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Der schmutzige Krieg in Algerien

Salima Mellah*, Inamo, Nr. 26, Sommer 2001

Zwei Bücher sorgen seit einem halben Jahr in Algerien und in Frankreich für Aufsehen und haben eine rege Debatte über die Rolle der algerischen Armee in dem seit neun Jahren andauernden Krieg entfacht. Die Vorraussetzungen für eine öffentliche Diskussion über die Verantwortung der Armeeführung für Massaker und andere schwere Menschenrechtsverletzungen sind günstiger als je zuvor: In Frankreich wird seit Sommer 2000 über die systematische Anwendung von Folter durch die französische Armee während des Algerienkriegs diskutiert, und viele verlangen, daß die noch lebenden französischen Militärs dafür verurteilt werden. Offiziell hat die algerische Regierung diese Diskussion eher ignoriert, denn damit würde zwangsläufig die Frage nach ihrer Verantwortung für die aktuellen Menschenrechtsverletzungen aufgeworfen.

"Wer tötete in Bentalha?"

"Qui a tué à Bentalha?" [1] ist eine Chronik der Ereignisse in einem Viertel, das im September 1997 Schauplatz eines der größten Massaker Algeriens wurde. Nesroulah Yous, ein Überlebender, schildert seine Erlebnisse nach dem Abbruch der ersten freien Parlamentswahlen 1992 in einem Viertel, in dem der bewaffnete Widerstand zahlreiche Befürworter fand. Gruppen bildeten sich, die die Staatsmacht bekämpften und von der Bevölkerung unterstützt wurden. Die Bevölkerung sah sich zusehends unter Druck gesetzt, da die Anschläge, die anfangs noch gezielt waren, immer willkürlicher wurden und sie selbst trafen. Die Grenzen zwischen den scheinbar gegensätzlichen Protagonisten - dem Militär und den bewaffneten Gruppen - verschwammen zusehends, denn sie verschmolzen oftmals zu einem einzigen Akteur. 1994 erkannte Nesroulah Yous in der Region Meftah bei Straßensperren als Islamisten verkleidete Mitglieder von Sondereinheiten, die er in der naheliegenden Kaserne getroffen hatte: Ein deutlicher Hinweis darauf, daß die Sondereinheiten in Verbrechen, die den Islamisten zugerechnet wurden, verwickelt waren. Die Zivilbevölkerung wurde zur Flucht gezwungen, und manche Familien kamen 1996 und 1997 in Bentalha unter.

Obwohl die Armee seit 1996 die Kontrolle über die Region übernommen und über 100.000 Soldaten dort stationiert hatte, war die Umgebung von Algier Schauplatz von kleinen und großen Massakern. In der Nacht vom 22. zum 23. September 1997 überfielen 200 Männer das Viertel Hai Djilali in Bentalha. Der Bereich, der angegriffen wurde, umfaßt gerade mal fünf Straßen mit etwa 100 Häusern. Die Angreifer verfügten über Namenslisten und drangen in die Häuser ein, in denen die Flüchtlinge aus der Region um Medea wohnten, und massakrierten sie. Das Gemetzel dauerte über fünf Stunden. Währenddessen warteten Panzerfahrzeuge und Krankenwagen etwa in hundert Meter Entfernung. Drei Straßensperren hinderten die herbeieilenden Nachbarn daran, einzugreifen, die Fliehenden wurden zurückgedrängt. Erst in den frühen Morgenstunden, nachdem die Zivilisten die Sperren durchbrochen hatten, um den Opfern zu Hilfe zu eilen, tauchten Soldaten auf. Die Angreifer hatten inzwischen das Viertel unbehelligt über einen kleinen Sandweg verlassen können, der nur wenige Hundert Meter von mehreren Militärsstützpunkten liegt.

Von offizieller Seite wurde immer wieder, um die Nicht-Intervention der Soldaten zu rechtfertigen, auf die Verminung des Geländes verwiesen. Die Bewohner des Viertels und die Nachbarn dementieren dies jedoch. Die präzisen Schilderungen von Nesroulah Yous haben erneut Vermutungen bestärkt, daß das Militär zumindest mitverantwortlich für die Massaker ist, die bis heute zahlreiche Opfer in abgelegenen Ortschaften fordern. Bereits 1997 und 1998 hatte sich die algerische Regierung darum bemüht, die empörte internationale Öffentlichkeit zu beruhigen und war dabei auf die wohlwollende Haltung vieler ausländischer Politiker und Persönlichkeiten gestoßen. Eine europäische Delegation, eine UN-Delegation sowie namhafte Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann besuchten Algerien und kehrten mit der Botschaft zurück, die Massaker seien von islamischen Fundamentalisten verübt worden und die Frage "Wer tötet?" sei schlicht und einfach "obszön". Die Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission wurden somit erstickt.

"Der schmutzige Krieg"

"La Sale Guerre", [2] das Buch eines ehemaligen Offiziers, bestätigt die schweren Anschuldigungen gegenüber der Armee. Habib Souaidia, Fallschirmjäger und Ex-Mitglied der Sondereinheiten, beschreibt den schmutzigen Krieg in der Region um Lakhdaria, wo er zwischen 1993 und 1995 stationiert war. Die Terrorismusbekämpfung rechtfertigt die Anwendung aller Methoden, denn das Ziel ist, den Feind auszumerzen. Die zivile Bevölkerung wird der Komplizenschaft mit den damals sehr aktiven islamistischen Gruppen beschuldigt und Opfer der militärischen Willkür: Razzien, extralegale Hinrichtungen und systematische Folterungen in einer Villa, die schon zur Kolonialzeit als Folterzentrum diente, gehörten zu den täglichen Aufgaben Souaidias. Er schildert zudem, wie er im März 1993 eine Gruppe Fallschirmjäger zu dem Ort Douar Zaatria führt, in dem ein Massakers verübt wurde.

Das Bild, das er von der algerischen Armee zeichnet, ist erschreckend. Der maßlose Zynismus der Generäle führt dazu, daß die Soldaten verheizt werden. Souaidia nennt Beispiele von Offizieren, die in fingierten Anschlägen liquidiert wurden. Oberbefehlshaber Mohamed Lamari scheut sich auch nicht, direkt in Operationen einzugreifen und die Ermordung von mutmaßlichen Terroristen oder von Soldaten zu befehlen. Damit die Soldaten diese extremen Bedingungen aushalten, werden Korruption und Drogen toleriert. Die Soldaten, die nicht mithalten, werden beseitigt oder unter fadenscheinigen Gründen zu Gefängnisstrafen verurteilt. So wird auch Habib Souaidia 1995 des Raubs angeklagt und zu einer vierjährigen Haft verurteilt. 1999 wird er freigelassen, im Jahr darauf flieht er nach Frankreich.

In Frankreich berichten alle Medien über den "schmutzigen Krieg" der algerischen Armee, und in Algerien wurde noch vor seinem Erscheinen versucht, dem Autor jede Glaubwürdigkeit abzusprechen. Seitdem vergeht kein Tag, an dem Habib Souaidia und Nesroulah Yous nicht Zielscheibe der Angriffe algerischer Medien sind. Sie werden beschimpft, als Terroristen und Kriminelle verunglimpft, der Lüge und des Verrats bezichtigt, Gegenzeugen werden präsentiert. Eine nüchterne Auseinandersetzung mit ihren Aussagen findet nicht statt. Um dieses brisante Thema zu vermeiden, wird alles daran gesetzt, die Frage "Wer tötet?" erneut zu tabuisieren. Verschiedene Journalisten verfassen lange Abhandlungen über die Unverschämtheit dieser Frage, die doch bloß dazu dienen würde, die Terroristen freizusprechen und zu rehabilitieren. Dabei wird fälschlicherweise behauptet, in beiden Büchern würde ausschließlich über die Verbrechen der Sicherheitskräfte berichtet und die Gewalt der bewaffneten islamistischen Gruppen nicht verurteilt. Die Autoren, so läßt sich der Tenor zusammenfassen, seien im Grunde Komplizen der Terroristen.

Nach Erscheinen des Buches "La sale guerre" richteten namhafte europäische und algerische Intellektuelle (darunter Pierre Bourdieu, Pierre Vidal-Naquet und Werner Ruf) Anfang 2001 einen offenen Brief an die französische Regierung, in dem es heißt: "Durch diese Zeugnisse [von Yous und Souaidia, AdV] wird die lange vermutete Verstrickung der Militärführung in Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Unterhaltung des islamistischen Terrors so nachdrücklich belegt, daß damit die Forderung nach der Entsendung einer internationalen Untersuchungskommission [...] nicht mehr in Frage gestellt werden kann. [...] Der französische Staat und die französische Diplomatie haben bis heute eine aktive und tatkräftige Rolle gespielt, um eine Verurteilung Algeriens und die Entsendung von Sonderberichterstattern zu verhindern. [...] Wir appellieren mit allem Nachdruck an die französische Regierung, auch um ihr zu sagen, [...] daß ihre Algerienpolitik nicht mehr nur einfach als normale Beziehung zwischen zwei Staaten gelten kann, sondern als ausgemachte Komplizenschaft bei Verbrechen gegen die Menschheit." [3]

Dieser offene Brief löste in Algerien einen Sturm der Entrüstung aus, denn es wurde mit einem Mal klar, daß sich die französische Öffentlichkeit nicht mehr mit dem schalen anti-islamischen Diskurs abfertigen läßt. Die algerischen Machthaber wiederum versuchen nun mit allen Mitteln, Persönlichkeiten zu mobilisieren. Ein offener Brief von "nationalen Intellektuellen" wurde in verschiedenen französischen Zeitungen veröffentlicht, in dem es hieß: "Wir unterstützen, ohne politische Absicht, [...] die Handlungen unserer republikanischen Militärkräfte, um dem Terrorismus ein Ende zu setzen. Im schrecklichen Kampf, den sie gegen die Unmenschen [...] führen, sagen wir ihnen, daß sie nicht allein sind und daß sie die Unterstützung der Gesellschaft und der nationalen Intellektuellen haben." Selbst das algerische Fernsehen, das sich ansonsten eher durch sein Schweigen auszeichnet, inszenierte eine mehrstündige Diskussion, die vor allem dazu diente, den französischen Verleger der beiden Bücher in Verruf zu bringen. Aber sowohl in Frankreich als auch in Algerien verteidigen nur wenige bekannte Persönlichkeiten die algerische Armee.

Gegenstrategie der Generäle

Drei Wochen nach Erscheinen des Buches "La sale guerre" und des offenen Briefes an die französische Regierung trat Oberbefehlshaber Mohamed Lamari an die Öffentlichkeit, um seine Truppen vor der "destabilisierenden Medienkampagne von außen" zu warnen. Er griff Habib Souaidia persönlich an, indem er ihn als Dieb bezeichnete, der aber das Volk in der Überzeugung von der Ehrenhaftigkeit der Armee nicht erschüttern werde. Alle wüßten genau, wer die "blutrünstigen Horden" und ihre Verteidiger seien. Die Attacken des Generals richten sich gegen diejenigen, die seiner Meinung nach den Mythos des "Wer tötet wen?" wieder salonfähig machen wollen, also gegen jene Kräfte, die eine unabhängige Untersuchung der Massaker fordern. Eine Verschwörung von außen würde die Subversion ausgerechnet zu dem Zeitpunkt fördern, an dem die Situation des Landes sich bessert. Diese Kräfte außerhalb Algeriens verfügten allerdings über Unterstützung im Lande, weshalb er die Abweichler innerhalb des Militärs davor warnt, den Weg von Souaidia einzuschlagen. [4]

Die Tatsache, daß Lamari öffentlich Stellung bezieht, macht deutlich, daß die Staatsspitze nervös geworden ist. Zahlreiche algerische Politiker sehen sich genötigt, öffentlich der Armee ihre Loyalität auszudrücken. Präsident Bouteflika, der sich Anfang April in Berlin aufhielt, erklärte, daß das Buch von Habib Souaidia "uns nicht verunsichern wird." Währenddessen bemühen sich einige wenige Stimmen weiterhin, Souaidia zu diskreditieren. Allerdings wirken ihre Erklärungen unbeholfen und unglaubwürdig. Einer der prominentesten unter ihnen ist Yasmina Khadra, Pseudonym eines Oberoffiziers der algerischen Armee. In einem Interview erklärte der Oberoffizier, der dabei auch seine Identität preisgab: "Ich erkläre nachdrücklich, daß ich während der acht Jahre Krieg weder von nahe noch von fern Massaker an Zivilisten, die von der Armee verübt wurden, gesehen oder vermutet habe". [5] Rachid Boudjedra, der auch in Deutschland bekannt ist, rühmt die algerische Armee, auf die er "besonders stolz ist". [6]

Schließlich mußte auch der frühere Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte General Khaled Nezzar nachhelfen. Anläßlich einer Veranstaltung in Paris im April 2001, bei der er seine Memoiren vorstellte, attackierte er das Buch von Habib Souaidia. Am 21. April zeigte er sich gegenüber dem Figaro-Magazine empört angesichts der Medienwirksamkeit von "La sale guerre" und versuchte, Souaidia zu diskreditieren. Der Logik Nezzars, die hier von einem Anflug von Selbsterkenntnis zeugt, kann man sich nur anschließen: "Wenn ich ihre Beschreibungen [von zwei Offizieren], geschrieben mit der Feder von Souaidia, lese, sage ich mir: Wenn das stimmt, wenn all diese Offiziere das sind, was er sagt, dann bin ich verantwortlich dafür. Wenn ich solche Monstren ausgebildet habe, dann bin auch ich ein Monster!" [7] Nezzar hatte bereits in seinen Memoiren erklärt, daß die Bevölkerung von Bentalha selbst für das Massaker verantwortlich sei, da die Angreifer aus ihrer Mitte stammen würden. [8]

Der Straflosigkeit können sich die algerischen Generäle nicht mehr so sicher sein. Algerische Zeitungen berichteten Mitte Februar, daß sich der Chef der algerischen Gendarmerie, dem vorgeworfen wird, im Jahre 1995 für das Massaker im Serkadji-Gefängnis verantwortlich gewesen zu sein, in England aus medizinischen Gründen aufgehalten habe und überstürzt nach Algerien zurückkehren mußte: Britische Geheimdienstquellen hätten die algerische Seite gewarnt, daß möglicherweise eine Strafanzeige gegen ihn drohe. Am 25. April 2001 stellten zwei Folteropfer sowie die Angehörigen eines zu Tode gefolterten Algeriers gegen General Nezzar Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Paris, woraufhin er fluchtartig Frankreich verließ, ohne daß die französischen Behörden ihn daran gehindert hätten. Das war nicht das erste Mal, und es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, daß sich die einstige Kolonialmacht gegenüber den algerischen Generälen gefällig zeigte.

* Salima Mellah, Mitarbeiterin bei algeria-watch.



[1] Nesroulah Yous, avec la collaboration de Salima Mellah, Qui a tué à Bentalha, Chronique d'un massacre annoncé, La Découverte, Oktober 2000.

[2] Habib Souaidia, La sale guerre, La Découverte, Februar 2001.

[3] Eine deutsche Übersetzung erschien am 14. Februar 2001 in der Frankfurter Rundschau.

[4] Armée/Message : Ordre du jour du chef d'état-major de l'armée nationale populaire, APS, 26. Februar 2001.

[5] Le Monde, 13. März 2001.

[6] Le matin, 22. Februar 2001.

[7] Le Figaro Magazine, 21. April 2001.

[8] "Mémoires du Général Khaled Nezzar", Chihab Editions, 1999, S. 81-82.

 
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