezzin soll zwei Aktivisten in seinem Auto mitnehmen. Es sind nicht die üblichen begeisterten und naiven Jugendlichen, sondern zwei Guerillakämpfer, die schon in Afghanistan gegen die Sowjets gekämpft haben. Sie verstauen die Sprengladung im Fahrzeug. Farid entfernt sich, und das Auto explodiert, mit den beiden Afghanen darin. Der Unterschied zwischen militärischen Zielen, zivilen Zielen und inneren Feinden, die sich der unterschiedslosen Gewalt widersetzen, wird immer undeutlicher. Unter den Terroristen steigt die Neigung zu barbarischen Gemetzeln, die sich zunächst gegen ausländische Ziele richten und dann gegen die algerische Bevölkerung, die ihre Dörfer verteidigt.

Farids letztes Unternehmen spielt in Marokko, wo ein Treffen der FIS stattfindet. Der Verräter informiert die marokkanischen Behörden, und der Leiter der Gruppe wird an die algerischen Behörden ausgeliefert. Jetzt glaubt in den oberen Rängen der FIS niemand mehr an das Glückskind Farid. Er wird in die Nähe der Stadt Larbaa befohlen, und sein gesamter Verrat wird ihm zur Last gelegt. Erst bestreitet er heftig, dann zieht er eine Granate aus der Tasche und versucht, sie zu zünden. Er wird daran gehindert. Man schneidet ihm mit einem Messer die Kehle durch. 1994 ist das dritte Jahr des algerischen Bürgerkrieges, aber die Gemäßigten im Innern der Kasbah werden weiter eliminiert. Noch im selben Jahr wird Fuad Bouchalaram, Professor für Kernphysik an der Universität und überall als ein ehrbarer und friedliebender Mann bekannt, vierzehn Tage lang vom Geheimdienst in seinem eigenen Haus gefoltert, vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder. Bis sein Körper sich nicht mehr bewegt. Die Liste der sinnlosen Toten wird immer länger. Und Amar beschließt eines Tages, vom Tod der Männer in der Kasbah zu erzählen.

Übersetzung aus dem Italienischen: Karin Ayche

 
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