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"Dann müssen sie uns alle töten"

Andreas Spannbauer und Antje Frieling, Jungle World. 24. Februar 1999

Nach dem Tod des Algeriers Omar Ben Noui gibt es in Guben nur zwei Gewißheiten: Die Überzeugung vieler Deutscher, daß die Menschenjagd einen Grund gehabt haben muß - und die Verzweiflung der Asylbewerber.
Horst Protz ist sich sicher. "Die Stimmung ist gut, wie sollte sie denn sonst sein", versichert der untersetzte Taxifahrer, während er auf dem menschenleeren Bahnhofsvorplatz im Motorraum seines Daimler-Benz 230 E Hand anlegt. "Wenn der so bekloppt ist und durch die Scheibe läuft..." "Der", das ist der 28jährige Asylbewerber Omar Ben Noui, der bei einer abendlichen Hetzjagd rechtsradikaler Jugendlicher am 13. Februar in Guben umgekommen ist. Protz hat kein Mitleid mit dem Algerier, und er weiß von sich, daß er recht hat.

"Wenn ich irgendwo Asylant bin, hab ich um zwei Uhr nichts mehr auf der Straße zu suchen", sagt der Mann in der gealterten grauschwarzen Lederweste, die nur unzureichend den Strickpullover aus DDR-Beständen kaschiert. Wenn er redet, macht er keine Pausen. Selbstzweifel läßt er nicht erkennen. Überhaupt gehe das schon länger so mit den Ausländern, erzählt Protz grobschlächtig, mit "Mädels angrabschen". "Die wollen ja alle nur heiraten." Ausländische Fahrgäste befördert er in seiner Taxe aus Prinzip nicht: Wegen dem "Messer in der Rippe" und den empfindlichen Haftstrafen, die den Taxifahrern an der Ostgrenze der Republik beim Transport von illegalen Einwanderern drohen.

Von den Rechten hält der ehemalige Fernfahrer, der sich jetzt zusammen mit seinem Sohn im Gubener Taxigewerbe durchschlägt, ebenfalls nichts: "In Deutschland gibt es keine Strafen mehr", meint er bedauernd und läßt zusehends emotionale Beteiligung erkennen. "Wer die Schuhe auf die Sitzfläche macht", zeigt er auf die Parkbank gegenüber, "der baut auch sonst Scheiße". Von randalierenden Rechten ist bei dem Mann nicht die Rede: Für ihn sind es "Chaoten", ohne Sinn für Ordnung und Zucht. Im Eifer des Gefechts kann sich der Gubener sogar für die Nachbarn aus Polen begeistern. Protz rückt nach vorne, ahmt mit seinen kräftigen Armen den ultimativen Blick auf die Uhr eines polnischen Polizisten nach und demonstriert mit ein paar Wortfetzen seine Sprachkenntnisse. "30 Sekunden, dann gibt's gleich Senge, wenn irgendwas ist. Und dann in'n Keller für 24 Stunden bei Brot und Wasser." Dazu deutet er mit schnellen Bewegungen Schläge mit dem Knüppel an. "Verstehen Sie?" fragt er und lächelt durch seine Zahnlücke in die Februarsonne.

Normalität wird in der "Perle der Lausitz" (Theodor Fontane) groß geschrieben, wahrscheinlich schon, seitdem der Markgraf Heinrich der Erlauchte Guben 1235 die Stadtverfassung verliehen hat. Selbst in dem 300 Meter langen, blaßgelb und braun gestrichenen und mit Neonröhren nur unzureichend beleuchteten Fußgängertunnel, der zum Bahnhof führt, sucht man vergebens nach rechten Parolen. Die Grenzstadt ist das, was vor 1989 Städte wie Helmstedt für Westdeutschland waren: Zonenrandgebiet.

Von den 40 000 Einwohnern, die nach der Wende hier ansässig waren, sind heute noch rund 29 000 übriggeblieben, Tendenz fallend. Das Warenangebot in der Innenstadt ist beschränkt. Der Buchladen in der Frankfurter Straße präsentiert in seinem Schaufenster die Top-Themen der Saison: "Deutsche Heldensagen", "Die Sagen der Germanen", "Unvergängliche deutsche Gedichte", ein halbes Dutzend Taschenbücher über Ufos und die CIA. Das Spiel "Ferner Osten. DDR-Würfelrallye und Ratespiel mit 'Ach-Ja-Effekt'" rundet das Angebot ab. Daneben erinnert ein Fachgeschäft für Hüte an die Größe längst vergangener Tage. "1854 erfand der Gubener Hutmacher Carl Gottlob Wilke den wasserdichten Wollhut und begründete die Hutindustrie", vermerkt die Touristeninformation auf dem Stadtplan nicht ohne Stolz.

"Wer die Jugend hat, hat die Zukunft", schrieb der Sozialistenführer Karl Liebknecht. Hier an der Neiße gehört die Zukunft den Rechten. "Was kann ich dafür, wenn der Ausländer gegen die Scheibe springt", fragt auch Sven. Der achtzehnjährige Maurerlehrling mit der adretten beigen Levis-Jeans und dem tarnfarbenen Rucksack nennt sich selbst "einen geborenen Rechten". Nein, gegen Ausländer hat er nichts, repetiert er hundert Meter vor dem Grenzübergang ins polnische Gubin das wohl älteste Klischee der rechtsextremen Szene, "aber die sollen bleiben, wo sie sind". Warum? "So halt eben, und weil sie klauen". Ein Fahrrad ist schon mal weggekommen bei einem Freund, und man kann nicht ausschließen, daß es einer gestohlen hat, der keinen deutschen Paß in der Tasche hatte.

"Schreib auch, daß ich gegen den Staat bin", fügt er hinzu, "weil der die Ausländer ins Land läßt." Sonst hat Sven keine Probleme mit dem Staatswesen, und Zukunftsängste sind ihm fremd. Er mag nur eben keine Fremden. Für den Nachmittag verspricht er eine Klopperei zwischen Linken und Rechten in der "Sprucke", dem Neubauviertel am Ortseingang von Guben, in dem Omar Ben Noui vor anderthalb Wochen um fünf Uhr morgens in der Hugo-Jentsch-Straße qualvoll im Hausflur eines Plattenbaus verblutet war. "Der war doch ein Mensch, ob er ein Ausländer war oder nicht", meldet sich zaghaft Svens kleiner Bruder André zu Wort, der offensichtlich den Beastie Boys nacheifert und die Ansprache des Bürgermeisters bei der Mahnwache am Tag nach dem Tod des Asylbewerbers gehört haben muß. "Umsonst werden die ihn nicht gehetzt haben", kontert Sven, der Kloppen "geil, jo" findet. Weil sonst nichts los ist, freut er sich schon auf später.

Von einer Massenschlägerei ist am frühen Nachmittag in der "Sprucke" nichts zu sehen. Höchstens zehn Menschen sind gekommen, um bei der Anbringung einer Gedenktafel der Antifa am Eingang der Hugo-Jentsch-Straße 14 dabeizusein, ein Drittel davon sind Journalisten. Die Rede ist immer noch vom Ablauf des Abends und dem Versagen der Behörden, die ein anderes Opfer des rechten Freizeitvergnügens vier Stunden lang mit Handschellen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden haben.

Bereits Stunden vor dem Mord, erzählt Arndt Wehmeier, hätten stadtbekannte Rechtsextreme einem dunkelhäutigen Deutschen gedroht: "Wenn wir Dich das nächste Mal kriegen, töten wir Dich." Der 36jährige Wehmeier lebt seit sieben Jahren in der Stadt an der Neiße, seit zwei Jahren arbeitet er zusammen mit 15 anderen Aktivisten in der örtlichen Antifa-Gruppe mit. Weil er zur Zeit arbeitslos ist, hat er Zeit, sich zu engagieren. "Wir versuchen, die Stadt zu kontrollieren", berichtet er. Der Tod Omars sei nur die Spitze des Eisberges.

Wehmeier selbst sollte zuletzt vor einer Woche "plattgemacht werden". Ein anderer Teilnehmer der Versammlung weiß, wie er darauf reagieren will: "Klar würden wir denen auch gern mal auf die Schnauze hauen." Etwa 15 hartgesottene Kameraden soll es nach Auskunft der Antifas in der Stadt geben, die meisten im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Man kennt sich, und wenn man sich über den Weg läuft, sind Pöbeleien die Regel. Auch Gerüchte gibt es in der letzten Zeit genug: Die Rechtsradikalen, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, hätten seit neuestem auch scharfe Handfeuerwaffen. Die rechte Szene wiederum befürchtet einen Rachefeldzug der Araber und Kubaner.

Gedenken ist in Guben schwierig. Das Anbringen einer Tafel will die Polizei mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung ahnden, wenn nicht zuvor das Einverständnis der Wohnungsbaugesellschaft vorliege. Die Blumen vor dem Hauseingang, die an den toten Algerier erinnern sollen, sind bereits angewelkt. "Soviele Kerzen gibt es gar nicht, wie man sie nach der Bluttat von Guben anzünden möchte", hatte die BZ geschrieben. Viele sind es tatsächlich nicht geworden. Die Hakenkreuze, die nur wenige Tage nach dem Tod des Asylbewerbers an die Wand gesprüht worden sind, hat die Stadt säuberlich entfernen lassen, zwei Ecken weiter soll es schon wieder neue geben.

"Wer Fremde jagt, als Mensch versagt", mahnt ein blaues Pappschild. Weniger humanistisch ist der Aufkleber auf der Heckscheibe des Autos, das gegenüber vom Tatort parkt: "Tötet Kinderschänder - sofort!" Darunter prangt ein Aufkleber der DVU. Und auch die Mienen der vorbeiziehenden jungen Männer in silbernen Bomberjacken, die sich die Schädeldecke für jeden erkennbar mit dem Naßrasierer bearbeitet haben und zum Stadtbild gehören wie der ewig abbröckelnde Putz, zeigen keine Spur des Bedauerns. Noch am Samstagmorgen, wenige Stunden nach dem Tod ihres Opfers, sollen die Rechten hier am Tatort gefeiert haben: Dieses war der erste Streich, so lautete ihre Botschaft, und der nächste folgt sogleich.

"Wer nicht rechts ist, hat hier keine Freunde", sagt auch die sechzehnjährige Anja vor dem Porträt Ben Nouis. Sie findet es "tragisch", was vorgefallen ist. Seit sie davon gehört hat, ist sie "völlig mitgenommen", auch die Trauerfeier mit Brandenburgs Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, seinem Gegenspieler Jörg Schönbohm und der Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin hat sie im Fernsehen gesehen. Ob sie was gegen den rechten Trend tun will? Ja, sagt sie unentschlossen.

Für das persönliche Leben hat die Betroffenheit nur geringe Konsequenzen. Ihre Freunde sind trotzdem in der rechten Szene. "Die haben halt ihre Meinung", entschuldigt sie sich, und schiebt hinterher: "Rechts ist hier die Mehrheitsmeinung. Ich habe auch keine Lust, dann am Ende allein dazustehen." Ihr Vater, ein Pole, sitzt zitternd im Nebenzimmer, wenn seine Tochter Besuch hat. Auf die Straße traut er sich seit der tödlichen Hetzjagd kaum mehr.

Anjas Freundin Angelika, ebenfalls polnischer Herkunft, hat selbst schon Erfahrungen mit rechten "Mitläufern" hinter sich, wie sie sagt. "Scheiß Polenschlampe" werde ihr auf der Europaschule hinterhergerufen, und auch Schläge seien keine Seltenheit. Einmal habe sie zurückgeschlagen, erzählt das zierliche blonde Mädchen, an deren Schule erst vergangene Woche wieder Hakenkreuze an die Wände gemalt wurden. Ihr Kontrahent habe sie zu Boden geworfen, der Widerstand endete mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Geholfen haben ihr nur wenige. "Die Mädchen haben zu mir gehalten, die Jungs haben nichts weiter gesagt." Angelika freut sich trotzdem auf die doppelte Staatsangehörigkeit. In Guben, wo sie seit sieben Jahren lebt, will Angelika auf jeden Fall bleiben.

Die Asylbewerber, die in dem Heim in der Forster Straße 16 untergebracht sind, müssen dableiben. Drei Reihen Stacheldraht und ein gußeisernes Tor umzäunen das Gelände. Der martialische Gedanke an ein Lager verfliegt beinahe angesichts der Berichte der Heimbewohner: Es ist nicht der Stacheldraht, der sie einsperrt. Im Inneren ist die Stimmung entspannt, obwohl nach Einbruch der Dunkelheit die Sicherheitsmaßnahmen neuerdings verstärkt worden sind. Nach draußen will hier keiner mehr, in die Stadt fahren viele mit dem Taxi, ein teures Vergnügen für jemanden, dem die Ausländerbehörden nur 80 Mark Taschengeld im Monat zugestehen und dem eigene Arbeit gesetzlich untersagt ist. Für viele im Heim ist nur der tödliche Ausgang der Ausländerhatz der jungen Deutschen neu.

"Es sind schon oft Flaschen und Feuerzeuge aufs Gelände geflogen", sagt ein neunzehnjähriger indischer Asylbewerber angespannt. Namen wollen viele hier nicht nennen, aus Angst vor Repressalien. Einem Freund sei es vor etwa einem Jahr ähnlich wie Omar ergangen, fügt er mit gesenktem Blick hinzu: Damals habe eine Gruppe von deutschen Jugendlichen zwei seiner indischen Freunde vor einer der beiden Gubener Discotheken angegriffen. Einer der beiden wurde anschließend mit schweren Verletzungen im Schnee liegengelassen. "Wenn er noch fünf Minuten länger draußen gelegen hätte, wäre er tot gewesen." Seit dem Tod seines Zimmerkameraden Omar traut sich der junge Inder noch weniger auf die Straße als zuvor. In die Disco hat er sich schon vorher niemals gewagt - aus dem Wissen heraus, daß dort deutsche Jugendliche auf Leute wie ihn warten. Ohnehin sei ihnen, den Ausländern, der Besuch der Discothek "Danceland" mittlerweile verboten worden. Die Alternative ist der Rückzug hinter den Stacheldraht des Wohnheims.

Seit zwei Jahren lebt der Inder in Guben. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, jetzt wartet er auf die Abschiebung. In Indien, so weiß er durch den spärlichen Kontakt mit seiner Familie, suchen die staatlichen Behörden weiterhin nach ihm. Als Mitarbeiter des "Social Telephone Departments" in Punjab wurde er verdächtigt, mit Terroristen zusammenzuarbeiten. Die Beschuldigungen stritt er ab. Wenn er abgeschoben wird, steht sein Leben auf dem Spiel. Auch andere Bewohner des Heims leben nicht erst seit dem dem tödlichen Wochenendvergnügen der Rechtsextremisten in Angst. Der 26jährige Alifet S. aus dem Kosovo will keinesfalls alleine aus dem Wohnheim gehen. Nur als Gruppe sei man auf der Straße vor den Angriffen von rechten Glatzköpfen geschützt. "Ich habe Angst, daß es mir so wie Omar gehen könnte", fürchtet er sich.

"Was meine Leute hier erleben, ist nicht mehr normal", sagt auch Heimleiter David Nicette. Vom Medienrummel um den Toten ist er angeekelt. Wenn kein Blut fließe, interessiere sich niemand für die Lebensbedingungen der Nichtdeutschen in Brandenburg, sagt er. Die Reporter der Bild-Zeitung hat er sogar rausgeschmissen: Sie hätten ihm einen vorformulierten Text vorgelegt. "Dieses Volk ist rassistisch", meint Nicette, der selbst Ausländer ist. Auch bei der Polizei sei Rassismus eher die Regel denn die Ausnahme. Seit 1992 leitet er die beiden Wohnheime in Guben und Sempten - in letzterem hatte auch Omar Ben Noui gewohnt. Einmal in sieben Jahren habe er wegen Streitigkeiten unter den Bewohnern die Polizei alarmiert. Diese habe einen Einsatz abgelehnt, erinnert sich Nicette wütend. "Wenn wir jemanden festnehmen", habe man ihm mitgeteilt, "müssen wir eine Stunde später das ganze Auto desinfizieren."

Vor rund einem Jahr wurde auch der Heimleiter zur Zielscheibe der rechten Gewalt. An der Aral-Tankstelle am Ortseingang wurde er bedroht, Jugendliche reckten den Arm zum Hitlergruß. "Die Polizei stand daneben und sah zu, bis heute habe ich auf meine Anzeige keine Antwort erhalten." Die wollen keinen Papierkram, erklärt er die Haltung der Polizei.

Auch an die Version der Polizei, Omar habe sich beim Einschlagen der Scheibe die tödlichen Verletzungen zugezogen, glaubt Nicette "keine Sekunde lang". Im Obduktionsbericht tauchten auch blaue Flecke auf, so Nicette. Er hält es für wahrscheinlicher, daß Omar Ben Noui von seinen Verfolgern in die Glastür geschleudert oder beim Eintreten der Tür zu Fall gebracht worden sei. Ein Skandal sei es auch, daß die am Tatort anwesenden Polizisten trotz des Hinweises eines Anwohners die Täter nicht dingfest gemacht hätten, als diese noch vor der Tür standen. Die Beamten hätten dies mit der Notwendigkeit begründet, sie müßten den Tatort sichern.

Den Heiminsassen hat Nicette zur Ruhe geraten. Racheaktionen, so meint er, würden die Situation nicht verändern. "Dann wären wir genauso wie die Nazis." Zögernd fügt er hinzu: "Aber vielleicht haben wir einmal keine andere Wahl mehr." Aufgeben will Nicette nicht: "Wenn sie uns hier weghaben wollen, dann müssen sie uns alle töten."

Für diese Woche hat der parteilose Bürgermeister Gottfried Hain einen runden Tisch einberufen. Zu den Gesprächen über rechtsextreme Gewalt, so munkelt man im Ort bereits, sollen auch die Rechten eingeladen sein. Das Besondere an Guben ist, daß hier keine Ausnahmesituation vorherrscht, sondern Normalzustand.

 
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